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28.06.2021 | Harald Stieber

Planung in Rekordzeit

BIM & Infrastruktur

Am pannengeplagten Flughafen Berlin Brandenburg (BER) geschah eine kleine Sensation. In aller Stille wuchs ein neues Terminal. Skandalfrei, schnell, pünktlich – geplant mit BIM.

Funktional und introvertiert präsentiert sich das silbrig schimmernde Gebäude des Terminal 2 am Hauptstadt-Flughafen Berlin Brandenburg. Das erst 2017 beauftragte Zusatzterminal ist – pünktlich zur Eröffnung des BER – ready for take-off. Aufgrund der momentanen Corona-Situation nur im Standby-Modus, ist T2 jederzeit einsatzbereit.

Das Terminal wurde vom Planerteam ATP architekten ingenieure/amd.sigma strategic airport development in Rekordzeit konzipiert und geplant. Vom First Sketch of Design zum Handing Over to Operation vergingen nur 36 Monate plus zwei Monate Konzeptfindung. Trotz komplexer Abläufe und vieler später hinzukommenden Nutzeranforderungen sowie einem strengen Terminplan konnte T2 pünktlich schlüsselfertig übergeben werden. Damit ist es eines der am schnellsten errichteten Terminalprojekte Deutschlands.

T2 erweitert die Kapazität des BER um sechs Millionen Passagiere pro Jahr und kann in Spitzenstunden rund 2.000 Passagiere abfertigen. Um diese Auslastung bereits bei der Eröffnung zu gewährleisten, konzipierte ATP/amd das 23.000 Quadratmeter große Gebäude als Fast Track-Projekt mit maximal einfacher Baustruktur und Fassade. Die architektonische Sprache des T2 bedient sich der Ästhetik des Industriebaus, um die Rolle des Terminals als Funktionsbau klar darzustellen. Dank integraler Planung mit Building Information Modeling war es möglich, sämtliche Vorgaben des Auftraggebers ressourcenschonend und verschwendungsreduzierend in Volumen, Material und Energie planerisch zu bewältigen.

Planerteam

Die integrale Planung mit BIM war die Voraussetzung, um ein Projekt dieser Größenordnung in Qualität und Zeit zu realisieren. Sie unterstützte bestmöglich die erfolgreiche Zusammenarbeit des Planerteams. Als integraler Planer verantwortete ATP standortübergreifend die Prozessführung Planung mit Architektur, Tragwerksplanung und Technischer Gebäudeausrüstung (TGA) im eigenen Haus. Neben ATP Berlin waren die Teams von ATP Frankfurt und ATP Nürnberg an der Planung des T2 beteiligt.

amd.sigma, Spezialist für Flughafenberatung und Gesamtkonzeption von Projekten, war für die Prozessanordnung und den Grundriss des T2 verantwortlich. Den Terminalarchitekten bei amd gelang es, innerhalb von nur drei Wochen über Variantenuntersuchungen die finale Lösung zu entwickeln. Noch vor einer Erfassung der Nutzerbedarfe entstand das Layout, das alle Prozesse und wesentlichen Bedarfe abbildete.

Im Generalplanerteam fanden sich auch Brandschutz- und Signage-Planer sowie das Planerbüro für die Gepäckförderanlage (suisseplan).

Lage des Terminals 2 auf dem Gelände des BER, Bild: ATP

Architektur – Städtebauliches Konzept

Langgestreckt liegt das T2 im Innenhof des Flughafens, parallel zum nördlichen Arm des Hauptterminals – dem Pier Nord, mit dem es durch gläserne Brücken verbunden ist und dessen Gates und Sicherheitskontrollen es mitbenutzt. Diese Funktionsabläufe sowie die maximale Nutzung des von Bestandsgebäuden umgebenen Baufeldes ergaben die Form eines 240 Meter langen und 40 Meter breiten Riegels mit einer Höhe von ca. 16 Metern.

Lage und Funktion des Terminals als Unterstützungsgebäude verlangten ein städtebauliches Konzept, in dem sich der Bau optisch unprätentiös dem Hauptterminal unterordnet und harmonisch ins Flughafenareal einfügt. Mit seiner glatt-glänzenden, durchgängig flachen Fassade präsentiert sich der T2 dabei als erfrischender Kontrast zum BER-Design der umgebenden Bauten. Beinahe verschmilzt seine grau-metallische Hülle mit dem Himmel und der umgebenden Infrastruktur.

Terminal 2 liegt parallel zum nördlichen Arm des Hauptterminals, Bild: FBB/Günter Wicker

Funktionen des Gebäudes

Mit einer Kapazität von 6 Millionen Fluggästen pro Jahr ist das T2 zur Unterstützung von T1 und zur Abfederung des Passagieraufkommens konzipiert. Der Kernprozess, der von der Planung maximal unterstützt werden soll, ist die effiziente und stressfreie Führung von täglich bis zu 2.000 Personen durch das Gebäude – auf kurzen Wegen und unter Einhaltung aller notwendigen Sicherheitsauflagen.

Das T2 befindet sich, mit Anbindung an das bestehende Pier Nord, zwischen den beiden Start- und Landebahnen ohne eigenen Zugang zu den Landeplätzen. Die Passagiere gelangen daher über zwei gläserne Brücken zu den Wartezonen und Gates.

Das Gebäude ist zweigeschossig und verfügt über zwei öffentliche Passagierhallen, eine große Gepäckförderanlage, Technik- und Lagerräume sowie Büros. Man betritt T2 im Erdgeschoss über die Check-in-Halle mit 16 Schaltern und der Gepäckabfertigung. Im Obergeschoss, nach der Sicherheitskontrolle, gelangt man auf die Plaza mit ihren Shops und Cafés.

Gepäckförderanlage im Passagierbereich, Bild: FBB/Günter Wicker

Fassade

Die vorgehängte Fassade aus silbereloxierten, geschliffenen Aluminiumpaneelen schafft einen Gegenpol zu den Sichtbetonflächen des Hauptterminals. Bewusst wird jede Art der optischen Anbiederung vermieden. Das Planerteam wählte Aluminium als Material aus der industriellen Ästhetik. Es wirkt einfach und dennoch hochwertig und verwandelt das Terminal in eine silberschimmernde Box.

Ein regelmäßiges, vertikales Ausbauraster von 1,275 Metern gliedert die Fassade und definiert die Breite der Metallpaneele. Die Länge der Paneele beträgt an den überwiegend geschlossenen Wandflächen durchgehend fünf Meter. Nur an den Stirnseiten und Teilen der Nordseite gliedern Fensterbänder die Fassade. Alle Türen und Fenster sind flächenbündig in die Oberfläche integriert, wodurch eine ununterbrochene Homogenität entsteht.

Vorgehängte Fassade aus silbereloxierten, geschliffenen Aluminiumpaneelen, Bild: ATP/Marcus Bredt

Interieur

Mit Sichtbeton und freien Raumdecken orientiert sich die Architektur auch im Inneren am Industriebau. Der integrale Planungsansatz, die interdisziplinäre und simultane Zusammenarbeit von Architektur, Tragwerksplanung und Technischer Gebäudeausrüstung, ermöglichte es in der kurzen Zeit, die primären Strukturen in Verbindung mit den haustechnischen Elementen zu entwickeln und verweben.

Die resultierende Ausführungsqualität ist prägend für das Innenraumkonzept. Die Hallenwelt des T2 präsentiert sich in schlichtem, industriellem Look. So bilden die Check-in-Schalter aus weißem, widerstandsfähigem Mineralwerkstoff puristische Eyecatcher in der Abfertigungshalle, während dunkelgraue Gitterroste als visuelle Elemente und Sichtschutz fungieren.

Die Wegführung ist passagierfreundlich, übersichtlich und intuitiv. Das Farbkonzept wurde zur Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Nutzungs- und Raumbereichen entwickelt und entspricht dem Signage Concept des Flughafens Berlin Brandenburg. Zusätzlich leitet ein rotes Metallband auf 3,5 Metern Höhe durch das gesamte Gebäude.

Check-in-Schalter in der Abfertigungshalle, Bild: ATP/Marcus Bredt

Tragwerksplanung

Um das Terminal einfach und schnell errichten zu können, entschied sich das Planerteam teilweise für eine modulare Bauweise mit Fertigteil-Bauteilen. Man ließ Stahlbetonstützen, Fertigteil-Binder, TT-Plattendecken und Stahlträger anfertigen, wo bereits Auslassungen für die Haustechnik vorgesehen waren.

Die horizontale und vertikale Gebäudeaussteifung erfolgte über die Treppenhaus- und Aufzugskerne in Verbindung mit den Geschossdecken. Im Hallenbereich sorgen Fertigteilstützen sowohl in Längs- als auch in Querrichtung für die nötige Aussteifung. Somit mussten keine Kopplungskräfte zwischen Bindern und Pfetten aus Lasten der Gebäudeaussteifung berücksichtigt werden. Die STB-Pfetten unter der Dachhaut nehmen sowohl die Last aus den Oberlichtbändern als auch die Last aus den Traversen für die TGA-Trassen auf. So ergeben sich Spannweiten für die Trapezblecheindeckung mit einer wirtschaftlichen Blechdicke.

Die zwei geschlossen verglasten Übergänge zum Pier Nord erhielten ein Stahltragwerk, das als Brücke die zwischen dem T2 und dem Pier Nord liegende Straßentrasse stützenfrei überspannt. Der Lastabtrag der Brücken wird über gesonderte Stahlbetonpfeiler auf separaten Gründungselementen realisiert, sodass keine Lasten an das bestehende Gebäude Pier Nord und das T2 eingeleitet werden müssen.

Auch maximale Flexibilität stand bei der Planung im Fokus. Damit die Halle für die Sicherheitskontrolle den neuesten Anforderungen der Flughafensicherheit angepasst werden kann, wurden die Räume größtenteils stützenfrei konzipiert. Große Einbringöffnungen in der Fassade ermöglichen auch den Austausch großformatiger Geräte. Der Verzicht auf abgehängte Decken erleichtert den Zugang zu den Leitungen und Installationen und ermöglicht problemlose Erweiterungen der Haustechnik.

Sitzbank im Eingangsbereich des Terminals 2, Bild: FBB/Günter Wicker

Technische Gebäudeausrüstung

Das T2 konfrontierte das Planerteam mit der Integration einer Vielzahl von komplexen Systemen der technischen Gebäudeausrüstung unter Berücksichtigung der Anforderungen der verschiedenen Nutzergruppen. Es beinhaltet verschiedene Anlagen der Elektrotechnik. Zwei getrennte Netze stellen die Stromversorgung des Gebäudes sicher, das Normalnetz mit zwei Transformationen sowie das Sicherheitsnetz mit ebenfalls zwei Transformationen und einem Dieselaggregat.

Bei der Planung und Koordination der komplexen Ausstattung des Gebäudes wie beispielsweise Notruf, Kommunikation, Personenzählung, Zeiterfassung, elektroakustische Anlagen, Fernseh- und Antennenanlagen, Gefahrenmeldung sowie Flucht- und Rettungswegesysteme war der integrale Planungsprozess von entscheidender Bedeutung. Auch bei der Errichtung anderer haustechnischer Anlagen wie GLT, Heizung, Lüftung und Gepäckförderanlagen war die von ATP praktizierte interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Gewerken gefragt.

Für die Öffentlichkeit nicht zugänglicher Bereich der Gepäckförderanlage, Bild: ATP/Marcus Bredt

Licht

Das automatisierte und wirtschaftlich optimierte Lichtkonzept setzt neben viel Tageslicht auf LED-Technik und garantiert die problemlose Wegführung der Passagiere durch das Gebäude.

Integrale Planung mit BIM

Seit 2012 verläuft integrale Planung bei ATP informationsunterstützt durch Building Information Modeling. Im Gegensatz zu herkömmlichen Planungsweisen kann ATP mit der langjährig gelebten Kultur der integralen Planung die Vorteile von BIM zugunsten von Qualität und Nachhaltigkeit voll ausschöpfen. Der Einsatz von BIM und damit die Durchdringung des Planungs- und Bauprozesses mit Digitalisierung ist also nicht der Anfang, sondern der Endpunkt eines umfangreichen Change-Prozesses. Die simultane, interdisziplinäre Planung ist daher Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Anwendung von BIM.

Gerade bei der komplexen Nutzungsstruktur von T2 zeigten sich die Vorteile der integralen Planung mit BIM. So gelang dem Planerteam die Übersetzung der reibungslosen Abläufe in ein Gebäudekonzept für T2 als kompaktes und optimiertes Platzwunder. Auch die standortübergreifende Zusammenarbeit im ATP-Netzwerk und mit amd.sigma basierte auf der BIM-Methodik und ermöglichte, den anspruchsvollen Bau unter Einhaltung aller Vorgaben in acht Monaten bis zum Einreichen des Bauantrags zu planen. Die integrale Planung mit BIM bündelte das Know-how aller Beteiligten.

Durch die Ausführungsvergabe an einen Generalunternehmer hatte ATP nur einen Ansprechpartner. Dies führte wiederum zu einer klaren Abstimmung und einer reibungslosen Koordination. Auch wusste der Generalunternehmer das BIM-Modell digital auf der Baustelle zu nutzen.

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Projektdaten

Zeitschiene ”fast track”
Auftrag: 5/2017
Konzeptphase: bis 8/2017
Planungsbeginn ATP: 8/2017
Einreichung Bauantrag: 12/2017
Baugenehmigung: 8/2018 (8 Monate)
Baubeginn: Sommer 2018
Richtfest: 7/2019
Fertigstellung/Übergabe: 9/2020
First Sketch of Design to Handing over to Operation: 36 Monate plus 2 Monate Konzeptfindung

Bauherr: Flughafen Berlin Brandenburg GmbH
Ort: Berlin
Planerteam: ATP/amd.sigma strategic airport development
Externe Planungspartner: suisseplan Ingenieure AG Logistik, VIA Beratende Ingenieure, Voigt-Ingenieure, Gruner GmbH, GDLA Landschaftsarchitekten, moniteurs GmbH

© FBB/Günter Wicker
Autor

Harald Stieber ist Geschäftsführer/ Ingenieure von ATP architekten ingenieure, Frankfurt. Der an der University of Applied Sciences in Wien ausgebildete Bauingenieur und BIM-Experte verfügt auch über einen Master „Management im Gesundheitswesen“. Sein beruflicher Weg führte ihn unter anderem zur VAMED und PORR AG in Wien, bevor er 2019 zu ATP wechselte. (Bild: ATP architekten ingenieure)  www.atp.ag

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