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06.08.2019 | Jürgen Winkler

„Wir müssen das Bauen ändern“

BIM in Bauunternehmen

Thorsten Krauß ist Bauunternehmer. Er kennt Nutzen und Grenzen der BIM-Methodik aus eigener Erfahrung. Für ihn ist BIM nur ein Schritt auf dem Weg zu offenen Systemen.

Build-Ing.: Sie gelten als BIM-Vorreiter. Haben Sie ihr Büro komplett auf BIM umgestellt?

Thorsten Krauß: BIM-Vorreiter ist etwas übertrieben. Wir planen zum Teil mit BIM. Alles mit BIM zu planen, ergibt keinen Sinn. Im Altbau sind wir beispielsweise viel zu wenig digitalisiert. Aber im Neubau ist es sinnvoll. Wir haben gerade in Potsdam zwei Gebäude in der Erstellung, die wurden komplett mit BIM geplant. Interessant war dabei, dass unser Haustechnikplaner auch gesagt hat, er arbeitet mit BIM, aber er hatte sein Modell verkehrt aufgestellt. Wir mussten ein Gebäude von einer gewerblichen zu einer öffentlichen Nutzung umplanen. Dabei änderte sich die Kubatur des Gebäudes, z. B. bei den Treppenhäusern. Als wir das im BIM-Modell änderten, hat es bei ihm nicht mehr funktioniert. Er hatte sein BIM-Modell nur als stand-alone-Lösung aufgebaut.

Woran lag es?

Er hat BIM nicht verstanden. Wenn wir die Kubatur ändern und ein Gebäude höher machen, müsste sich auch die Haustechnik höher ziehen. Die war aber plötzlich in der Decke drin.

Passiert das öfter, wenn Sie mit anderen Gewerken an einem BIM-Modell arbeiten?

Ich glaube, dass viele Leute nicht verstehen, was BIM wirklich ist. So war es auch bei dem Projekt in Potsdam. Wir dachten, wir arbeiten auf derselben Basis. Aber das hat der Haustechnikplaner nicht geschafft. Wenn das Gebäude größer oder flacher wird oder wenn sich die Treppenhäuser ändern, dann muss das auch im BIM-Modell passieren. Das war hier nicht der Fall.

Das BIM-Modell war nicht mehr brauchbar?

Der Haustechnikplaner musste sein BIM-Modell völlig neu aufstellen. Das ist natürlich nicht gut, denn die Stärke von BIM besteht darin, dass man nicht nach jeder Änderung immer wieder neu zeichnen muss.

Seit wann arbeiten Sie mit BIM?

Seit fünf Jahren.

Das ist eine beachtliche Zeit. Viele Büros beginnen erst jetzt mit BIM.

In Deutschland. Hier leben wir bei BIM noch im Mittelalter. Und wir sind in Deutschland in vielen Dingen zu perfekt. Wenn Sie an DIN ISO 9000 und 9003 denken, die haben die gesamte deutsche Bauindustrie verrückt gemacht. Weil die Engländer nach ISO zertifizierten, haben wir gesagt, das machen wir in Deutschland auch. In England läuft die Zertifizierung aber lockerer. Überspitzt formuliert: Sie zertifizieren Schwimmwesten aus Beton, Hauptsache, der Prozess stimmt. In Deutschland wäre das undenkbar.

Was hat Sie vor fünf Jahren von BIM überzeugt?

Eigentlich waren wir spät dran. Aus meiner Sicht sind die gesamte deutsche Bauindustrie und Immobilienwirtschaft total marode. Wir müssen in die Zukunft schauen und überlegen, welche Prozesse wir gestalten. Dabei geht es nicht um mehr Wettbewerb. Wir hatten in Deutschland zu viel Wettbewerb. Vor 30 Jahren gab es 30 große Generalunternehmer. Davon ist keiner mehr übrig. Die wurden nicht geschlossen oder übernommen, weil sie so erfolgreich waren. Wir müssen deshalb eine Methodik wie BIM nutzen, um das Bauen effektiver zu machen. Nicht nur einen Preiswettbewerb ausloben, sondern im Rahmen eines Value Engineerings Kosten, Qualität, Termine und Technik vernünftig darstellen. Auch Alliancing ist ein wichtiger Punkt.

Auch für Ihre Firma?

Ja, in diesem Kontext bewegen wir uns. Zu uns gehören ein Planungsbüro, ein Haustechnikbüro und eine Baufirma plus Projektentwicklung. Wir wollen in unserem Unternehmen alle Prozesse zwischen diesen Büros und Firmen durchgängig abbilden.

Das ist der Abschied von der Insellösung.

Ja, das ist ein ganz großes Thema in Deutschland. Hier wird BIM am liebsten von Produktherstellern getrieben. Die haben alle ihre eigenen BIM-Systeme. Wir brauchen aber offene Systeme, auf die jeder von uns zurückgreifen kann. Das gleiche gilt fürs Bauen. Auch hier streben die Hersteller geschlossene Systeme an. Sie sagen, wenn du mit meiner Wand baust, musst du auch Schrauben und Spachtel von mir kaufen.

Wenn die Insellösung fällt, fällt auch das Einzelkämpfertum.

Wir sind in Deutschland nicht teamfähig. Wenn wir über BIM reden, dann müssen wir verstehen, dass Architekt, Haustechniker und Bauunternehmer keine Erzfeinde sind. Dieses Verständnis haben wir komplett ausgeschaltet. Wir sind immer noch auf Konflikte geeicht.

Nutzen Sie die BIM-Modelle für die Bewirtschaftung der Objekte?

Wir haben neulich ein Gebäude verkauft. Vor dem ersten Spatenstich haben wir darum gebeten, uns mit den Facility Managern des Bauherren zu treffen, damit wir uns mit ihnen abstimmen können. Kein Interesse.

Ist das ein Einzelfall?

Nein. Ich habe mit unserer Firma noch nicht erlebt, dass die BIM-Daten eines Gebäudes für FM genutzt werden. Man müsste mal mit den FM-Leuten sprechen, warum das so ist.

Vielleicht, weil es der Bau- und Immobilienwirtschaft zu gut geht? Fehlt der Leidensdruck, der die Branche zur Digitalisierung zwingt?

Ich glaube nicht, dass es der Branche zu gut geht. Eher umgekehrt: Den Bauunternehmen geht es zu schlecht. Züblin hatte 2017 eine Umsatzrendite von zirka zwei Prozent. Die Zahl ist kein Geheimnis, die können Sie öffentlich einsehen. Wenn ein Projektentwickler einen Gewinn von 20 Prozent und ein Bauunternehmer einen Gewinn von zwei Prozent macht, dann geht es dem Bauunternehmen schlecht. Die Bauunternehmen müssten zwischen fünf und acht Prozent Rendite erwirtschaften, um zu investieren. Das geht bei zwei Prozent Gewinn nicht mehr.

Hilft die Digitalisierung bei der Gewinnsteigerung?

Ja, denn die Digitalisierung verändert die Prozesse. Aber wir müssen das Bauen selbst ändern. Wir bilden beispielsweise zu wenig Fachkräfte aus. Es gibt Mittelständler mit 400 Angestellten, die noch nie Fachkräfte ausgebildet haben. Wenn man sie fragt, warum, sagen sie: „Wozu? Ich hole mir die ausgebildeten Fachkräfte vom Arbeitsmarkt.“ Das ist der falsche Weg. Wenn wir mehr Wohnungen bauen wollen, brauchen wir mehr Fachkräfte, und die müssen wir ausbilden. In Berlin wären das jedes Jahr 600 Auszubildende, die wir auf die Baustellen bringen müssen. Zurzeit schaffen wir mit Mühe und Not 150 bis 200.

Weil Bauunternehmen zu wenig ausbilden?

Das ist das eine. Auf der anderen Seite gibt es nicht genug Bewerber. Das Image der Branche ist schlecht. Sagen Sie mal jemand, ich bin Bauunternehmer. Das ist fast etwas Unsittliches.

Wir erleben seit Jahren eine Baukonjunktur. Warum werden die Gewinne der Bauunternehmen nicht in Ausbildung und Digitalisierung investiert?

Aus meiner Sicht stimmt das mit den Gewinnen nicht, sonst müssten die Betriebsergebnisse enorm hoch sein. Das sind sie aber nicht. Ich sage Ihnen ganz offen: Ich habe manchmal keine Lust mehr, Bauunternehmer zu sein. Ich hatte sieben Freunde, die ungefähr zur selben Zeit wie ich Baufirmen gründeten. Diese sieben Freunde sind alle insolvent. Zwei begingen nach einer Insolvenz Selbstmord.

Das sind bittere Fakten.

Die Risiken sind enorm, und der Bauunternehmer und zum Teil auch der Architekt sind immer die Leidtragenden. Wir pflegen in Deutschland eine Bauunkultur. Deshalb sind neue Modelle wie Alliancing und Partnering der richtige Weg. Damit haben wir vor 15 Jahren angefangen.

Wer verteilt diese Risiken um?

Entwickler, Bauherren und Institutionelle. Die Verantwortlichkeiten werden immer nur durchgesteckt, und am Ende streitet man sich ums Geld. Es wird permanent das Marktspiel „Große Liquidität gegen kleine Liquidität“ gespielt.

Bedroht das Marktspiel Ihre Firmen?

Zum Glück sind wir wirtschaftlich gesund. Wir stecken das Geld in die Firmen, deshalb können wir neue Dinge entwickeln und ausprobieren. Aber ich kenne viele Baufirmen, denen es nicht gut geht.

Das wäre doch erst recht ein Grund, die Prozesse zu digitalisieren und die Kosten zu senken.

Das macht man schon.

Warum geht es dann in Deutschland nur schleppend mit BIM voran?

Weil BIM immer noch zu kompliziert ist. Und weil zu wenig Leute BIM beherrschen. BIM ist ja nicht ganz ohne. Dazu kommt, dass sich die kleinteiligen Strukturen in Deutschland nachteilig auf BIM auswirken. In Skandinavien sind die Ingenieur- und Architekturbüros groß. In Deutschland beschäftigt ein Büro durchschnittlich vier bis fünf Mitarbeiter. Große Architekturbüros können sich mit BIM befassen. Die meisten kleinen Büros können sich das nicht erlauben. Die haben dafür weder Zeit und Geld noch Personal.

Sie selbst bleiben aber bei BIM.

Wir machen das, weil wir ein modernes Unternehmen führen wollen. Ich will auch Spaß haben mit den Themen, die ich bearbeite. Ich will nicht selbst mit BIM planen, das können andere Leute in unserer Firma besser. Aber ich will wissen, wie wir Prozesse durchgängig organisieren können. Daran fehlt es in Deutschland.

Nur in Deutschland?

Das würde mich auch interessieren. Wie wird beispielsweise in Skandinavien mit BIM gearbeitet? Wie tief steigen sie dort in BIM ein? Was heißt bei denen BIM? Uns wird in Deutschland immer vorgegaukelt, dass andere Länder bei BIM weiter sind als wir. Man müsste mal recherchieren, ob das wirklich der Fall ist.

Wo liegen die Grenzen von BIM?

Bei der Unternehmens- und Projektgröße. Wie groß ist die eigene Organisation? Je kleiner, desto schwieriger. Allein für das BIM-Modul brauche ich 50.000 Euro, um arbeitsfähig zu sein. Und es ergibt beispielsweise keinen Sinn, für einen Umbau im Bestand, für den keine 3D-Daten vorhanden sind, mit BIM zu arbeiten. BIM ist nur bei großen Neubauprojekten sinnvoll. Vielleicht sind wir in 10 bis 15 Jahren so weit, alle Bestandsgebäude digitalisiert zu haben. Im Augenblick noch nicht.

Und im Planungsprozess?

Die Kollisionsprüfung funktioniert nicht. Jedenfalls nicht in den Projekten, die wir kennen. Das System sollte schon während der Planung erkennen, dass eine Kollision vorliegt. Wenn ich erst hinterher eine Kollisionsprüfung mache, ist das nichts anderes, als Pläne übereinanderzulegen. Wir haben es eben wieder in einem Projekt erlebt, dass trotz Kollisionsprüfung die Leitung durch den Unterzug geht. Es wäre schön, wenn uns das System das Denken abnimmt. Aber so weit sind wir noch nicht.

Hilft der Stufenplan der Bundesregierung, um die Einführung von BIM in Deutschland zu beschleunigen?

Der Plan ist sinnvoll, aber die Frage ist, ob man genügend Unternehmen findet, die mit BIM arbeiten.

Wird sich BIM in Deutschland durchsetzen?

Ja, aber nicht in jedem Bereich. Viel wichtiger ist, dass wir die Prozesse ändern und offene BIM-Systeme benutzen. Wir müssen die Daten, die wir für unsere Projekte brauchen, offen bearbeiten können. Mit geschlossenen Systemen wollen die Softwareanbieter ihre Marktmacht sichern. Aber das bringt uns nicht weiter. Es geht nicht um Marktmacht, es geht um Zusammenarbeit.

Es gibt Softwareanbieter, die Open BIM unterstützen.

In den USA ist das üblicher als in Deutschland. Wenn sich die Softwareanbieter nicht öffnen, werden sie rechts und links von den Googles und Amazons dieser Welt überholt. Wir sind noch sehr weit von offenen Systemen entfernt. Wir nutzen immer noch Insellösungen für Buchhaltung, Kalkulation, Arbeitsvorbereitung oder Controlling. Davon müssen wir wegkommen. Und da ist BIM nur ein kleiner Baustein.

© kokliang1981/stock.adobe.com
Autor

Thorsten Krauß ist gelernter Maurer und Zimmermann. Er studierte Betriebswirtschaftslehre und Bauingenieurswesen an der TU Berlin. Nach dem Studium arbeitete er u. a. als Geschäftsführer der F.C. Trapp AG und als geschäftsführender Gesellschafter der UNDKRAUSS Baugesellschaft GmbH. Seit 2016 ist er CEO der UNDKRAUSS Bauaktiengesellschaft. Er engagiert sich u. a. in Arbeitskreisen beim Zentralen Immobilienausschuss (ZIA), im Verein Berliner Kaufleute und Industrielle (VBKI) und in der Schmalenbachgesellschaft sowie als Beirat des Immobilienforums Berlin. (Foto: Fischnaller) undkrauss.com

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