Skip to main content
Margarete Sotier

Positives Datensammeln

PropTech: DNA-Analyse für Architektur

Das PropTech-Startup Archilyse wertet die Daten geplanter oder gebauter Häuser aus, um Schwachstellen in der Architektur zu erkennen und Informationen für den Lebenszyklus einer Immobilie zu nutzen.

Das 2017 gegründete PropTech-Start-Up Archilyse trägt mit seiner SaaS-Lösung (SaaS: Software as a Service) dazu bei, die Folgen von Architektur besser planbar zu machen. Mit einem Klick kann durch den Service des Spin-Offs der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) Architektur analysiert und auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse objektiv verglichen werden. Schwachstellen in der gebauten Umgebung können dargestellt und Verbesserungspotentiale aufgezeigt werden. Zudem liefert Archilyse automatisierte Informationen, die für die Optimierung einer Vielzahl von Prozessen im Immobilienlebenszyklus genutzt werden können.

Grundlagen

In westlichen Gesellschaften verbringen die Menschen 80 bis 90 Prozent ihres Lebens in Gebäuden und sind damit von Architektur umgeben. Verschiedene Forschungsergebnisse zeigen, dass Architektur die Persönlichkeit, Gesundheit, Sinne und das Nervensystem, die sozialen Kontakte, das Sicherheitsbewusstsein, die Gewaltbereitschaft sowie das (Nutzungs-)Verhalten beeinflussen kann.

Die Wissenschaftlerin Dr. Tanja Vollmer fand heraus, dass man mit bestimmten Architekturstrukturen in Krankenhäusern Heilungsprozesse fördern oder behindern kann. So bringen etwa die häufig nur auf künstlichem Licht basierenden Lichtverhältnisse den Biorhythmus durcheinander und verlangsamen Heilungsprozesse. Für den Neubau der psychiatrischen Klinik der Universitätsklinik in Tübingen wurden diese Forschungsergebnisse angewandt. Das Gebäude wurde mit viel Tageslicht, Holzmaterialien, großzügigen Gängen und mit Zugang zu und Blick in die Natur konzipiert. Dadurch konnten Zwangsmaßnahmen bei Patienten um bis zu 80 Prozent reduziert werden.

Die Heatmap zeigt die Analyse eines Bürolayouts mit Konferenzzimmer nach gesamtem Sichtvolumen aus einer Sitzhöhe von 1,2 Metern. Rote Hexagone deuten auf ein großes Sichtvolumen, blaue auf ein geringeres Sichtvolumen hin. (Bild: Archilyse)

Die Analyse- und Entwicklungsabteilung der Zaha Hadid Architects wendet Forschungsergebnisse für die Gestaltung von Büroräumen an. Denn verschiedene Studien, u. a. von Sarah Chellappa, zeigen, dass gute Lichtverhältnisse, eine sinnvolle Platzierung sozialer Treffpunkte und die richtige Struktur von Wegen und Arbeitsplätzen die Leistungsfähigkeit fördern, den Biorhythmus unterstützen und das Wohlbefinden steigern können.

Der Forscher Danny Friedman erkannte in einer großen Studie, dass minderwertige, überbelegte Wohnungen einen Einfluss auf die Gesundheit und die Wahrscheinlichkeit von Kriminalität und Bildungsabschluss haben.

Zu kleine Wohnungen, sogenannte Mikro-Apartments, verstärken psychische Probleme, häusliche Gewalt und Drogenmissbrauch. Besonders bei Kindern können zu kleine Wohnungen mit wenig Tageslicht die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen.

Funktionsweise

Die architektonischen Ursachen für Probleme, die durch verschiedene Elemente der gebauten Umwelt ausgelöst werden können, lassen sich mit Hilfe von Archilyse aufdecken. Dazu gehören äußere Lärmbelastungen (z. B. von Straßen), schlechte Raumstrukturen und -aufteilungen, mangelhafte Raumgrößen (z. B. Platzmangel), defizitäre natürliche Lichtverhältnisse, zu lange Wege, fehlende Ausblicke, schlechte Infrastruktur und Vernetzung mit bzw. in der Umgebung.

Mit Parametern wie Größe und Struktur von Räumen bzw. Gebäuden, Aussicht, Tageslichtzugang, Sichtbarkeit oder Vernetzung ist es Archilyse möglich, zahlreiche weitere Faktoren abzuleiten wie z. B. Blickbeziehungen oder das Verhältnis von Bewohnern zur Raumgröße. Diese werden untersucht und bewertet.

Neben diesen Simulationen kann Archilyse die Einhaltung bestimmter Verordnungen (z. B. Bauzonenordnung) anhand geometrischer und physischer Daten überprüfen und Normverstöße anzeigen.

Die Analyse lässt sich auf Basis individueller Wohnungsgrundrisse oder komplexer Baupläne auch mit entsprechenden Adressangaben durchführen.

Anwendung

2D-Grundrisse in Form von PDF oder Bilddateien von Gebäuden werden in 3D-BIMLight-Modelle konvertiert und geo-referenziert. Über API-Calls (Application Program Interface) können professionelle Nutzer die Gebäudemodelle mit Hilfe von Algorithmen, die die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in Formeln übersetzen, analysieren. Die Ergebnisse werden für die Endkunden in einfach lesbaren Heatmaps dargestellt oder in Form von Kennzahlentabellen zur weiteren Verarbeitung exportiert.

Parallel Areas (Bild: Archilyse)

Wurden Schwachstellen wie geringer Tageslichtzugang, strukturelle Missstände oder Normverstöße bei geplanten oder bereits realisierten Gebäuden aufgedeckt, kann Archilyse die Ursachen für die Schwachstellen benennen und in einem weiteren Schritt Alternativen zeigen. Dazu wird für die Analyse auf konkrete Messgrößen bzw. wissenschaftliche Studien zurückgegriffen, die in die API integriert sind.

Parallel Compare (Bild: Archilyse)

Mit dem Arbeitsplatzanalysetool Workplace Analytics werden für Büroräume verschiedene Einrichtungsmöglichkeiten simuliert, um die bestmögliche Lösung in Bezug auf Raumgröße/ Vollzeitäquivalente-Verhältnis, Akustik, Bürostruktur und Arbeitsformen zu finden. Das Wohnungsanalysetool kann Grundrisse nach Faktoren wie Familienfreundlichkeit, WG-Tauglichkeit oder Infrastruktur innerhalb und außerhalb der Wohnung bewerten und vergleichen und so für geplante Wohnungen zeigen, wo Verbesserungen in Bezug auf einzelne Parameter möglich sind. In einer iterierten Version wird künftig mit Hilfe einer personalisierten Suche die den Bedürfnissen optimal entsprechende Wohnung zu finden sein. Dabei kann beispielsweise auch die Entfernung zum Arbeitsplatz oder zur Kita berücksichtigt werden.

Vergleich der Wohnungen (Bild Archilyse)

Da die Zusammenstellung eigener Analysen und Simulationspakete modular möglich ist, ergibt sich eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten. Immobilienbesitzer und Versicherungen können Informationen für die Gebäudebewertung extrahieren. Bessere Filtermasken für die Wohnungssuche helfen zukünftigen Mietern bei Suche und Auswahl. Für die öffentliche Hand schafft die Möglichkeit zur objektiven Vergleichbarkeit ein Werkzeug, um Stadt- und Raumplanung mit positiver Wirkung auf den Menschen zu gestalten. 

Parallel Group (Bild: Archilyse)

Archilyse schöpft mit seiner Anwendung das in der Immobilienbranche noch zu wenig genutzte Potenzial der Digitalisierung aus und ermöglicht damit die Nutzenmaximierung für alle Stakeholder an Immobilien. Durch das Ausräumen des bisher herrschenden Informationsungleichgewichts
zwischen Immobilienprofis und -laien ermöglicht das Start-Up das Erkennen und Ausnutzen vorhandener Potenziale, sodass Architektur in Zukunft nicht mehr negativ beeinträchtigend, sondern vor allem positiv beeinflussend konzipiert und gebaut werden kann.

Einen Überblick über die Möglichkeiten und die Funktionsweise vermittelt das kostenlose Wohnungsanalysetool auf archilyse.com. Nutzer können hier Wohnungsgrundrisse nach verschiedenen Labels wie z. B. Familienfreundlichkeit, Flexibilität oder Sonneneinstrahlung einstufen lassen und mit anderen Grundrissen vergleichen.

Team

Die Technologie hinter dem ETH-SpinOff Archilyse basiert auf der Doktorarbeit von Dr. Matthias Standfest. Er studierte Maschinenbau und Architektur und belegte zusätzliche Kurse in Philosophie und Kulturwissenschaften. Aus dieser Kombination entstand das Interesse an den Themen Künstliche Intelligenz und Machine Learning in Bezug auf Architektur.

In seiner Dissertation am Architekturlehrstuhl der ETH Zürich untersuchte er, wie städtische Geometrien mit Machine Learning in großem Maßstab auswertbar gemacht werden können. Durch seinen akademischen Hintergrund arbeitet Archilyse eng mit Universitäten im DACH-Raum zusammen (u. a. ETH Zürich, Hochschule Luzern, TU Graz, Bauhaus Universität Weimar) und kooperiert für die Produktentwicklung mit Unternehmen und Organisationen aus der Immobilienbranche (u. a. Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein, Pricehubble, Archilogic).

Unterstützt wird Dr. Standfest von einem internationalen Team aus acht Mitarbeitern verschiedener akademischer Disziplinen (Informatik, Astrophysik, Architektur, Elektrotechnik, Kulturwissenschaften), die in den Bereichen Programmierung Frontend/Backend, Produktentwicklung und Sales & Marketing

© Achilyse
Die Heatmap zeigt zwei Bürolayouts im Vergleich. Je nach persönlicher Gewichtung (z. B. möglichst kurze Wege zu den Toiletten) lässt sich berechnen und visualisieren, welches Layout besser bzw. schlechter performt.
Autor

Margarete Sotier zog nach ihrem Masterabschluss in Kulturwissenschaften von der Leuphana Universität Lüneburg nach Zürich, wo sie seit 2017 als Verantwortliche für Onlineredaktion, Marketing und PR auf ihr Wissen in Architektur, Stadtentwicklung und Digitalisierung und Erfahrungen im Kulturmanagement, Marketing und Kommunikation zurückgreift. archilyse.com

Kommentare
  • Keine Kommentare
Diesen Artikel teilen
Anzeige
botMessage_toctoc_comments_9210
Gratis Probeheft bestellen!