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05.08.2019 | Margo Mlotzek, Thomas Wilk

Vernetzen, informieren, pilotieren – BIM in NRW

BIM und öffentliche Verwaltung

In Nordrhein-Westfalen heftet man nicht nur BIM-Konzepte in Ordnern ab – das Land digitalisiert sich Schritt für Schritt.

„Digitalisierung passiert!“ Das digitale Zeitalter bestimmt maßgeblich unsere Lebens- und Arbeitsbereiche. Smartphones sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. In regelmäßigen Abständen werden neue Produkte vorgestellt: Tablets, Smartwatches, VR-Brillen, Smart-Home und 3D-Drucker etablieren sich flächendeckend im privaten Umfeld. Unser Alltag wird schneller von der Digitalisierung durchdrungen als die Arbeitswelt. Fast schon intuitiv lernen wir, die neuen Anwendungen in den Lebensalltag zu integrieren, und so ändert sich automatisch unsere neue Art zu leben und zu kommunizieren.

Google & Co. als Bauherren

Dabei entsteht der Eindruck, als seien Treiber der digitalen Entwicklungen nicht Industrie und Produktion, sondern vor allem Geräte und Anwendungen für Konsum und Freizeit, die ständig innovativ und kreativ weiterentwickelt und ausgebaut werden. Natürlich findet auch in der Industrie eine Entwicklung statt, die so noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten worden wäre. Wer hätte erwartet, dass die etablierten Autohersteller plötzlich Konkurrenz bei der Entwicklung des autonomen Fahrens von Google und Co., also durch Unternehmen aus ganz anderen Branchen, bekommen würden? Die gezielte Datenverwertung in einer vernetzten Welt sowie der Einsatz digitaler Methoden und Werkzeuge ermöglicht es den Digitalunternehmen mittlerweile also sehr erfolgreich, auch in fachfremde Wirkungsfelder vorzudringen.

So beabsichtigen nun die größten Internetriesen, den Hausbau zu revolutionieren. Während eines dieser Unternehmen den Bau von 10.000 Wohneinheiten plant, beabsichtigt das andere einen ganzen Stadtteil zu errichten. Ganze Mehrfamilienhäuser sollen komplett an der digitalen Kette ausgerichtet entstehen – von der ersten Ideenskizze über die Fabrikfertigung bis hin zur Inneneinrichtung – alles digital durchgängig und aus einer Hand.

Das Angebot an digitalen, universell einsetzbaren Dienstleistungen wächst stetig. Wer den Nutzen davon erkennt, profitiert zunehmend. So gehen auch große Bauunternehmen externe Partnerschaften mit innovativen Startups ein, um vielversprechende digitale Trends nicht zu verpassen. Beispielhaft sind die Kooperationen im Bereich der 3D-Druck-Technik, die große Auswirkungen darauf haben werden, wie künftig geplant und gebaut wird.

Die in der Baubranche mit der Einführung digitaler Methoden einhergehenden Befürchtungen gelten der Verdrängung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) durch große, meist im Ausland ansässige Generalunter- und -übernehmer. Den eigentlichen Wettbewerb könnten währenddessen fachfremde Unternehmen aus dem Digitalisierungssektor prägen.

Denn Digitalisierung ist der zentrale Schlüssel für Neuentwicklungen und somit für die Wettbewerbsfähigkeit. Digitale Methoden und Workflows werden die Art und Weise, wie künftig Immobilien und Infrastruktur geplant, gebaut, bewirtschaftet, modernisiert, Instand gehalten und rückgebaut werden, durch die Anwendung digitaler Methoden und Prozesse stark verändern.

NRW fördert BIM

Die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat sich zum Ziel gesetzt, auch in der Baubranche die Digitalisierung zielstrebig voranzutreiben. Im Koalitionsvertrag ist ausdrücklich die Absicht formuliert, die Chancen der Digitalisierung in der nordrhein-westfälischen Baupolitik zu nutzen und mit einer innovativen, vernetzten Wirtschaft die Voraussetzungen für Wachstum und Wohlstand für morgen zu schaffen. Bei der Einführung des Building Information Modeling (BIM) soll Nordrhein-Westfalen eine Vorreiterrolle einnehmen. Um dies zu erreichen, werden das Expertenwissen aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Hochschulen zusammengeführt.

BIM ist das zentrale Element der Digitalisierung im Baubereich und bietet die ausgezeichnete Möglichkeit, weitere neue Betätigungsfelder zu erschließen, sich neu aufzustellen. Die digitale Arbeitsmethodik richtet sich gleichermaßen an Auftraggeber, Planer, Ausführende und Betreiber. BIM ermöglicht es erstmals, die äußerst komplexe Wertschöpfungskette Bau mit all ihren Verknüpfungen und Wechselwirkungen transparent abzubilden und optimal auszurichten.

Den wesentlichen Kernpunkt in diesem Digitalisierungsprozess für den öffentlichen Bauherrn und gleichzeitig den Eigentümer großer Immobilienbestände bildet das ganzheitliche Management von Informationen von der Planung über die Erstellung, Gebäudebewirtschaftung, Instandhaltung und Modernisierung bis hin zum Abriss und zur Wiederverwertung wertvoller Baustoffe. Denn Informationen sind maßgeblich für einen abgestimmten, strukturierten und synchronisierten Planungs- und Entstehungsprozess. Wie anfangs schon erwähnt, sind sie vor allem aber ein wertvolles Wirtschaftsgut, dessen Bedeutung insbesondere in der Bewirtschaftungsphase (Facility Management) zum Tragen kommt.

Eine den gesamten Lebenszyklus übergreifende Betrachtung des Bauwerks und die entsprechende durchgängige Dokumentation der dafür relevanten Gebäudeinformationen erzeugen den größtmöglichen Nutzen, den ein öffentlicher Bauherr mit der BIM-Anwendung erzielen kann. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine sorgfältige und vollständige Bedarfsermittlung, die noch vor der eigentlichen Gebäudeplanung abgeschlossen werden muss.

Mitarbeiter sind entscheidend

Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor für das Gelingen des BIM-basierten Planungsprozesses ist der Faktor Mensch. Es wird allgemein eingeschätzt, dass sich die BIM-Anwendung aus 20 Prozent Technologie und 80 Prozent Prozessstruktur zusammensetzt. Der Einsatz von BIM verlangt somit von allen Beteiligten eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Alle Beteiligten müssen kooperativ denken und handeln und dafür das nötige Verständnis für die Grundsätze der BIM-Idee mitbringen.

Völlige Transparenz und vertrauensvoller Umgang miteinander bilden den Schlüssel zum Erfolg. Das partnerschaftliche Miteinander ist notwendig, um einen engen interdisziplinären Austausch, welcher der BIM-Methode zu Grunde liegt, zu gewährleisten. Der Einblick in benachbarte Tätigkeitsfelder fördert zudem eine generalistische und vernetzte Denkweise, die wiederum der ganzheitlichen Lebenszyklusbetrachtung einer Immobilie zugute fällt.

Daher passt für BIM durchaus auch die abgewandelte Übersetzung „Building Information Management“, um zu betonen, dass es sich um eine Managementmethode handelt, die deutlich über die Planungsphase hinaus die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes von rund 80 bis 100 Jahren bis hin zum Abriss betrifft.

Der Wissens- und Informationstransfer sowie die Vernetzung aller wesentlichen Akteure sind daher auch für die BIM-Implementierung im Bundesland Nordrhein-Westfalen von zentraler Bedeutung. Im gemeinsamen Dialog und regelmäßigen Austausch mit Expertinnen und Experten aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft vernetzen wir die im Land vorhandenen Kompetenzen und führen das Wissen zusammen.

BIM-Mehrwert für den öffentlichen Bauherrn und Immobilienbewirtschafter (Bild: Margo Mlotzek/HUSS-MEDIEN GmbH)

Hierfür wurde eigens im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung NRW (MHKBG) das BIM-Competence-Center (BIM-CC) eingerichtet. Es soll u. a. als neutraler Unterstützer den inhaltlichen Dialog im Land Nordrhein-Westfalen zwischen allen Beteiligten befördern und als Impulsgeber und Koordinator wirken. Die lebenszyklusorientierte Betrachtung der BIM-Methode steht dabei immer im Fokus.

Aus diesem Grund fördert das BIM-CC das Forschungsvorhaben „Living Lab Gebäudeperformance“ der Bergischen Universität Wuppertal. Ziel der Forschung ist es, u. a. „durch konsequente Informationsvernetzung, Definition und Überprüfung von Gebäudequalitäten sowie eine kontinuierliche Qualitätssicherung Methoden aufzuzeigen, mit denen die Performance von Nichtwohngebäuden im Betrieb verbessert“ werden kann.

Digitaler Bauantrag

Ein anderes Forschungsprojekt, das vom Bauministerium unterstützt wird, ist der BIM-basierte Bauantrag der Initiative planen-bauen 4.0. Mittel- bis langfristig wird BIM auch in das Genehmigungsverfahren integriert. Die hierfür erforderliche Überführung des analogen Bauantragsverfahrens in einen digitalen Prozess wird vom Bauministerium aus aktuell stark vorangetrieben.

Damit das Land Nordrhein-Westfalen bei der BIM-Implementierung die angestrebte bundesweite Vorreiterrolle einnehmen kann, bereiten sich auch der landeseigene Bau- und Liegenschaftsbetrieb für den Hochbaubereich und der Landesbetrieb Straßen.NRW für den Infrastrukturbereich intensiv darauf vor, ab dem Jahr 2020 BIM anzuwenden.

In einem späteren Schritt wird es perspektivisch wichtig sein, BIM-Modelle auch unmittelbar in das behördliche Baugenehmigungsverfahren einzubeziehen. Hier kann es dann zu einer Verknüpfung mit dem zweiten Modellprojekt im MHKBG kommen: Gemeinsam mit einigen Modellkommunen erarbeitet das Ministerium gegenwärtig einen Musterprozess zur Einführung eines volldigitalen Baugenehmigungsverfahrens für alle 212 unteren Bauaufsichtsbehörden im Land NRW.

Auch für den digitalen Bauantrag sollte perspektivisch eine BIM-basierte Planung zugrunde gelegt werden, damit die Synergien einer Betrachtung über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes bereits ab der ersten Planungsidee gehoben werden.

Die ganzheitliche Einführung von BIM ist eine ehrgeizige Aufgabe und wird noch Zeit in Anspruch nehmen. Bund und einzelne Länder forcieren die BIM-Implementierung durch eine Vielzahl von Pilotprojekten, Bereitstellung von Handlungsempfehlungen und Standards sowie vielfachen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Sowohl in der Forschung als auch in der Anwendung gibt es allerdings noch zahlreiche Lücken, die geschlossen werden müssen, um einen allgemeingültigen Musterprozess abzubilden.

Gerade der Bereich des Handwerks hat hier mit großen Herausforderungen zu kämpfen. Rund 90 Prozent aller Unternehmen haben weniger als zehn Mitarbeiter und sind daher kaum in der Lage, neben den übervollen Auftragsbüchern die digitale Transformation zu bewältigen. Daher werden bei den meisten Betrieben selbst einfache unternehmensinterne Prozesse noch analog ausgeführt. Dabei ist es offenkundig, dass die Wertschöpfung durch Digitalisierung von internen Geschäftsabläufen deutlich gesteigert werden kann. Denn wer langfristig wettbewerbsfähig sein möchte, muss neue Wege gehen.

Das Angebot an Informationsveranstaltungen, Schulungen oder entsprechender Literatur ist innerhalb weniger Jahre stark gewachsen. Sowohl deutschland- als auch weltweit vernetzen sich zahlreiche Akteure, die sich für die Digitalisierung der Baubranche einsetzen. Gute Vernetzung ist heutzutage wichtiger denn je und bildet die Voraussetzung für Wachstum und Entwicklung.
Das BIM-CC im MHKBG leistet gemeinsam mit allen Akteuren der Baubranche einen wesentlichen Beitrag zur aktiven Implementierung von BIM. Es braucht gemeinsame Anstrengungen aus den Reihen des öffentlichen Sektors, der Bauwirtschaft und Forschung, die hier vernetzt werden.

© photon_photo/stock.adobe.com
Autoren

Dipl.-Ing. Margo Mlotzek ist Architektin AKNW und Immobilienfachwirtin (IMI). Nach dem Studium arbeitete sie als Projektleiterin in Düsseldorf, bei der pos4 Architekten und Generalplaner GmbH und Eller + Eller Architekten GmbH. Seit 2009 ist sie im Bauministerium des Landes Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Dort betreut sie seit 2015 das Thema BIM. Seit 2018 ist sie Mitglied des BIM-Competence-Centers. mhkbg.nrw


Dr. Thomas Wilk absolvierte eine Ausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt. Danach studierte er Rechtswissenschaften an der Ruhr-Universität in Bochum. 2005 promovierte er zum Dr. iur. und arbeitete u. a. am Landgericht Dortmund und im Rechtsamt der Stadt Bochum. Von 2013 bis 2018 war er Kreisdirektor und Kreiskämmerer des Kreises Unna. Seit 2018 ist er Abteilungsleiter Bauen im MHKBG NRW und Leiter des BIM-Competence-Centers. mhkbg.nrw

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