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Stefan Kögl

Welche BIM-Standards brauchen wir?

Kolumne "Aus der Praxis", Teil 2

Wenn ich mich derzeit über BIM unterhalte, dauert es nie lange, bis wir bei der Forderung nach Standards landen. Dass man sich darüber in unserer Branche Gedanken macht, ist gut und richtig. Doch das ist – da es um Innovationen geht – nicht der einzige Weg.

Natürlich brauchen wir Standards. Aber warum reden wir dann ernsthaft über IFC (Industry Foundation Classes)? Das ist nichts anderes als ein Format zum Datenaustausch. Ähnlich, wie man Word- oder Excel-Dateien in ein PDF umwandelt, sodass es jeder lesen kann.

Doch Lesen ist nur die eine Seite. Jeder, der schon mal versucht hat, eine Tabelle aus einem PDF zurück ins Excel-Format zu transferieren, weiß, wovon ich rede. Das funktioniert – selbst nach inzwischen Jahrzehnten Software-Entwicklung – nach wie vor nur eingeschränkt. Also: Es ist gut und richtig, dass wir PDF und IFC haben, doch lösen diese nicht unser Kernproblem.

Aus meiner Sicht besteht das Problem aus zwei Stufen. Zum einen brauchen wir eine übergreifende Vereinheitlichung, wie BIM in Zukunft in Deutschland eingesetzt und genutzt werden soll. Corporate Real Estate Manager (CREM) wie bei Siemens Real Estate, der Deutschen Bahn AG und andere CREM-Unternehmen haben dazu ihre Ideen und diese auch miteinander abgestimmt. Doch die eigentlicheInitiative muss von der Politikkommen.

Welche Datenmodelle braucht die Zukunft?

Die Politik muss entscheiden, mit welchen Datenmodellen sie in Zukunft unsere Städte, deren Entwicklung und Infrastruktur und damit auch die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland steuern möchte. BIM kann diese Datenmodelle gebäude- und auch stadtübergreifend liefern. Aber wir müssen wissen, nach welchen Vorgaben.

Ähnlich der Energieeinsparverordnung EnEV 14 und folgende kann das, wie wir gesehen haben, durchaus schnell gehen. Darum brauchen wir eine BIM-Verordnung. Heute befinden wir uns in einer Situation wie einst bei der Einführung von Videorecordern. Damals lautete die Frage: VHS oder Betamax? Obwohl viele Fachleute Betamax für das bessere Format hielten, setzte sich am Ende VHS durch. So fühle ich mich heute manchmal bei der Frage nach BIM-Standards. Wir wissen einfach noch nicht, was sich durchsetzen wird. Aber wir haben „einenVideorekorder“ – d. h., wir setzen BIM ein –, weil das in Zukunft selbstverständlich ist.

Von der Planung bis zum Abriss

Denn BIM geht bereits heute weit über die Planung und Errichtung eines Gebäudes hinaus. Als CREM decken wir den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie ab. Wir kaufen Grundstücke, lassen planen und bauen, betreiben anschließend die Gebäude bis hin zu einem Verkauf oder Abbruch.

Und genau dieser Lebenszyklus ist Basis für unseren BIM@SRE-Standard. Denn wir wollen bereits bei der Planung berücksichtigen, wie wir später einmal anhand des Digital Twin die Gebäude effizienter bewirtschaften, unsere Dienstleister im Facility Management und der technischen Betreuung einfacher steuern und lenken können. Auch dafür brauchen wir Standards. So lange der Markt aber die Notwendigkeit nicht einsieht und dies einfordert, wird ein Entwickler, der ein Grundstück kauft, bebaut und das Projekt gegebenenfalls per Forward Deal bereits vor Baubeginn an einen Investor weiterverkauft, voraussichtlich keinen Digital Twin erstellen lassen. Aus heutiger Sicht: Wozu auch – er bekommt beim Bauen Marktpreise, bewirtschaftet das Gebäudespäter nicht, und wir haben ja noch keine vorgeschriebenen Standards.

(BIM@SRE-Standard Bild: Siemens Real Estate)

Wie werden wir in Zukunft planen?

Damit komme ich zur zweiten, fast noch wichtigeren Stufe. Meiner festen Überzeugung nach müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie die Planung der Zukunft generell aussehen wird.

Vor gar nicht allzu langer Zeit habenArchitekten noch mit Papier und Bleistift zweidimensional geplant. Dann kamen CAD und die Planung am Computer in 3D. Gleich geblieben ist jedoch, dass Architekten damals wie heute vektorbasiert planen, also Striche ziehen.

Der für mich logische nächste Schritt lautet jedoch: Wir planen keine Gebäude – wir programmieren sie. Vielleicht gibt dann ein Programmierer nur noch einen Programmcode ein, und auf dem Bildschirm erscheint das fertige Gebäude. Nun bin ich kein

IT-Spezialist, und auch die werden diese Frage sicher nicht auf Anhieb beantworten oder lösen können. Aber warum soll man nicht irgendwann einmal auch Gebäude programmieren können? Aus Bausteinen, die per Code zusammengesetzt und viel individueller kombiniert werden können, als wir uns das heute noch vorstellen.

Vielleicht designen – und ich wähle diesen Ausdruck ganz bewusst – wir dann unsere Gebäude und Städte der Zukunft. Ich weiß, dass jetzt viele Architekten aufschreien, weil sie diesen Ausdruck nicht mögen. Aber BIM und die darauf aufbauenden, noch gar nicht erfundenen Techniken werden uns neue Wege des Arbeitens aufzeigen. Gute und funktionale Architektur am Bildschirm designt und programmiert. Und im Büro arbeiten neben Architekten nicht mehr Bauzeichner, sondern Programmierer.

Wie fantasievoll diese Welt aussehen kann und welche neuen Möglichkeiten des Planens sich daraus ergäben, zeigen uns die Welten in den Computerspielen. Aber auch dafür brauchen wir Standards. Dass die digitale Zukunft schneller Realität wird, als wir es uns je vorstellen konnten, haben die vergangenen Jahre hinlänglich bewiesen.

>> Lesen Sie auch Teil 1 der Kolumne „Aus der Praxis“: BIM macht Spaß!

© Siemens Real Estate
Autor

Stefan Kögl ist Architekt und Mitglied der Geschäftsleitung von Siemens Real Estate (SRE). Seit 2010 leitet er alle globalen Bauvorhaben SRE, einem der größten Corporate Real Estate Managements (CREM) der Welt. Seine Aufgabe ist die weltweite Verantwortung für Projektentwicklung und Bau zur Implementierung nachhaltiger Immobilienlösungen innerhalb der Siemens AG unter Berücksichtigung der Corporate Architecture und des gesamten Gebäudelebenszyklus. siemens.com/realestate

 

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