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07.05.2020 | Prof. Dr. Michael Korn, Prof. Dr. Matthias Urmersbach

Der Baumeister kann nicht das Ziel sein

BIM in der Ausbildung

Die Diskussion zur BIM-Ausbildung in Deutschland wird fortgesetzt: Nach Stefan Kögl und Timo Kretschmer melden sich Michael Korn und Matthias Urmersbach von der HS Karlsruhe zu Wort.

Anforderungen der Bauwirtschaft

Effizienzsteigerung ist das wesentliche Ziel in der digitalen Transformation herkömmlicher Prozesse. Dies gilt auch für die Bauwirtschaft, in der die BIM-Methodik das Heben wesentlicher Effizienzpotenziale verspricht.

In der Praxis werden von allen Bauprozessbeteiligten derartige Effizienzpotenziale bereits gesehen. Dies betrifft alle Planungsgewerke, aber auch Bauausführende und Bauherren – zunehmend auch die öffentliche Hand. Allerdings fehlen an vielen Stellen schlicht die zur Digitalisierung der Wertschöpfungskette Bau mittels BIM notwendigen Mitarbeiter.

Teilweise wird behauptet, dass die Ausbildungsstätten in Deutschland den Schülern und Studierenden die notwendigen Kenntnisse nicht einmal ansatzweise vermitteln würden. So hat an dieser Stelle Stefan Kögl die Meinung vertreten, dass nur ein Drittel aller Deutschen Universitäten mit Architekturstudium eine Ausbildung zum Thema BIM anböten. Dieses kritisiert er und fordert eine Vernetzung der Lehre mit einer Fokussierung auf die integralen Datenmodelle der Methodik BIM.

Die Autoren dieses Beitrags, beides Hochschullehrer der Hochschule Karlsruhe, sehen für die Zukunft einen klaren Bedarf an einer akademischen, aber auch nichtakademischen Ausbildung der baubezogenen Studien- und Ausbildungsgänge in Bezug auf die Methode BIM. Diese Methodik ist aus Sicht der Autoren ein wesentlicher Schritt für die Integration aller Projektbeteiligten längs der Wertschöpfungskette Bau. Studiengänge und beruf#liche Ausbildungsgänge müssen die Methodik BIM vermitteln und ihre Absolventen auf die aktuellen und zukünftigen Anforderungen der Baupraxis vorbereiten.

Umsetzung an der Hochschule Karlsruhe in der Lehre

An der Hochschule Karlsruhe wurden die Anforderungen aus der Praxis bereits frühzeitig erkannt. Die Hochschule sieht in der Weiterbildung von Praktikern neben klassischer Lehre und Forschung einen weiteren wesentlichen Pfeiler ihrer gesellschaftlichen Aufgabe. Eine Fokussierung von Hochschulen auch auf die wissenschaftliche Weiterbildung trägt aus Sicht der Autoren vor dem Hintergrund einer ständig zunehmenden Digitalisierung in allen Wirtschaftssektoren wesentlich zur Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen Industrie bei.

In diesem Umfeld hat die Fakultät Architektur und Bauwesen, insbesondere der Studiengang Baumanagement und Baubetrieb, ein Weiterbildungsangebot für den vertieften Einstieg von in der Praxis Tätigen in die Methodik BIM geschaffen. In Zusammenarbeit mit den Praxispartnern vollack-Gruppe, Allplan und BUNG wird bereits seit fünf Semestern der Weiterbildungsstudiengang „Building Information Modeling“ an der Hochschule Karlsruhe angeboten.

In diesem werden in den Vertiefungsrichtungen Hochbau und Infrastrukturbau die erforderlichen Kenntnisse zum von der Hochschule Karlsruhe zertifizierten „BIM Professional“ vermittelt. Darüber hinaus ist der Studiengang vom buildingSMART e. V. zertifiziert. Aus Sicht der Autoren kann gerade durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftseinrichtung und Praxis eine wissenschaftlich fundierte, praxisnahe Ausbildung angeboten werden.

Der Weiterbildungsstudiengang BIM an der Hochschule Karlsruhe ist so aufgebaut, dass zunächst Basiskenntnisse der Methodik BIM vermittelt werden. Diese Vermittlung betrifft alle der fünf für BIM wesentlichen Themenbereiche Modellierung, Mitarbeiter, Regelwerke, Technologien und Prozesse. Insbesondere wird ein starker Fokus auf die Vermittlung von Synergiepotenzialen zwischen den Themenfeldern BIM und Lean gelegt.

Wesentlich für den Erfolg einer solchen Weiterbildung ist aus Sicht der Studiengangsleitung der Praxisblock, in dem die Teilnehmer – aufbauend auf diesen Basiskenntnissen – die Wertschöpfungsstufen an einem realen kleinen Projekt selbst nachvollziehen können.

Auch in der klassischen Lehre in der Fakultät Architektur und Bauwesen hat die BIM-Methodik an der Hochschule Karlsruhe bereits seit drei Jahren erfolgreich Einzug gehalten. In verschiedenen Vorlesungen – von der klassischen Modellierung über Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung bis zur Kalkulation – wird BIM im Bachelor- und Masterstudiengang Baumanagement und Baubetrieb nicht nur thematisiert, sondern praktisch angewendet. Auch in den Studiengängen Architektur und Bauingenieurwesen ist BIM bereits in den Unterricht integriert.

Darüber hinaus sind an der Fakultät mehrere studienübergreifende Projekte durchgeführt worden, wie das Projekt „BIMtoWood“, in dem für das Gebäude B der Hochschule Karlsruhe ein Erweiterungsgebäude in Holzbauweise projektiert wurde. Studierende aus den drei Studiengängen Architektur, Bauingenieurwesen und Baumanagement/Baubetrieb bearbeiten über ein Semester ein gemeinsames Projekt unter Anwendung der BIM-Methodik. Verschiedene Gruppen werden mit der Erstellung verschiedener Fachmodelle beauftragt. Ein Management-Team übernimmt sämtliche Aspekte der Koordination der anderen Gruppen.

Die bereits durchgeführten Projekte haben von Seiten der beteiligten Studierenden ein sehr positives Feedback erfahren. Insbesondere wurde die gute Verzahnung der Themenfelder aus Entwurfs-, konstruktivem und Managementbereich betont. Viele Studierende erfuhren durch das studiengangübergreifende BIM-Projekt erstmals, wie ein Studienkollege aus den anderen Studiengängen arbeitet und welche Schwerpunkte in diesen Ausbildungen gesetzt werden. Aus Sicht der Autoren ist eine derartige gesamthafte Ausbildung ein großer Vorteil für die spätere Praxis, um das Silodenken der beteiligten Professionen zu durchbrechen.

Umstellung an der Hochschule Karlsruhe in der Praxis

Die Hochschule Karlsruhe weist hier eine Vielzahl von Gebäuden auf, die sich für den Anwendungsfall Bestandserfassung in der Lehre aufgrund ihrer Regelmäßigkeit besonders eignen. Als Prototyp wurde das Gebäude der Fakultät Architektur und Bauwesen, das sogenannte Gebäude B, ausgewählt. Dieses Gebäude aus den 1970er Jahren wurde von den Studierenden modelliert, wozu die an der Hochschule Karlsruhe verfügbaren digitalen und analogen Datenbestände analysiert wurden.

Dabei war die Erstellung des Modells kein Selbstzweck. Die Modellstruktur wurde im Hinblick auf eine spätere Auswertung im Rahmen des infrastrukturellen Facility Managements der Hochschule optimiert. Insbesondere die Raumstruktur war für das Flächen- und Umzugsmanagement im Vorfeld genau zu durchdenken. An der Hochschule Karlsruhe wird angestrebt, auch die weiteren Gebäude entsprechend erfassen zu lassen und die Modelldaten in die Facility-Management-Prozesse, die aktuell optimiert werden, einfließen zu lassen. Perspektivisch können Effizienzgewinne über die Landesbauverwaltung Baden-Württemberg in die Breite gestreut werden.

Fazit

Die Deutsche Universitäts- und Hochschullandschaft bietet mit ihren verschiedenen Ausbildungseinheiten für Architekten, Bauingenieure, Fachingenieure und Baumanager ein großes Potenzial für den Ansatz des Integralen Bauens. Die Methode BIM fordert von den Bauprojektbeteiligten ein gemeinsames bzw. integrales Arbeiten in den unterschiedlichen Phasen des Bauprojektes ein. Werden diese Anforderungen auch in die Ausbildung an den Hochschulen umgesetzt, ergeben sich ganz neue Potenziale für die Ausbildung.
Diesbezüglich kann aus Sicht der Autoren aber nicht eine Ausbildung zum klassischen Baumeister mit einem allübergreifenden Wissen das Ziel sein. Vielmehr soll die akademische Ausbildung darauf gerichtet sein, durch Abstimmung zwischen den verschiedenen baubezogenen Studiengängen ein gemeinsames Verständnis für die Denkweisen der anderen Professionen zu entwickeln und ein abgestimmtes, effizientes Handeln der Projektbeteiligten zu fördern.


Lesen Sie auch „Warum die Ausbildung reformbedürftig ist“ von Stefan Kögl und „Mehr Miteinander wagen“ von Timo Kretschmer.

© Chaay_tee/stock.adobe.com
Autor

Prof. Dr. Michael Korn studierte Wirtschaftsingenieurwesen und Bauingenieurwesen an der TU Berlin. Er promovierte zum Dr.-Ing. am Institut für Bauwirtschaft und Baubetrieb der TU Berlin. Seit 2006 ist er Professor für Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung/Projektablaufplanung an der Hochschule Karlsruhe (HsKA). Er leitet das Weiterbildungsstudium „Zertifikatsstudium BIM“ an der HsKA und arbeitet in der Normierung von BIM und Lean in VDI und GLCI (German Lean Construction Institute) mit, Foto: HS Karlsruhe. hs-karlsruhe.de

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