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09.03.2020 | Prof. Dr. Irene Bertschek, Dr. Thomas Niebel

Digitalisierung? Gern, aber später.

Digitaler Wandel in der Baubranche

Was Dr. Ilka May (*) im Interview aus eigener Anschauung berichtet, wird durch eine unabhängige Studie des ZEW bestätigt: Die Baubranche tut sich noch schwer mit dem digitalen Wandel.

Beim Einsatz digitaler Technologien hinkt die deutsche Baubranche im Vergleich zu anderen Branchen und im internationalen Vergleich zum Teil noch hinterher. Bislang investiert die Baubranche wenig in Digitalisierungsprojekte und beschränkt sich dann oftmals auf den Einsatz grundlegender digitaler Lösungen wie die der elektronischen Rechnungsstellung oder CAD-Anwendungen (genutzt von 38,5 bzw. 36,2 Prozent der Unternehmen in der Baubranche inklusive Planungsbereich). Bauspezifische Technologien wie 3D-Scanner oder Virtuelle Realität werden dagegen eher selten genutzt (2,8 bzw. 7,5 Prozent der Unternehmen).

Planer bei Digitalisierung vorn

Zu diesen Ergebnissen kommt die Studie „Zukunft Bau – Beitrag der Digitalisierung zur Produktivität in der Baubranche“, die das ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) erstellt hat. Im Rahmen der Studie wurde u. a. eine repräsentative Befragung bei Unternehmen der Bauwirtschaft inklusive Planende durchgeführt.

Die Teilbranchen der Bauwirtschaft inklusive Planende weisen unterschiedlich starke Digitalisierungsfortschritte auf. So ist der Planungsbereich die Teilbranche mit dem höchsten Digitalisierungsgrad, die zugleich am stärksten den positiven Einfluss der Digitalisierung auf die Unternehmensperformance wahrnimmt. Im Vergleich dazu sind das Bauhauptgewerbe und das Ausbaugewerbe deutlich weniger digital aufgestellt.

Als zentrale Hemmnisse für die erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsprojekten gelten der zu hohe finanzielle (62,4 Prozent der Unternehmen) und zeitliche (61,5 Prozent) Aufwand, der mit Digitalisierungsprojekten einhergeht. Als hinderlich werden von der Mehrzahl der befragten Unternehmen weiterhin zu strikte Datenschutzregeln (57,5 Prozent), der unzureichende Breitbandausbau (55,6 Prozent) sowie fehlende Standards und Schnittstellen (54,9 Prozent) wahrgenommen.

Bemerkenswert ist, dass über die Hälfte der Unternehmen (52,1 Prozent) schlichtweg keine Notwendigkeit für Digitalisierungsprojekte sieht. Ob Unternehmen eine Notwendigkeit für Digitalisierung sehen, hängt jedoch stark von der Unternehmensgröße ab. Ab einer Unternehmensgröße von 20 und mehr Beschäftigten herrscht eine breite Zustimmung zu Digitalisierungsvorhaben. Im Gegensatz dazu sind die Kleinst- (0 bis 4 Beschäftigte) und Kleinunternehmen (5 bis 19 Beschäftigte) eher – und im Fall der Kleinstunternehmen sogar in der Mehrheit – Digitalisierungsskeptiker bzw. sehen aktuell keine Notwendigkeit, die Digitalisierung in ihrem Unternehmen voranzutreiben.

Bauboom bremst Digitalisierung

Dies ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass in der derzeit guten wirtschaftlichen Lage die Kapazitäten, sich mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen, gerade in den kleinen Unternehmen nicht vorhanden sind. Insbesondere kleine Betriebe, die im Baugewerbe besonders zahlreich zu finden sind, können nicht die Zeit aufwenden, sich mit der Digitalisierung zu befassen. Dabei wäre es wichtig, sich auf konjunkturell weniger gute Zeiten vorzubereiten, und gerade die Digitalisierung kann dazu beitragen. Wie empirische Studien zeigen, sind es die hoch digitalisierten Unternehmen, die besser für Krisenzeiten gewappnet sind als die wenig digitalisierten, da sie ihre Prozesse flexibler an unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen anpassen können.

Investitionen in die Digitalisierung bringen eine stärkere Vernetzung von Unternehmen in der Bauwirtschaft und in der Wertschöpfungskette Bau mit sich. Dies ist heute schon feststellbar, insbesondere im bereits relativ hohen digitalen Vernetzungsgrad zwischen dem Planungsbereich mit seiner bereits fortgeschrittenen Digitalisierung und anderen, weniger digitalen Akteuren in der Bauwirtschaft.

Positive Aussichten für die Zukunft

Trotz der bislang ungenutzten Potenziale nimmt auch die Bauwirtschaft inklusive des Planungsbereichs den entscheidenden Einfluss der Digitalisierung für die Zukunft wahr. So erwarten deutlich mehr Unternehmen positive Auswirkungen der Digitalisierung auf ökonomische Erfolgsvariablen wie Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit oder Arbeitsproduktivität in der Zukunft als gegenwärtig. Beispielsweise gehen 57,5 Prozent der Unternehmen von positiven Digitalisierungsauswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit in den nächsten drei Jahren aus, während das zum heutigen Zeitpunkt nur 49,3 Prozent der Unternehmen tun.

Deutlich positiver im Vergleich zum heutigen Zeitpunkt werden außerdem die zukünftigen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Innovationsfähigkeit (48,9 Prozent in drei Jahren vs. 40,7 Prozent heute) gesehen. Die zentrale Frage der Produktivitätswirkung der Digitalisierung schätzen schließlich 47,3 Prozent der Unternehmen positiv für die Zukunft ein.

Die Baubranche hat demnach sehr wohl die Chancen der Digitalisierung für Produktivitäts- und Qualitätszuwächse erkannt. Als einer der bedeutendsten Wirtschaftssektoren in Deutschland mit rund zwei Millionen Beschäftigten und fast 330.000 Betrieben ist es nun wichtig, diese Potenziale – auch im Interesse der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – zu heben.

Die vollständige Studie ist über die Website des ZEW kostenlos abrufbar


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(*) Lesen Sie auch das Interview mit Dr. Ilka May: "Hört auf, nur über die Effizienz zu diskutieren!"

© Monopoly919/stock.adobe.com
Autoren

Irene Bertschek studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim (Diplom) und der Université catholique de Louvain, Louvain-la-Neuve, Belgien, (Master of Arts) mit den Schwerpunkten Ökonometrie und Industrieökonomik. Im Rahmen des EuropeanDoctoral Program promovierte sie an der Université catholique de Louvain. Sie ist Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Digitale Ökonomie“ und Professorin für „Ökonomie der Digitalisierung“ an der Justus-Liebig- Universität Gießen. Seit Mai 2019 ist sie Mitglied der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) der Bundesregierung.
zew.de/MA252


Thomas Niebel studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Konstanz mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Staat sowie Statistik und Ökonometrie.
Seine Dissertation mit dem Titel „Essays on Information and Communication Technologies, Intangibles and Growth“ schloss er im Jahr 2014 an der Goethe-Universität Frankfurt ab. Seit August 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im ZEWForschungsbereich „Digitale Ökonomie“. zew.de/MA577

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