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30.11.2020 | Kristóf Dávid Molnár

Wir sind ganz perfekt im Unperfektsein

Bulding Information Modeling

Objektplaner Kristóf Dávid Molnár unterzieht den Planungsalltag mit BIM einer kritischen Bestandsaufnahme. Er legt seine Finger auf die Wunden, aus denen BIM noch blutet. Er braucht dafür beide Hände.

Mein Vater tanzt gern. Er sagte aber, dass es im Tanzkurs ein paar störende Elemente gibt: die Musik, die Schritte und die Tanzpartnerin.

Mit BIM geht es uns in Deutschland genauso. Die Ziele wären Planungssicherheit, Effizienz, Qualitätssicherung und Kollaboration. Sind sie erreichbar im normalen Wohnungsbau in Deutschland? In diesem Artikel sollen die Störungen aufgezeigt werden, die uns beim Tanzen aus dem Takt bringen.

LP 3 vor LP 4, nicht umgekehrt

In unserem eigenen Interesse haben wir bei Fuchshuber Architekten die erste Stufe längst geschafft – alle 2D-Pläne werden aus gut gebauten 3D-Modellen abgeleitet. Die nächsten Stufen sind ohne gleichgesinnte, qualifizierte Partner nicht wirtschaftlich. Auf die Auswahl der Partner hat der Bauherr immer den größten Einfluss. Die wenigen Bauherren im Wohnungsbau, die die Zukunft in BIM sehen, möchten sofort auf Experten-Niveau beginnen. Die Beteiligten hingegen schaffen oft nicht mal Level 1, und so muss das Projekt am Ende oft konventionell weiterlaufen.

Eine Gratwanderung ist auch jedesmal die Erarbeitung der AIA. Sind die Vorgaben zu detailliert und anspruchsvoll, machen die Fachplaner einen Rückzieher. Sind die Vorgaben zu allgemein, weiß keiner, was er tun soll. Bauherren sollten den BIM-Prozess mit einem realistischen Terminplan unterstützen, um die Ziele von BIM zu erreichen. Sie sollten allerdings nicht auf vorgezogenen Leistungen in solchen Phasen bestehen, in denen die Risiken am größten sind. Ich hoffe, dass Bauherren zunehmend erkennen, dass die LP 3 nicht nach der LP 4 folgen sollte, was zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeutet.

Dekonstruktivismus à la BIM. Die Doppelpyramide dient der Koordination aller Modelle und bildet das Nullpunktobjekt von jeder Disziplin ab. In LP 5 sollten sie schon deckungsgleich sein, Bild: Kristóf Dávid Molnár, Fuchshuber Architekten

Mehrmals haben wir Projekte in LP 5 übernommen, weil der Bauherr nur ab Werkplanung auf Planungssicherheit geachtet hat und/oder die anderen Planer nicht genug BIM-Kompetenz besaßen. Im Endeffekt musste LP 3 quasi noch einmal durchgeführt werden. Von daher muss man als Planer beim Angebot höllisch aufpassen.

Deutschland, einig Planerland?

Das klassische Beauftragungsmodell der deutschen Baubranche passt nicht zum Grundgedanken der BIM-Methode. Es gibt zahlreiche Beteiligte: Bauherr, Projektmanager, Objektplaner, Fachplaner, Generalunternehmer, Subunternehmer, Hersteller, Handel. Jeder macht sein eigenes Ding mit eigenen Werkzeugen (und für den eigenen Gewinn). Es gibt ständig neue Partner mit diverser Software und sehr unterschiedlichen Softwarekenntnissen.

Objektplaner modellieren am meisten, aber die Qualität ist für die weitere Verwendung nicht ausreichend. Wenn die Fachplaner überhaupt modellieren, behalten sie es für sich. Der GU modelliert alles nach, weil er schon fit ist, und er möchte die Mengen nicht mit dem Taschenrechner ermitteln.

Doppelt gemoppelt. Der GU brachte diese Pläne auf die Baustelle mit. Unsere 2D-Lieferung wurde mit 3D ergänzt und ausgeplottet, Bild: Thomas Teichmann, Fuchshuber Architekten

Im Gesamtprozess wird das virtuelle Gebäude mindestens zweimal erstellt. Als Objektplaner haben wir leider wenig Einfluss auf die Fachplanerauswahl. BIM erfordert Kommunikation, Ehrlichkeit und Transparenz. Wenn nur einer der Beteiligten dem nicht entspricht, wird der Gesamtprozess gestört. Bessere Chancen hat man als Generalplaner – wenn man gewillt ist, diese Verantwortung zu übernehmen.

Da weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Die Beleuchtung wird wahrscheinlich eine Sonderanfertigung. Ich möchte auch sehen, was der Handwerker mit diesem Bewegungssensor bei Wartungsarbeiten macht, Bild: Kristóf Dávid Molnár, Fuchshuber Architekten

Ein BIM-Standard wäre schön. Nur einer.

Außerdem bieten nur wenige Fachplaner BIM, und oft ist für sie BIM nur eine On-Top-Leistung: Ein 3D-Modell mit Attributen, das aus konventionell erzeugter Planung reproduziert wird und immer nachgeführt werden muss.

Bei Termindruck sind wir schnell wieder bei der klassischen Abstimmung via Markerstift auf den Plänen. Dazu kommt die Detektivarbeit, was an welcher Stelle gültig ist – der gescannte Durchbruchplan oder vielleicht doch die Durchbrüche im Modell? Oft mussten wir die Durchbrüche zweimal prüfen, weil die 2D-Pläne vom Modell abgewichen sind. Es wäre gerechtfertigt, Vollständigkeit und Qualität der Modelle von den Fachplanern einzufordern. Doch im Interesse des Projektfortschritts bleiben die Korrekturen der Modelle meist eine Leistung der qualifizierten Objektplaner.

So ringt man bei jedem Projekt aufs Neue um einen gemeinsamen Nenner – das ist nervig! Als müsse man den Standard jedesmal selbst entwickeln. Den einheitlichen deutschen BIM-Standard gibt es nämlich nicht. Die USA haben schon mehrere. Das ist zwar auch nicht zielführend, gibt aber zumindest eine Orientierung.

Bei Fuchshuber Architekten arbeiten wir seit Jahren an unserer eigenen Modellierungsrichtlinie und an Datenstandards, weil wir die Prozesse bis hin zur Rechnungsprüfung automatisieren möchten. Eine Gruppe von sieben Mitarbeitern beschäftigt sich nur damit, unsere Kenntnisse und Werkzeuge weiterzuentwickeln und in unserem Büro zu verbreiten. Viele Normen und Richtlinien, Wünsche der Bauherren und Behörden müssen bei unserer Prozessentwicklung beachtet und integriert werden. Als mittelgroßes Büro mit 120 Mitarbeitern können wir das leisten. Doch die kleinen Büros sind leider zum Tode verurteilt, wenn die Prozesse nicht vereinfacht werden und keine einheitliche, verbindliche Vorgabe existiert.

Problem seit MS-DOS: Schnittstellen

Lange Zeit setzten wir nur auf eine Software. Bis wir auf Bauherren und Planer trafen, die mit der Digitalisierung schon weiter fortgeschritten waren – natürlich benutzte keiner von ihnen ArchiCAD. Es gibt keine Software, die alles kann, so wie es keine eierlegende Wollmilchsau gibt. Autodesk strebt das an, aber bis dahin ist es noch eine lange Strecke. Mittlerweile geht auch Graphisoft diesen Weg, obwohl sie sich immer Open BIM verschrieben hatten. Möglicherweise funktioniert Open BIM aber nicht so gut, wie man sich das vorgestellt hat? Ohne Open BIM allerdings wird die Auswahl an Planern drastisch verringert. Man braucht nicht mal einen externen Planer dafür, dass es Open BIM sein muss: Für 5D (Leistungsverzeichnisse automatisch mit modellbasierter Mengenermittlung aus dem Modell generiert) benötigt man eine zusätzliche BIM-AVA Lösung. Und damit kommen wir zum Thema Schnittstellen.

Wenn ein Schnittstellen-Standard verabschiedet wird, ist er eigentlich schon wieder veraltet, weil die Neuigkeiten nicht enthalten sind. Standards zu entwickeln lohnt sich nur, wenn alle Softwarehersteller in gleichem Maß engagiert sind und ihn umgehend in ihre nächste Version implementieren. In jedem BIM-Prozess gibt es mindestens einen Teilnehmer, der eine nicht aktualisierte Software verwendet, und zack: die gemeinsame Schnittstelle wird wieder die altbekannte IFC2x3 aus dem Jahr 2008!

IFC2X3 kennt keine kreisförmigen Körper. Die Rohrleitungen bestehen deshalb aus sperrigen und ungenauen Dreiecken. So ist es dann keine Überraschung, dass einige Softwarehersteller doch ihr eigenes Süppchen kochen möchten. Ich hoffe, dass nicht dasselbe passieren wird wie beim DWG/DXF-Format von Autodesk, das sich nur deshalb zum Standard-Austauschformat der 2D-Zeichnungen entwickelt hat, weil AutoCAD sich damals stark verbreitete.

Welches IFC hätten’s gern?

Neuerdings taucht Revit in jedem Prozess auf. Gerade hatten wir einen langen Kampf mit einem Fachplaner, der Revit nutzt. Es ging um die Positionierung seiner Modelle. Das führte so weit, dass ich Revit selbst anschaffen musste, um das Problem mit eigenen Augen zu sehen, weil kein Modellchecker geholfen hat. Am Ende kam die Wahrheit ans Licht: Aufgrund einer von vielen Einstellungen in ArchiCAD, die Einfluss auf die Position haben, entstand eine falsche Höhenlage – jedoch nur in Revit. Darüber hinaus gibt es speziell nur für ArchiCAD-IFCs eine Revit-Erweiterung.
Fazit: IFC ist nicht gleich IFC – und das nennen wir jetzt Standard?

Oft kommt die Frage, ob ich ein RVT (Revit-Datei) zur Verfügung stellen kann. Schlechte Nachricht für einen ArchiCAD-Anhänger (wie mich): die neue Version von ArchiCAD unterstützt nicht nur die Revit-Formate, sondern auch die Revit-Objekte.

Produkthersteller stehen damit vor der kaum zu bewältigenden Herausforderung, ihre Objekte für mindestens fünf gängige CAD-Programme entwickeln zu müssen. Nur wenige bieten intelligente Objekte an, die nicht die Datenmenge mit unnötigen Details aufblähen.

Der Teufel steckt im Detail. Der Abfluss hat so viel Geometrie wie das ganze Gebäude, Bild: Kristóf Dávid Molnár, Fuchshuber Architekten

Im Allgemeinen sind die Objekte sowieso nicht benutzbar, da die Entscheidung über Produkte erst in der LP 6 getroffen wird. Die Architektenkammern und das BKI arbeiten an produktunabhängigen Objekten. Aber wird das auch die TGA abdecken, wo die sperrigen Objekte entstehen?

Als wir träumten

Wir selbst haben in den vergangenen Jahren viel gelernt – wir wissen, bei welchem Schritt und mit welchem Partner wir beim Tanzen aufpassen müssen. ABER: Wie wäre es mit einem Neuanfang – auf neuem Parkett und mit neuer Musik?

Spielen wir mal mit einem utopistischen Gedanken: Investor, Projektmanager, Planer und GU bilden gemeinsam die Dachgesellschaft für das Projekt, und sie teilen den Gewinn. So wird jeder Partner zur Effizienz und nicht zu Nachträgen motiviert. Tatsächlich ist das keine Utopie. Die Skandinavier machen es schon länger so.

Jeder kann seine eigenen Werkzeuge nutzen, da sie durch ein einheitliches Datenbankformat voneinander unabhängig bleiben. Softwarehersteller einigen sich auf eine Datenbank-Schnittstelle, und sie werden dann nur noch wählen können, wie diese Datenbank mit Informationen gefüttert wird. Jede Anwendung greift auf dieselbe Datenbank zu, unabhängig vom Zweck. Das können geometrische Änderungen des Planers sein, eine Analyse vom Qualitätsmanagement oder diverse Auswertungen. Es wird nicht mehr Stände geben, sondern jeder Teilnehmer erhält die Änderungen zeitgleich mit allen anderen. Allerdings müssen Änderungen von verantwortlichen Teilnehmern freigegeben werden. Die Kommunikation wird nicht über Fehler und Issues, sondern über Vorschläge laufen.

Diese Datenbank ist keine Utopie, aber auf die Durchsetzung müssen wir noch warten. BIM 360 von Autodesk bietet schon eine Lösung für CAD/CAM/CAE, doch leider nur für Autodesk-Nutzer. Graphisoft hat seine BIMcloud in Richtung Open BIM entwickelt. Analysemodelle und IFC in der Cloud werden unterstützt. Wir hätten gern zur BIM-Cloud noch eine SQL-Schnittstelle. Es gibt zahlreiche IFC-Server-Anbieter, allerdings können diese die bidirektionale Verbindung nicht vollständig unterstützen, weil IFC nicht alle softwarespezifischen Bedingungen abbilden kann.

Irgendwann wird mein Traum wahr, es ist nur eine Frage der Zeit. Da wir mit BIM in Übung bleiben möchten, tanzen wir vorsichtig weiter und beobachten die Bewegung der anderen Paare, bis ein neues und einfacheres Lied beginnt.

© Kristóf Dávid Molnár, Fuchshuber Architekten
Autor

M. Sc. Kristóf Dávid Molnár studierte Architektur in Budapest. Er arbeitet seit 2010 bei Fuchshuber Architekten in Leipzig. Mit tieferen Kenntnissen in IT, Modellierung und Visualisierung hat er die Entwicklung des Bürostandards und Werkzeuge übernommen. Seine Verantwortung liegt in der Koordination des siebenköpfigen CAD-Teams. fuchshuberarchitekten.de (Bild: Katharina Wutzler, Fuchshuber Architekten)

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