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Verschenkter Datenschatz

Life Cycle Data Management

Bisher nutzen Bauherren nur einen Teil des BIM-Potenzials. Bei der Datenbestellung scheint für sie die kostenintensive Phase der Bewirtschaftung kaum eine Rolle zu spielen.

Neben Blockchain ist Building Information Modeling (BIM) zurzeit eines der beliebtesten Schlagworte auf Kongressen, in der Presse oder für Projekte der Immobilienbranche. Eine verbandsübergreifende, nationale oder gar internationale einheitliche Definition existiert leider nicht, jeder Beteiligte definiert BIM nach seinen Bedürfnissen in der Planung und Realisierung.

Je nachdem, wer den Begriff verwendet, versteht man unter BIM unterschiedliche Interpretationen und Herangehensweisen; Aufgaben, Rollen und Verantwortungen werden verschieden gestaltet. Fast vollständig außer Acht gelassen in den bisher vorhandenen Regelwerken wird jedoch die längste Phase eines Objektes – die Bewirtschaftungsphase.

Eine klare, eindeutige und konkrete Datenbestellung eines Bauherren über den gesamten Lebenszyklus eines Projektes besitzt heute Seltenheitswert. Selbst wenn der Bauherr den Teilaspekt BIM bestellt, ist er kaum in der Lage, die generierten und übergebenen Daten zu prüfen, für sich zu verarbeiten und zu übernehmen. Es gibt vereinzelte Ansätze von BIM im Facility Management (FM), doch auch diese sind nicht phasen- und projektübergreifend mit allen Beteiligten vernetzt. Zwar werden umfangreiche Anforderungen an die Strukturierung der BIM-Modelle gestellt, jedoch meist nur aus Planer- oder Unternehmersicht, nur in den wenigsten Fällen aus Sicht der Nutzungs- und Betriebsphase. Diese Lücke behebt das Life Cycle Data Management, kurz LCDM.

Grundlagen bereits in der Planung schaffen

Erstaunlicherweise ist den wenigsten Planungs- und Realisierungsbeteiligten bewusst, dass sie in den frühen Phasen der Realisierung die Grundlagen für die spätere Höhe der Bewirtschaftungskosten des Gebäudes legen – dies umfasst auch die Datenverfügbarkeit. Betrachtet man den kompletten Lebenszyklus, fällt auf, dass mit dem Thema BIM nur wenig vom Objektlebenszyklus mit digitalen Werkzeugen abgedeckt wird.

Die Planungs- und Realisierungsphase, bei der BIM zweifellos hilft, umfasst nur einen kleinen Teil des Objektlebenszyklus. Ihre Kosten betragen ca. 20 Prozent der Total Cost of Ownership (TCO) im Vergleich zur Bewirtschaftungsphase mit ca. 80 Prozent. Aus diesem Grund ist auch die systematische Datenbereitstellung für die Bewirtschaftungsphase enorm wichtig. Daten können oftmals nicht in der verarbeitbaren Form für den Bauherren geliefert werden, die er für seine Bedürfnisse benötigt. Umfangreiche Nacharbeiten werden benötigt, um Daten umzuwandeln und nutzbar zu machen. Bauherren, die eine unzureichende Datenbestellung aufgegeben haben, können hiervon ein Lied singen.

Klare Definitionen notwendig

Die wenigsten Bauherren verwenden eine projektübergreifende BIM- oder gar eine LCDM-Definition in ihren Ausschreibungsunterlagen. Dabei ist eine klare Definition essentiell, wenn man eine so umfangreiche Leistung wie Datengenerierung, -verarbeitung und -speicherung über die nächsten 50 Jahre bestellt. Für eine standardisierte Definition hat das Schweizer Beratungsunternehmen pom+Consulting AG LCDM wie folgt definiert:

Das projektübergreifende Life Cycle Data Management umfasst alle notwendigen Prozesse, Maßnahmen und Verfahren mit dem Ziel, die Strukturierung, Erfassung, Verwaltung und Qualitätssicherung von objektspezifischen Daten über den gesamten Lebenszyklus sicherzustellen und allen beteiligten Rollen stets konsistente, akkurate und aktuelle Daten zur Verfügung zu stellen. Dabei ist LCDM kein einmaliges Ereignis, sondern ein laufender Vorgang über den gesamten Lebenszyklus eines Objektes. BIM wird dabei als Werkzeug zur Datenbeschaffung, -konsolidierung und -speicherung eingesetzt und dient auch der Strukturierung der Kommunikation und Kollaboration.

Schwach entwickelte Bestellerkompetenz

Der Aufbau der notwendigen Datenbestellkompetenz des Bauherren konnte nicht Schritt halten mit der technologischen Entwicklung von Tools, Software und Methoden. Ziele des Auftraggebers müssen in Zukunft nicht nur die klassischen Themen Qualität, Kosten und Termine sein, sondern auch der korrekte Umgang mit Daten über den Lebenszyklus. Es wird in Zukunft nicht darum gehen, für die über den Lebenszyklus relativ kurze Planungsphase eine Leistung wie BIM zu bestellen. Notwendig wird auch sein, als Bauherr konkrete Datenanforderungen zu bestellen. Bauherren müssen lernen, entsprechend kompetent Modellanforderungen in Auftrag zu geben und mit Datenkatalogen sinnvoll umzugehen.

Die gezielte Erlangung dieser Bestellerkompetenz ist erklärtes Ziel des Life Cycle Data Managements. LCDM ist eine konsequente Weiterentwicklung von BIM und umfasst nicht allein Planung und Realisierung, sondern von der Projektidee bis zum Rückbau alle Stufen eines Immobilienobjektes.
Weiteres Ziel ist die Optimierung von Datenverfügbarkeit, -übergabe und -bereitstellung über den Lebenszyklus. Der Stufenplan Digitales Planen und Bauen der deutschen Bundesregierung stellt fest: „Auftraggeber müssen lernen, mit BIM umzugehen und in die Lage versetzt werden, projektspezifische Anforderungen zum digitalen Bauen zu formulieren.“

Vorbild Großbritannien

Das vorgeschlagene Life Cycle Data Management geht eine Stufe weiter. Es befähigt die Bauherren, BIM korrekt für ihr Portfolio projektübergreifend zu bestellen. Hier ist das britische BIM Protocol des Construction Industry Council (CIC) zu erwähnen (siehe Abbildung 1). Das CIC fordert eine solche Rolle in Bauprojekten in Großbritannien ausdrücklich ein. Es siedelt diese Rolle direkt beim Besteller an. Nicht allein der Planende oder Realisierende ist für die korrekte Datenstrukturierung verantwortlich. Der Besteller muss klar angeben, was er wann, wie und von wem benötigt.

Beim BIM Protocol ist der Bauherr über alle Phasen eines Projektes für die Stellung eines Informationsmanagers verantwortlich, der einem Life Cycle Data Manager (LCD-Manager) gleichkommt. Betrachtet man die Übernahme von britischen Normen in die nationalen europäischen Regelwerke, wird es diese Rolle auch bald in Deutschland, Österreich und der Schweiz geben.


Abbildung 1: Building Information Model Protocol des Construction Industry Councils (CIC), Großbritannien (Bild: www.cic.org.uk)

Datenkontrolle über den gesamten Lebenszyklus

LCDM basiert auf mehreren übergreifenden Schritten im Projektverlauf und der Nutzung des Objekts (siehe Abbildung 2). Wie bereits beschrieben, ist LCDM keine einmalige Aktivität im Projekt, sondern ein stetiges portfoliogetriebenes Unterfangen.  
Zu Beginn der Planungsphase (1) wird mittels LCDM spezifiziert, welche Anforderungen an BIM-Modelle aus Sicht der Bewirtschaftungs- und Nutzungsphase gestellt werden müssen. Dazu werden Datenlieferschemen vom LCD-Manager aufgestellt, mit dem Inhalt, wer wann was dem Bauherren in welcher Form liefern muss.
Resultat ist ein klarer Datenübergabekatalog an den Bauherrn von der Planungsphase an. In diesem sind auch die Anforderungen der Player der Nutzungs- und Bewirtschaftungsphase integriert. Dies betrifft z. B. die Anforderungen aus Sicht des Gebäudebetriebs, ganzheitliche Betriebskonzepte und die frühzeitige Optimierung von Lebenszykluskosten – beispielsweise die ordnungsgemäße Bestellung von notwendigen Daten für die Reinigungsleistung in der Nutzungsphase.


Abbildung 2: Grundprinzip des Life Cycle Data Managements (LCDM). Grüne Linie: optimierter Datenverlauf; graue Linie: konventioneller Datenverlauf (Bild: www.pom.ch)

Wie oben erwähnt, übernimmt das LCDM bereits in der Planungs- und Realisierungsphase die phasenweise Qualitätskontrolle der Daten (2). Es wird regelmäßig geprüft, ob die in der Planung und Realisierung generierten und bereitgestellten Daten der Bestellung entsprechen und für den Betrieb nutzbar sind – beispielsweise, ob die notwendigen Flächendaten für das zukünftige CAFM-System (Computer Aided Facility Management) les- und auswertbar sind. Der LCD-Manager greift aktiv ein, sollten die Daten nicht verwendbar sein. Planende und Realisierende sind weiterhin für die korrekte Lieferung gemäß den Spezifikationen aus der Bestellung verantwortlich.

Mit Hilfe eine Qualitätskontrolle von der Realisierungs- in die Bewirtschaftungsphase wird sichergestellt, dass die Daten abschließend korrekt übergeben werden (3). Dies geschieht meist mittels definierter Prüfkataloge und -regeln, die der LCD-Manager schon in der Projektstrukturierung in Zusammenarbeit mit Bauherr, Nutzer und Bewirtschafter aufgestellt hat.

In der Bewirtschaftungsphase (4) wird vom LCD-Manager darauf geachtet, dass die Daten und Dokumente für den Betrieb aktuell bleiben. Sollte dies nicht der Fall sein, werden Mutationen im Auftrag des Eigentümers eingefordert, um Modelle und Daten auf dem aktuellen Stand zu halten.

Fazit
Ein LCD-Manager ist ein Muss für den professionellen Eigentümer und Bauherrn. Er sorgt mit der intelligenten, vorausschauend aktiven Steuerung von Daten für die korrekte, portfoliogetriebene Strukturierung von Projekten. Er definiert, welche Daten wann benötigt und wie diese geliefert werden. Weiterhin wird sichergestellt, dass die Verantwortlichkeiten für Generierung, Speicherung, Vorratshaltung und Pflege der objektrelevanten Daten klar verteilt sind.
Eigentümer profitieren von einer einheitlichen Datenstrukturierung ihres Portfolios – in Zukunft noch mehr als jetzt. Qualität von phasenübergreifenden Daten, Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Daten sowie die Effizienz der Datenverfügbarkeit sind im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung der Immobilienwirtschaft die ausschlaggebenden Kriterien der Zukunft. Bauherren werden Datenkataloge bestellen, nicht mehr nur BIM-Modelle.

 

Literatur

Zitate:

BIM-Modelle werden meist aus Planer- oder Unternehmersicht strukturiert, kaum aus Sicht der Nutzungs- und Betriebsphase.

oder: BIM-Modelle werden nur selten aus Sicht der Nutzungs- und Betriebsphase strukturiert.  
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Bauherren müssen lernen, mit Datenkatalogen sinnvoll umzugehen.
LCDM ist eine konsequente Weiterentwicklung von BIM.
Beim BIM Protocol ist der Bauherr über alle Phasen eines Projektes für die Stellung eines Informationsmanagers verantwortlich.

© Montri/stock.adobe.com
Symbolbild
Autor

Adrian Wildenauer ist Bauingenieur. Er hat sich in England und Irland zum Construction Manager fortgebildet. Seit ca. 15 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema BIM und der notwendigen Bestellkompetenz von Bauherren im Datendschungel. Er arbeitet beim Schweizer Beratungsunternehmen pom+ mit Hauptsitz in Zürich.

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