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13.03.2020 | Timo Kretschmer

Mehr Miteinander wagen

BIM in der Ausbildung

In Build-Ing. 1 | 2020 benannte Stefan Kögl die Defizite der BIM-Ausbildung in Deutschland. Darauf antwortet Timo Kretschmer – mit einem Positivbeispiel aus der HTWK Leipzig.

„Nur wer wagt, kann auch gewinnen.“ Mit dieser Redewendung waren wir wohl alle schon einmal konfrontiert. An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig haben wir uns bei der Entwicklung eines integralen, fakultätsübergreifenden Modulangebots zur Vermittlung von BIM daran erinnert.

Studierende in den Studiengängen Architektur, Bauingenieurwesen, Energie-, Gebäude- und Umwelttechnik, aber auch Wirtschaftsingenieurwesen Bauwesen könnten an ihren Fakultäten nebeneinander die Digitalisierung ihrer Arbeitsbereiche erfahren und vorantreiben.
An der HTWK Leipzig können Studierende aus vier verschiedenen Fakultäten in gemeinsamen Mastermodulen mehr Miteinander wagen.

Komplexität

Das Bauwesen – stellen Sie sich durchaus eine kleine Figur vor, die bemüht ist, alle erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten für die Planung, Herstellung und den Betrieb von Bauwerken jedweder Art zu vereinen – ist überfordert.

Zeitgemäße Bauwerke sollen nachhaltig, klimaneutral, effizient, günstig, wiederverwertbar, sozial, ästhetisch und funktional sein. Es gäbe noch viele Attribute, die hier zu ergänzen wären. Lässt sich das alles noch mit Skizzen und Aktennotizen, zweidimensionalen Planzeichnungen und Betriebs-beschreibungen abbilden und erfassen? Sicherlich nicht. Aber diese vertrauten Elemente müssen nicht grundsätzlich ausgesondert werden. Komplexität erfordert neue Werkzeuge, neue Methoden¬ und ein neues oder anderes Miteinander.

Generation Smartphone

Das Bauwesen – ja, die kleine Figur von eben – kennt Generationenkonflikte. Konflikte werden häufig auf dem Rücken von Vorurteilen ausgetragen. Grundsätzlich ist es hilfreich, sich die Ursachen genauer anzusehen und zu analysieren.

Die Studierenden von heute gehören der Gruppe der digital natives an und haben häufig auf Seiten der Lehrenden mit der Gruppe der digital immigrants zu tun. Damit wird keinesfalls ein Urteil gefällt. Es werden lediglich die Ausgangssituationen gruppiert. Diese Gruppierung hilft, die Voraussetzungen und Handlungsweisen gegenüberzustellen. Viele Lehrende entdecken z. B. erst langsam die Vorteile von Lernvideos, um erforderliches Wissen zu vermitteln. Lehrvideos gehören (noch) nicht zum gewohnten Werkzeug vieler Lehrenden. Heutige Studierende nutzen selbstverständlich Videokanäle, um ihr Wissen¬ zu vertiefen oder Zusammenhänge erklären zu lassen.

Die vielfältigen Möglichkeiten, die uns über ein Smartphone und die passenden Anwendungen jederzeit begleiten, zeigen eindrucksvoll, wie sehr der technologische Wandel unser Verhalten beeinflusst und neue Wege ermöglicht.

Digitale Transformation

Tradition und digitale Transformation passen häufig besser zusammen, als manche glauben. Die Kunst besteht in der Abgrenzung der Prozesse. Hochschulen tragen wesentlich zur Befähigung junger Menschen bei, etablierte Prozesse zu hinterfragen und weiter zu entwickeln.

Etablierte Berufsbilder erfordern etablierte Ausbildung.
Alternative Berufsbilder erfordern alternative Ausbildung.

Aber stimmen diese Thesen? Die Reformbedürftigkeit der Ausbildung wurde von Stefan Kögl begründet.

Wir kennen viele Studierende, die ihre Skizzen auf einem Tablet, ihre Entwürfe dreidimensional und ansprechend visualisiert präsentieren. Ihre Werkzeuge sind durchgängig digital. Dennoch werden in der Lehre immer wieder handgefertigte Arbeitsmodelle und Skizzen gefordert.

Das sind Fertigkeiten, die nicht verlorengehen sollen. Der Charme des Unperfekten, die Entwicklungsmöglichkeit, der Prozess. Vielleicht auch die Langsamkeit des Denkens oder das Herbeiführen von Entscheidungen. Sind es liebgewonnene Gewohnheiten oder notwendige Werkzeuge, um gute Bauten zu entwickeln? In diesem Spagat bewegen sich viele Hochschulen, und viele Studiengänge stehen vor dem Prozess der Digitalisierung. Der Lehrkörper ist keine starre Masse. Im besten Fall ist oder wird er geschmeidig, ohne dabei seine Identität zu verlieren.

Kombination statt Isolation

Unser Bauwesen stellt sich dieser Herausforderung. Kreative Architektur, gewissenhafte Ingenieurleistung, systematische Gebäudetechnik. Wieder sind es die Attribute, die wir den einzelnen Berufsbildern mitgeben. Es sind wenige Attribute, die wir dabei herausragend oder charakteristisch kennzeichnen. Die gemeinsamen Attribute werden nicht benannt.

Das Potenzial von BIM – vielmehr der Digitalisierung im Bauwesen – liegt im Miteinander. Erst das kombinierte Wissen oder Wollen führt zu einer Optimierung des Möglichen. Mehrwerte generieren sich nicht durch Isolation, sondern durch Kombination. Dabei ist die isolierte Betrachtung allerdings probates Mittel, um ein konsistentes, aufeinander abgestimmtes Ganzes entwickeln zu können.
Ein Beispiel: Die Stahlbetondecke hat eine tragende Funktion. Sie muss diesem Attribut folgen. Die Decke kann darüber hinaus aber auch Wärme speichern. Sie kann somit auch zusätzlichen Attributen folgen. Erst die integrale Planung nutzt die Möglichkeiten der zusätzlichen Attribute und schöpft die Möglichkeiten im Idealfall am besten aus. Dieses Bewusstsein zu vermitteln und die Befähigung der Studierenden zu erzielen, stehen im Mittelpunkt unserer Lehre im Bereich BIM.

Angewandte Wissenschaft

In unseren BIM-Lehrveranstaltungen sitzen alle Teilnehmenden meistens in einem Raum zusammen. Die Seminare dienen in erster Linie dem Austausch und der Organisation. Alle Beteiligten können ihre Belange direkt in die Gruppe tragen und erhalten direkt eine Antwort oder eine Terminkette, so dass zielgerichtet weitergearbeitet werden kann. Aufgeteilt in Teams, verfolgen die Studierenden unterschiedliche Ziele und erstellen Fachmodelle, sind auf Ergebnisse anderer angewiesen und erleben so, wie im Prozess kommuniziert und verifiziert werden muss.

Natürlich kennen wir inzwischen viele Stolperfallen, haben mit Technik und Anwendungen und unterschiedlichsten Vorkenntnissen zu kämpfen. Das ist der gewagte Teil. Wir können nicht jede Antwort geben. Wir stoßen immer wieder auf neue Fragen. Wir gewinnen aber an Erkenntnis und können unseren Studierenden das mit auf den Weg geben. Fortsetzung gewiss.


Lesen Sie auch: Warum die Ausbildung reformbedürftig ist (Stefan Kögl, Build-Ing. 1 | 2020)

© Timo Kretschmer
BIM-Seminar an der Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften. Zeitgleich findet das Seminar an der Fakultät Bauwesen statt.
Autor

Timo Kretschmer ist Architekt und arbeitet seit 2001 in unterschiedlichen Funktionen an der HTWK Leipzig. Von 2001 bis 2014 war er an der Fakultät Bauwesen tätig und unterstützte die Lehrtätigkeit. Hier führte er das bauteilorientierte Arbeiten in der Vertiefungsrichtung Hochbau ein. Seit 2014 ist er an der Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften und unterstützt die Lehre im Bereich Building Information Modeling. Das integrale, fakultätsübergreifende Modul hat er initiiert und mitgestaltet. bim.htwk-leipzig.de

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