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06.03.2020 | Jürgen Winkler

„Hört auf, nur über die Effizienz zu diskutieren!“

Interview zum Stufenplan Digitales Planen und Bauen

Vor fünf Jahren verkündete Verkehrsminister Dobrindt den Stufenplan Digitales Planen und Bauen. Dr. Ilka May gehörte zu den maßgeblichen AutorInnen. Wir sprachen mit ihr über ihre Bilanz nach fünf Jahren Stufenplan und die Perspektiven für BIM in Deutschland.

Build-Ing.
Im Jahr 2015 ließ das damalige Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unter Minister Alexander Dobrindt den Stufenplan Digitales Planen und Bauen erarbeiten, dessen erstes Zielniveau in diesem Jahr erreicht werden soll. Sie waren daran maßgeblich beteiligt. Wie kam es dazu?

Ilka May
Der Stufenplan wurde von der planen-bauen 4.0 GmbH erstellt. Das war eine Initiative, die sich aus den Empfehlungen der Reformkommission Großprojekte gebildet hat, um die beiden Themen „IT-gestützte Planungsmethoden“ und „Building Information Modeling“ stärker voranzutreiben. Daraus entstand eine BIM-Initiative beim BMVI.

Unter Federführung des buildingSMART e. V., des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, der Bundesarchitektenkammer, der Bundesingenieurkammer und anderer Kammern und Verbände entwickelte sich eine Bewegung, um aus der gesamten Wertschöpfungskette heraus eine Plattformgesellschaft zu gründen. Das wurde die planen-bauen 4.0 GmbH. Ihre 14 Gründungsgesellschafter deckten alle Interessen an der Wertschöpfungskette ab. Deshalb wurde vorgeschlagen, dass die planen-bauen 4.0 GmbH den Stufenplan schreiben sollte. Daraufhin gab die planen-bauen 4.0 GmbH beim BMVI ein Angebot für den Stufenplan ab und erhielt den Auftrag.

Build-Ing.
Sie waren bei der planen-bauen 4.0 GmbH angestellt?

Ilka May
2015 arbeitete ich noch bei Ove Arup. Wir haben lange für die Gründung einer Plattformgesellschaft gekämpft, aber als es plötzlich so weit war, hatten wir keine Leitung. So wurde ich bei Ove Arup zu 50 Prozent freigestellt und gemeinsam mit Helmut Bramann Interim-Geschäftsführerin der planen-bauen 4.0 GmbH. Nach der Auftragserteilung durch das BMVI haben wir zu zweit das Projekt Stufenplan geleitet und eine Reihe von Experten in das Arbeitsteam berufen. Wir veranstalteten mehrere Workshops mit den Gesellschaftern. Dabei wurden die Inhalte des Stufenplans erarbeitet und von uns schriftlich fixiert.

Build-Ing.
Der Stufenplan sorgte 2015 für eine fast euphorische Welle. Damals dachte man, jetzt geht’s los, jetzt steht die Digitalisierung ganz oben auf der Agenda der Bauindustrie. Fünf Jahre später scheint die Welle zumindest in Deutschland weitgehend versickert zu sein, bis auf ein paar schmale Rinnsale, die in kleinen Arbeitsgruppen vor sich hin plätschern. Dank exzellenter Baukonjunktur verzichtet die deutsche Bauindustrie auf die Digitalisierung, während Österreich und die Schweiz energisch voranschreiten. Täuscht dieser Eindruck?

Ilka May
Mein persönlicher Eindruck ist, dass es in Deutschland keinen langfristigen strategischen Plan gibt, der darlegen würde, wie viel wir als Industriesektor in die Digitalisierung investieren wollen, was man sich davon verspricht und wie man das Thema eigentlich langfristig bewältigen will. Einen solchen Plan kenne ich auch aus der Schweiz und aus Österreich nicht. Ich sehe auch nicht, dass die Digitalisierung der Bauwirtschaft in diesen beiden Ländern weiter wäre als in Deutschland.

Build-Ing.
Gibt es in anderen Ländern einen strategischen Plan zur Digitalisierung der Bauindustrie?

Ilka May
Ich kenne nur ein Land, das sich bisher einen strategischen Plan gegeben hat, das ist Großbritannien. Dort hat man eine Business Case Betrachtung gemacht und sich gefragt, warum machen wir das, was haben wir als Nation davon, welchen volkswirtschaftlichen und makroökonomischen Gewinn erwarten wir.

In Großbritannien hat man sich auch Gedanken über die Struktur des Bausektors gemacht. Er ist sehr kleinteilig, mit vielen mittelständischen Unternehmen. Das zuständige Ministerium hat überlegt, wie man die Menschen, die in diesem Sektor arbeiten, bestmöglich unterstützen kann. Das ist der Job der Regierung. Sie muss die Menschen in Lohn und Brot halten, sie muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es ihnen gut geht. Bei einem Umsturz wie der Digitalisierung, der ja sehr schnell passiert und vielen Leuten Angst macht, dürfen wir keinen Kollateralschaden erleben.

Das alles wurde in Großbritannien strategisch durchdacht und anschließend aufgeschrieben. Damit gibt es eine Grundlage, um zu entscheiden, welche Weichen gestellt werden müssen, welche Ziele ausgerufen werden, wie viel investiert werden muss und wohin die Investitionen fließen. Ein solcher Plan fehlt aus meiner Sicht in Deutschland.

Build-Ing.
Ein strategischer Plan könnte die nächste Etappe nach dem Stufenplan sein.

Ilka May
Das war auch unser Ziel. Wir wollten nach dem Stufenplan weitermachen und die Plattform planen-bauen 4.0 nutzen, um einen strategischen Plan zu erstellen. Eine Strategie erarbeitet man aber nicht in drei oder vier Monaten. Dafür muss man viel recherchieren, das braucht Ressourcen, die die planen-bauen 4.0 GmbH nicht hatte. Deshalb haben wir gesagt, lasst uns als Anfang die erste Stufe der Strategie definieren. Diese Aufgabe können wir per Direktvergabe in kürzerer Zeit und mit weniger Geld realisieren.

Wenn wir die erste Stufe kommuniziert haben und der Markt weiß, in welche Richtung er loslaufen will, können wir gemeinsam mit dem Ministerium die langfristige Strategie klären. Vielleicht haben wir nicht klar genug kommuniziert, dass das erste Zielniveau des Stufenplans erst der Anfang der Digitalisierung war; ein absolutes Mindestniveau. Wir haben quasi dafür gesorgt, dass sich die Boote an einer gemeinsamen Startlinie einfinden, aber wir haben noch lange nicht die Ziellinie definiert.

Build-Ing.
Wurde an der Strategie gearbeitet?

Ilka May
Dazu ist es nicht mehr gekommen. Die Beteiligten verloren offenbar das Interesse. Viele dachten vielleicht auch, wir haben jetzt den Stufenplan, und damit sind wir fertig. Das ist aber viel zu kurzfristig gedacht. Der Markt und gerade die kleinen und mittelständischen Unternehmen fühlen sich allein gelassen mit den Herausforderungen des schnellen Wandels. Gleichzeitig haben wir seit vielen Jahren im Bau Hochkonjunktur. Der Leidensdruck ist da nicht sehr hoch, es gibt ja genug zu tun. Es wird spannend zu sehen, was passiert, wenn sich das mal ändert.

Build-Ing.
Beim Blick auf die Liste der Gesellschafter der planen-bauen 4.0 GmbH wundert mich, dass es dort keinen strategischen Weitblick gab. Immerhin versammelt die GmbH das Who’s Who der deutschen Bauindustrie.

Ilka May
Die Arbeit am Stufenplan war Ende 2015 abgeschlossen. Ende 2020 sollten Auftraggeber und Lieferkette für das erste Zielniveau bereit sein. Vielleicht war das schon ambitioniert und weitsichtig genug für viele? Anfang 2016 gab es dann einen Personalwechsel, Helmut Bramann und ich verließen die planen-bauen 4.0 GmbH, und der Strategieplan wurde in unserer Linie nicht weiterverfolgt. Das Ministerium setzte andere Prioritäten, die sich aber alle mit der Umsetzung des ersten Zielniveaus befassten.

Ich wurde später vom Ministerium angefragt, bei der Formulierung der Ausschreibung für das Kompetenzzentrum zu helfen, die inzwischen als Auftrag vergeben wurde. Eine Weiterentwicklung des Stufenplans zu einer echten Strategie mit Business Case und Marktunterstützung, die parallel zur Umsetzung der ersten Stufe hätte stattfinden müssen, stieß aber zu dieser Zeit nicht auf Interesse. Daraufhin habe ich mein Engagement in der Politik eingestellt, das hat einfach nichts mehr gebracht.

Build-Ing.
Aber Sie sind nach wie vor eine aktive Beobachterin der deutschen Bauindustrie. In dieser Branche läuft vieles sehr zäh, Veränderungen passieren im Schneckentempo. Solange die Marktteilnehmer
ihr Betongold in die Städte wuchten können, haben sie kein Interesse an der Digitalisierung.

Ilka May
Ich glaube nicht, dass sie kein Interesse haben. Sie sehen das nur ganz anders. Sie glauben, dass sie genau das Richtige machen und dass sie super unterwegs sind. Mir fehlt dabei das größere strategische Denken. Wir haben jetzt 2020, und theoretisch sollten öffentliche Infrastrukturprojekte jetzt auf Zielniveau 1 laufen – wie das definiert ist, steht im Stufenplan.

Ich sehe allerdings nicht, dass die deutsche Bauwirtschaft schon auf diesem Level agiert. Es herrscht noch viel Unwissen und es fehlt Praxiserfahrung, wie man zum Beispiel als Auftraggeber seine Informationsanforderungen spezifiziert und wie Daten im Projekt oder Unternehmen wertschöpfend eingesetzt werden. Wir erstellen und erheben Daten aber nicht zum Selbstzweck, sondern sie haben einen Wert. Andere Industriezweige haben den Wert von Daten besser erkannt als der Bausektor. Dabei gibt es inzwischen viele Beispiele für den Einsatz digitaler Abbilder von real existierenden oder geplanten Bauwerken und Anlagen.

Build-Ing.
Immerhin gibt es jetzt das nationale BIM-Kompetenzzentrum.

Ilka May
Ja, aber als Steuerzahlerin frage ich mich, ob mein Steuergeld für das Kompetenzzentrum sinnvoll ausgegeben wird. Da habe ich meine Zweifel, das sage ich ganz ehrlich. Wenn ich frage, was eigentlich die Aufgabe des Kompetenzzentrums ist, welchen Plan es umsetzen soll, welche Ergebnisse erwartet werden, wer die Aufgaben priorisiert, wer es kontrolliert und seine Arbeit überprüft, erhalte ich keine Antworten. Das finde ich unbefriedigend. Dabei sind das alles hervorragende Leute, die das Kompetenzzentrum aufbauen. Wenn ich mich aber nach ihrer Strategie erkundige, dann höre ich, die müssen wir jetzt erstellen. Da frage ich mich: Was wurde denn in den vergangenen vier Jahren gemacht?

Build-Ing.
Bei der Digitalisierung der Bauindustrie habe ich den Eindruck, dass die Marktteilnehmer in Deutschland gespalten sind. Auf der einen Seite stehen die BIM-Enthusiasten, die sich für das Kompetenzzentrum engagieren, sowie die Baukonzerne und großen Architektur- und Planungsbüros. Auf der anderen Seite steht die Masse der kleinen Büros und Baubetriebe, für die Themen wie BIM und Digitalisierung so fern sind wie die nächste Expedition zum Mars.

Ilka May
Ja, den Eindruck teile ich, wobei ich die Haltung nicht an der Größe der Unternehmen festmachen kann. Ich sage ja, uns fehlt der richtige Business Case. Aus Sicht des größten Bauherrn, also der öffentlichen Hand und der Politik, gibt es einige entscheidende Zahlen: Investitionskosten für den Neubau/Ausbau der öffentlichen Infrastruktur; Betriebskosten für die Instandhaltung und Wartung; und darüber hinaus noch die Kosten für das eigentliche Betreiben, also die Erbringung der Dienstleistungen am Bürger, d. h., Löhne, Gehälter oder Energiekosten. Die Kosten für den Neubau der Infrastruktur sind dabei am geringsten.

Wenn nun Einsparungen erzielt werden sollen, sollte man nicht die Reduzierung der geringsten Kosten anstreben, also beim Planen und Bauen sparen. Das geht irgendwann nämlich nur noch zu Lasten der Lieferkette und verursacht schlechte Qualität. Jede Diskussion über BIM in Deutschland dreht sich um die Frage, wie wir die Effizienz beim Planen und Bauen steigern können. Das ist der Punkt, an dem ich sage, hört auf, nur über die Effizienz zu diskutieren. Man muss auch darüber sprechen, aber nicht nur. Denn diese Diskussion geht auf Kosten der Lieferkette und des Mittelstands, dem Motor unserer Wirtschaft. Statt das man sagt, wir müssten die Büros eigentlich mit fairen Verträgen ausstatten und gut bezahlen, damit sie Atemluft haben, um Innovationen voranzutreiben und um ihre Risiken zu minimieren, versuchen wir, diese kleinen Büros über Effizienzgewinne im Preis zu drücken. Das ist hanebüchen.

Die langfristige Strategie muss sein, am anderen Ende zu sparen, wo der große Hebel sitzt: an den Dienstleistungskosten, den vielen kleinen Reibungsverlusten, die sich Tag für Tag aufaddieren, an der Verbesserung der Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit der Infrastruktur. In Großbritannien hat man so einen Business Case durchgerechnet und zum Beispiel festgestellt, dass man 90 Milliarden Pfund pro Jahr in den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur investiert, aber gleichzeitig die durch Staus verursachten Kosten bei 30 Milliarden Pfund liegen – da weiß man doch, was man zu tun hat, oder? Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man zehn Prozent Investitionskosten einspart, im Gegenteil.

Build-Ing.
Wird irgendwann die Erkenntnis reifen, dass sich die Effizienzgewinne beim Planen und Bauen nicht endlos steigern lassen, wenn man einen Kahlschlag bei kleinen Büros vermeiden will?

Ilka May
Ehrlich gesagt, bin ich an diesem Punkt etwas ernüchtert. Aus meiner Sicht braucht es hier eine politische Führung. Jemand müsste die Weitsicht haben, das Thema Digitalisierung der Bauindustrie auch aus vertraglicher Sicht zu betrachten. Wir müssten die Vergabepraxis und die Versicherungen anpassen, um die Marktteilnehmer zu entlasten – also den 10-Punkte-Plan der Reformkommission wieder auf den Tisch legen, denn da stehen alle Themen drin.

Wir können die Digitalisierung des Bausektors nicht losgelöst von Themen wie Risikomanagement, Budgetierung, Haushalt, Streitbeilegung und Vergabepraxis betrachten. Aber ich sehe nicht, dass das passiert. In den Gremien wird bei Digitalisierung immer wieder über Datenschnittstellen diskutiert. Aber das löst unser Problem nicht, das sind rein technische Diskussionen. In den Gremien findet man zu wenig Volkswirte.

Build-Ing.
Zumindest nicht, solange die Politik passiv bleibt.

Ilka May
Ich habe es aufgegeben, darauf zu warten, dass die Politik aktiv wird. Politiker denken in Legislaturperioden und Parteifarben. Ich weiß nicht, wer kommen muss, um die Politik aufzuwecken.

Build-Ing.
Sollte die Politik den Markt regulieren?

Ilka May
Nein, die Politik hat andere Möglichkeiten. Die öffentliche Hand ist in der Baubranche der größte singuläre Auftraggeber. Hier erwarte ich, dass die Politik den Rahmen setzt und die öffentlichen Auftraggeber ihre Verantwortung gegenüber dem Bausektor wahrnehmen – also Innovation fördert, fairen Wettbewerb, partnerschaftliche Projektabwicklung usw. Das passiert zu selten, die öffentlichen Auftraggeber sind zu sehr auf sich allein gestellt.

Build-Ing.
Gibt es öffentliche Auftraggeber, die von sich aus aktiv werden?

Ilka May
Ja, die gibt es. Mir sind einige Beispiele bekannt, wo man versucht, das Richtige zu tun und seiner Verantwortung als Auftraggeber gerecht zu werden. Man hat sich teilweise Beratung ins Haus geholt und eine Strategie entwickelt, um ein guter Auftraggeber zu sein. Aber es gibt nur wenig brauchbare administrative Vorgaben, und wenn diese Ämter sich externe Hilfe holen, müssen sie sie oft aus ihrem eigenen Budget bezahlen. Da gibt es noch zu wenig Führung und Hilfestellung von Seiten der Politik.

Build-Ing.
Sind die Mitarbeiter in den öffentlichen Verwaltungen auf die Digitalisierung der Baubranche vorbereitet?

Ilka May
Viel zu wenig. Das ist ja das Problem. Das sind Dinge, die man im Kontext betrachten muss, die aber von vielem Leuten nicht im Kontext gesehen werden. Wir sprechen von Innovation, und die Innovation ist wichtig. Sie kommt von Planern, Architekten und Baufirmen, die im Wettbewerb stehen. Das ist auch gut so.

In fast allen öffentlichen Ausschreibungen sind aber beispielsweise keine Nebenangebote zugelassen. Nebenangebote haben den Charakter, dass jemand sagt, ihr habt da etwas aufgeschrieben, wofür ich eine bessere Idee habe, wie sich das realisieren lässt. Ein Nebenangebot erzeugt aber beim Auftraggeber viel mehr Arbeit und auch Unsicherheit. Das Nebenangebot muss geprüft und durchgerechnet werden, das ist hochkomplex und technisch anspruchsvoll. Deshalb schließen viele Auftraggeber Nebenangebote aus. Das sind einfache Mechanismen, die miteinander zusammenhängen. Man muss es nur sehen.

Deshalb ist der 10-Punkte-Bericht der Reformkommission so wichtig. Er legt zehn Finger in zehn Wunden. Da kann man nichts isoliert betrachten. Daraus nur ein Thema herauszugreifen und zu sagen, wir machen jetzt IT-gestützte Planungsmethoden, aber wir fassen das Vergaberecht nicht an, das wird nicht funktionieren.

Build-Ing.
Das klingt nach einer Aufgabe für eine große, permanent tagende Kommission. Das schaffen nicht zwei oder drei Leute, die sich einmal im Quartal zum Meeting treffen.

Ilka May
Die Kommission gab es. Das war die Reformkommission. Minister Ramsauer hat sie gegründet, Minister Dobrindt hat sie weitergeführt. Darin arbeiteten hochrangige Vertreter aus Industrie, Verbänden und Kammern mit. Die haben alle ihre Bereitschaft erklärt, sich ehrenamtlich zu engagieren, da ist nach meinem Wissen kein Cent Honorar geflossen. Alle wollten weitermachen, um mit ihrem Expertenwissen dem Bund und dem Minister zur Verfügung zu stehen.

Build-Ing.
Ich ahne, was jetzt kommt.

Ilka May
Ich höre nichts mehr von der Reformkommission, ich weiß gar nicht ob sie noch existiert. Wie viele Vorschläge aus dem 10-Punkte-Bericht der Reformkommission sind weitergeführt worden?

Build-Ing.
Das ist sicher eine rhetorische Frage.

Ilka May
Ja, schon. Schauen Sie mal in die verschiedenen¬ Koalitionsverträge, da steht fast überall BIM drin. Projekte der öffentlichen Hand sollen möglichst mit BIM geplant und gebaut werden. Aber nirgendwo wird von der Politik vorgegeben, was das eigentlich bedeutet. Was heißt das konkret? Was wollen wir damit erreichen? Wir wissen es nicht.

Ein positives Zeichen setzt hier aus meiner Sicht die Deutsche Bahn AG. 2018 wurde mit großem Aufwand die BIM-Strategie der DB AG fortgeführt. Es gab einen Vorstandsbeschluss zum Thema Infrastruktur mit Schwerpunkt auf Planen und Bauen mit BIM. Das ist ein richtig gutes Dokument geworden, das kann jeder auf der Website der Bahn einsehen. Es benennt einige dringende Probleme wie Pünktlichkeit, Baustellendauer oder Kostensteigerungen und analysiert, wie man diese Probleme mithilfe digitaler Methoden in den Griff bekommen kann.

Jetzt würde ich mir nur wünschen, dass so ein Dokument auch im Verkehrsministerium bekannt ist und man dort sieht, wie die Zusammenhänge zwischen Reisedauer, Pünktlichkeit und Digitalisierung angepackt werden. Das sind doch die Chancen der Digitalisierung, und sie müssen von mehr Menschen erkannt und umgesetzt werden – langfristig und umfassend, und eben nicht nur auf Technologie reduziert.

Build-Ing.
Es läuft immer wieder auf die fehlende politische Führung hinaus.

Ilka May
Wenn niemand die Richtung vorgibt, entsteht oft Aktionismus. Litauen zeigt, wie es anders geht. Die EU richtete ein Fördertopf mit 50 Millionen Euro ein, um Länder bei ihren digitalen Strategien zu unterstützen. Litauen bewarb sich und erhielt mehrere Millionen Euro. Damit finanziert das Land eine Strategie, wie sie Großbritannien schon besitzt. Mit dieser Strategie kann Litauen langfristig arbeiten. Auch Estland und Polen gehen diesen strategischen Weg. Warum macht das Deutschland nicht?

Build-Ing.
Wer genau hat in Litauen entschieden, sich um Fördermittel zu bewerben und die Strategie zu erarbeiten?

Ilka May
Das war das Bauministerium von Litauen. Das Ministerium ist Eigentümerin der Strategie und für die Umsetzung verantwortlich.

Build-Ing.
Bei uns wären die Minister Seehofer und Scheuer zuständig.

Ilka May
Ja, seit der Bundestagswahl 2017 sind diese beiden Minister für die Bereiche Hochbau und Infrastruktur verantwortlich. Aber wir dürfen auch den Bereich Digitalisierung nicht vergessen, und der sitzt nach meinem Wissen im Kanzleramt. Also haben wir schon eine Aufteilung auf drei Zuständigkeiten – das klingt nicht nach raschem Fortkommen, oder?

Build-Ing.
Man möchte spontan Dante zitieren: „Lasst alle Hoffnung fahren!“ Wagen Sie trotzdem einen optimistischen Ausblick?

Ilka May
Natürlich, immer! Schauen Sie sich doch an, was hier trotz der Umstände auf die Beine gestellt wurde. Die Bauwirtschaft insgesamt und ein Großteil ihrer Unternehmen wird das alles überstehen. Es sind ein paar Stellschrauben, die jetzt noch gedreht werden sollten. Die Erkenntnisse sind da, die Hausaufgaben sind gemacht. Aber vielleicht passiert das ja durch das Kompetenzzentrum, das jetzt seine Arbeit aufgenommen hat. Ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen dort auf jeden Fall viel Erfolg!

© arts4pr
Autor

Dr. Ilka May ist seit Anfang 2017 teilhabende Geschäftsführerin der LocLab Consulting GmbH. Bis 2017 arbeitete sie für das internationale Ingenieurbüro Arup in Großbritannien. Ebenfalls bis 2017 war sie stellvertretende Leiterin der EU BIM Task Group, bevor sie 2018 die Aktualisierung der inzwischen veröffentlichten BIM-Strategie der Deutschen Bahn maßgeblich begleitete. 2015 leitete sie die Entwicklung des Stufenplans „Digitales Planen und Bauen“ im Auftrag des Ministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Ilka May berät neben der Deutschen Bahn auch das Staatliche Baumanagement Niedersachsen, die HOCHBAHN Hamburg und die Regierung von Litauen zu Fragen der Digitalisierung der Bauwirtschaft und BIM. Bis vor kurzem war sie zudem Mitglied in verschiedenen Gremien zur Standardisierung der Bauwirtschaft auf europäischer und nationaler Ebene (CEN, DIN, VDI, BSI). loclab-consulting.com

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