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02.03.2021 | Jens Niemann

Pandemie beschleunigt Fortschritt

BIM & Corona

Die Digitalisierung von Bestandsimmobilien erhielt einen kräftigen Schub – nicht trotz, sondern wegen der weltweiten Corona-Krise.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Ich stelle die These auf, dass sich die aktuelle Pandemie als BIM-Beschleuniger erweisen kann. Und Nein, ich will damit auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, ich würde dieser schlimmen Situation unbedingt etwas Positives abgewinnen wollen. Aber die letzten Monate haben Entwicklungen zur Folge gehabt, die sich – davon bin ich überzeugt – auch auf das Thema BIM auswirken werden.

Ohne Digitalisierung geht nichts

Generell gesehen haben wir alle erlebt, wie wichtig die Digitalisierung für unseren Arbeitsalltag ist. Man könnte auch sagen, ohne die insbesondere im Büro-Umfeld weit fortgeschrittene Digitalisierung hätten viele von uns in den vergangenen Monaten ihren Job an den sprichwörtlichen Nagel hängen können. Alle, die wie ich im Homeoffice eine Video-Konferenz oder ein Online-Meeting nach dem anderen abgehalten haben, wissen, wovon ich rede.

Das hat viele aufhorchen lassen, auch und insbesondere in Bereichen, die sich – wie beispielsweise die Planungs- und vor allem Baubranche in Deutschland – ziemlich digitalisierungsresistent verhalten.

Der Mehrwert von Daten

Was hat das nun mit BIM zu tun? Ganz einfach: Bei BIM geht es um Daten und digitale Gebäudemodelle, die uns helfen, Gebäude und Flächen effizienter zu planen, zu bauen, zu bewirtschaften und – jetzt wird es interessant – zu nutzen.

BIM hilft uns dabei, die Gebäude von innen heraus zu denken. Sowohl bei der Planung als auch im Bestand. Damit können wir schnell und flexibel auf die Herausforderungen reagieren, vor die uns die aktuelle Pandemie-Situation stellt. So können wir beispielsweise Büroflächen flexibel an neue Abstandsregeln anpassen. Im digitalen Zwilling sind ja bereits alle wichtigen Daten hinterlegt.

Bei Siemens Real Estate nutzen wir das nicht nur bei unseren großen Neubauprojekten wie dem Siemens Campus Erlangen oder der Siemensstadt in Berlin. Bei beiden entstehen aktuell neue Stadtteile. Und bei beiden wurde beziehungsweise wird von Anfang an mit BIM geplant und kann nun bedarfsgerecht reagiert werden.

BIM-Daten liegen uns glücklicherweise auch bereits für viele unserer Bestandsimmobilien vor oder werden gerade erstellt. Auch hier können wir sie also nutzen, um Bestandsflächen für unsere Mitarbeiter gesund und sicher zu machen.

Ein anschauliches Beispiel dafür liefert unsere Comfy App, die wir in Kooperation mit dem Siemens-Tochterunternehmen Comfy aus den USA entwickelt haben. In der App erhalten unsere Mitarbeiter inzwischen nicht nur aktuelle Informationen zur Pandemie-Situation an ihrem Standort. Vielerorts können sie über die App auch bei Bedarf für einen Zeitraum ihrer Wahl einen Arbeitsplatz buchen. Über die dahinter liegende Datenbank wird automatisch kontrolliert, dass die aktuell erlaubte Maximalbelegung nicht überschritten wird. Siemens hat die App an etwa 600 Unternehmensstandorten weltweit eingeführt. Mehr als 100.000 Mitarbeiter in 30 Ländern erhalten Zugang.

Die Standorte, zu denen uns bereits BIM-Daten vorlagen, konnten wir schnell und einfach in die App integrieren. Gleichzeitig hat es uns aber auch gezeigt, wie problematisch das an den Standorten werden kann, zu denen wir noch keine entsprechenden Daten hatten. Denn BIM ist hier – wie übrigens auch in allen anderen Einsatzbereichen – immer nur ein Mittel zum Zweck. Im Kern geht es um die Digitalisierung, um Daten und den Nutzen, den man daraus ziehen kann. So entsteht Mehrwert.

Effizientes Portfolio-Management

Neben der aktuellen Regulierung von Maximalbelegungen in Büros stellt sich auch die Frage, wie wir in Zukunft generell arbeiten werden. Bereits heute haben zahlreiche große Unternehmen weltweit bekanntgegeben, dass sie aufgrund der positiven Homeoffice-Erfahrungen ihren Mitarbeitern freistellen werden, ob und wie häufig sie zukünftig im Büro arbeiten werden.

Mit je nach Unternehmen unterschiedlichen Minimalzeiten. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat bereits verlautbaren lassen, er könne sich auch für die Zeit nach der Pandemie vorstellen, dass ein Großteil seiner Belegschaft aus der Ferne arbeitet. Twitter will seinen Mitarbeitern sogar komplett erlauben, aus dem Homeoffice zu arbeiten. Und auch wir bei Siemens wollen mobiles Arbeiten an zwei bis drei Tagen pro Woche weltweit als Standard einführen und zwar immer dann, wenn es sinnvoll und machbar ist.

Spätestens hier schließt sich der Kreis. Denn die Digitalisierung der Flächen unserer Bestandsimmobilien bildet eine wichtige Voraussetzung dafür. Mit ihrer Hilfe können wir erkennen und regeln, wer wann an welchem Standort arbeitet. Wir können die Besetzung der Büros und beispielsweise die Buchung von Besprechungsräumen und Coworking-Zonen flexibel organisieren.
Gleichzeitig bietet sich uns als Corporate Real Estate Organisation auch die Möglichkeit, die Belegung der Büros anhand der Daten zeitnah und auf Knopfdruck auszuwerten.

Dem Datenschutz entsprechend und anonymisiert erhalten wir so wichtige Informationen darüber, welche Flächen wann und wie genutzt werden – und natürlich auch, welche nicht. Auf dieser Basis können wir Leerstände vermeiden und unser Immobilien-Portfolio so effizient wie möglich managen.

Mit BIM zum flexiblen Büro der Zukunft

So hat uns die aktuelle Pandemie einmal mehr unsere Schwachstellen gezeigt. Wir brauchen Daten über unsere Flächen. In Kombination mit innovativen Bürokonzepten und smarten Technologien können wir Mitarbeitern und Unternehmen eine völlig neue Vielfalt an Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsorten bieten. Und damit einhergehend ein Höchstmaß an Flexibilität. BIM schafft die Basis dafür.

Tritt deswegen die klassische Architektur in den Hintergrund? Ein Stück vielleicht. Aber eines steht fest: Auch in Zukunft werden sich Menschen an Gebäuden und ihrer Architektur orientieren. Auch in Zukunft werden sich Unternehmen über Gebäude und ihr Corporate Design definieren. Auch in Zukunft werden wir Architekten brauchen, die diese Gebäude entwerfen – natürlich mit BIM.

© Siemens AG
Autor

Jens Niemann ist Architekt und leitet bei Siemens Real Estate (SRE) die Abteilung für Design +
Cost Management. Verantwortlich für die weltweiten Neu- und Umbauprojekte der Siemens AG ist er federführend an der Entwicklung und den Ausführungen von Corporate Architecture Standards für Büro- und Fabrikbauten sowie der Einführung von globalen BIM-Standards beteiligt.(Bild: Siemens AG)  siemens.com/realestate

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