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17.01.2020 | Tim Westphal

Österreich, du hast es besser! Hast du?

Digitale Planung in DACH

Architekten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sitzen bei der digitalen Planungskultur in einem Boot – doch mancher rudert, mancher paddelt, und mancher hält die Füße still.

Seriöse Einschätzungen über den Sinn und den Wert einer tiefgreifenden Innovation lassen sich erst im Rückblick geben. Dann belegen die Richtigkeit von Annahmen oder fatale Fehleinschätzungen die Potenziale und den Nutzen vermeintlicher Menschheitserfindungen – oder stufen sie zu unsinnigem Bastlerquatsch herab. Im Rückblick der letzten 30 Jahre sind es sicherlich das Internet und die damit verbundenen globalen Entwicklungen, allen voran die Digitalisierung unseres kompletten Alltags- und Berufslebens, dessen Auswirkungen und Wichtigkeit lange Zeit unterschätzt wurde.

BIM ist keine Modeerscheinung

Vorabeinschätzungen und Langzeitprognosen bergen also ein hohes Risiko, nicht einzutreffen. Das gilt genauso fürs Bauen. So kann man zur aktuellen Debatte über digitale Planung und BIM oder die Digitalisierung des Bauwesens durchaus argumentieren: „Das sitze ich mal aus. Davon spricht bald keiner mehr.“ Das ist ein Standpunkt, den jeder für sich vertreten darf. Doch er ist falsch. Denn die Realität bietet bereits einen verlässlichen Blick auf das, was uns in nächster Zukunft im Architektur- und Planungsbüro oder auf der Baustelle erwartet.

„Verschiedene Länder haben andere Regeln. Aber die Probleme in der Planung sind überall die gleichen.“Burkard Illig, ARP ArchitektenPartnerschaft, Stuttgart

BIM sollte in unserem Land jeder Architekt und Planer als einmalige Chance begreifen, sich für seine persönliche Zukunft zu positionieren. Auftraggeber werden bereits BIM-neugierig; der Bund geht bei BIM ab 2020 voran. Für seine Bauvorhaben wird die digitale Planungsmethode verbindlich. Und verstehen die Bauherren, Eigentümer und Immobilienbetreiber irgendwann, dass BIM wesentliche Folgekosten im aufwendigen Gebäudebetrieb senkt, werden sie die modellorientierte BIM-Planung von ihren Planern für jedes Projekt fordern. Daran besteht kein Zweifel.

Eigene Standards mit ähnlichen Zielen

Soweit der Status quo für Deutschland im Kurzabriss. Doch wie weit ist BIM bei unseren Nachbarn etabliert? Stehen die Österreicher und Schweizer vor den gleichen Herausforderungen wie wir, liegen sie im Vergleich zurück – oder oder schreiten sie weiter voraus?  Und was können wir von ihnen lernen, was sie von uns?

Diesen Fragen ging der Software-Distributor ComputerWorks im Rahmen der Neuvorstellung seiner BIM-Software Vectorworks 2020 auf den Grund. Architekten unter anderem aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren zum Software-Launch nach Binzen bei Lörrach gekommen. Eine gute Gelegenheit, um sie beim BIM-Talk nach ihren persönlichen Einschätzungen zu diesen Themen zu fragen.

„Ich glaube, es ist bei den Bauherren noch nicht ganz durchgedrungen, dass es sich um einen verbesserten Prozess des Zusammenarbeitens handelt.“ Eduard Lepp, KBNK Architekten, Hamburg

Die offene Diskussion mit Architekten und BIM-Beratern zeigte, dass die Herausforderungen bei der BIM-Einführung in Deutschland, Österreich und Schweiz fast identisch sind. Das grundlegende Verständnis sowie das Erkennen des Nutzens digitaler Planungsmethoden bei Bauherren und Investoren ist bisher unzureichend. Das bestätigten alle Teilnehmer für ihr Land. Die Aufgabe für die öffentliche Hand und die Politik muss also sein, BIM-basierte Projekte stärker zu fördern und neue Planungsmethoden einzufordern. Denn sie sollten mit gutem Beispiel vorangehen.

Von der PDF-Einreichung zum BIM-basierten Bauantrag

Hier gibt es bereits länderspezifische Pilotprojekte, die nun in der realen Anwendung umzusetzen sind. Jacqueline Tschida, Architektur- und BIM-Trainerin aus Wien, verwies beispielsweise auf die Möglichkeit, den Bauantrag bei der Stadt Wien seit diesem Jahr digital einzureichen. Aber: Die Einreichung hat noch nichts mit einer BIM-Planung zu tun. Sie bietet lediglich die Option, eine PDF-Datei sowie JPG oder PNG einzureichen und damit die physischen Plansätze von drei auf einen ausgedruckten Satz zu verringern.

Der BIM-basierte Bauantrag. Die Struktur soll in Zukunft eine komplett digitalisierte Bauantragseinreichung ermöglichen (Bild: Forschungsprojekt BIM-basierter Bauantrag (planen bauen 4.0 GmbH, Ruhr-Universität Bochum, Stadt Hamburg, Bundesarchitektenkammer, Bundesingenieurkammer, Hauptverband der Deutschen Bauindustrie, Bundesvereinigung der Prüfingenieure, Verband Beratender Ingenieure, Bund der öffentlich bestellten Vermessungsingenieure)

Im nächsten Schritt setzt die Stadt Wien ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt auf, um den Nutzen und die technischen Anforderungen von BIM, KI und AR im baubehördlichen Verfahren zu prüfen. Das Projekt soll 2022 abgeschlossen sein. Österreich hat darüber hinaus seit mehreren Jahren einen eigenen Merkmalsserver online, der die Standardisierung und Vereinheitlichung der Parameterstruktur einer BIM-Planung zum Ziel hat. Der sogenannte ASI-Merkmalserver (ASI = Austrian Standard Institute), eine Open Source-Lösung, ist eine gute Sache, wird aber aktuell durch Bestrebungen der Bauindustrie, einen eigenen Merkmalserver zu etablieren, geschwächt.

„Die Geschäftsführung lebt BIM vor. Nur so kann es funktionieren. Zukünftige Projekte werden nach der BIM-Methode geplant.“Tina Drahtler, Drahtler Architekten, Dortmund

Merkmalserver erfordern nationale Standards

Marc Pancera, Architekt und Leiter BIM bei IttenBrechbühl Schweiz, sieht in der Definition der technischen Standards eine große Aufgabe der nächsten Jahre. Wichtig war ihm darüber hinaus, in der Diskussion zu betonen: die klassischen Leistungsphasen, nach denen bisher sehr vergleichbar in Deutschland, Österreich und der Schweiz gearbeitet wird, greifen bei BIM nicht. Vielmehr muss zukünftig in Modulen gedacht werden.

Marc Pancera rief dazu auf, alte Denk- und Handlungsmuster über Bord zu werfen: „Man sollte die Leistungsphasen einmal komplett vergessen und sich fragen: Welche Entscheidungsgrundlagen müssen erarbeitet werden und welche Informationen sind dafür in Modellen nötig, um meine BIM-Planung umzusetzen? Dann können diese Informationslieferungen zu Modulen zusammengefasst und auf der Zeitachse verteilt werden – Planung der Planung. Dabei lohnt es sich, kleine Module, beispielsweise für eine simple Flächen- und Volumenberechnung nach SIA 416, zu machen.“

„Die jungen Architekten wachsen sozusagen mit CAD auf. Für sie ist es ganz normal, in 3D zu planen, so mein Eindruck. Sie verstehen das Planen grundsätzlich als 3D-Prozess.“ Johannes Riekert, Neugebauer + Rösch Architekten, Stuttgart

Über diese pragmatische Denk- und Herangehensweise herrschte allgemeiner Konsens in der Gruppe der Fachleute und BIM-Anwender. Ohnehin lagen die Meinungen nicht weit auseinander, was die Optionen zur zeitnahen Implementierung der digitalen Planungsmethode betrafen. Erklärtes Ziel in allen Ländern muss es sein, möglichst zügig eine maschinenlesbare Norm zu schaffen, die für Architekten, Fachplaner und Bauämter a) den BIM-Prozess konkret ausgestaltet und b) für die Bauämter eine schnelle und fehlerfreie Prüfung der Bauanträge ermöglicht.

„Die großen Auftraggeber springen sehr rasch auf den Zug auf. Und wünschen sich: ‚Einmal BIM, bitte!‘ Dies ist leider zu ungenau. Es bietet sich aber die unglaubliche Chance für alle, sich im Klaren darüber zu werden: Was bedeutet denn BIM für uns konkret?“Marc Pancera, IttenBrechbühl, Basel

Mehr als nur ein simples PDF

Der Status des digitalen Bauantrags ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz nahezu gleich: eine Einreichung in Form von PDF ist in verschiedenen Bundesländern und Kantonen bereits möglich. Dabei werden aber keineswegs die im IFC-Modell liegenden geometrischen oder Bauteilinformationen genutzt. Die Wohnflächenberechnung beispielsweise muss bei einer PDF-Einreichung noch immer händisch überprüft werden. Direkt aus dem Planungsmodell gezogen, würden diese Zahlen in wenigen Sekunden vorliegen. Dafür müssten bestimmte Modellattribute, die Geometrie zum Beispiel, in eine Prüfsoftware beim Bauamt übergeben werden.

„Ich glaube, dass eine große Unsicherheit herrscht, wenn es darum geht, den Weg klar zu sehen. Wir müssen akzeptieren, dass es viele Wege gibt, die – je nach Projekt – eingeschlagen werden können, und uns vermehrt den erfolgreichen Prozessen zuwenden.“Jacqueline Tschida, Architektur und BIM-Trainerin, Wien

Tina Drahtler von Drahtler Architekten aus Dortmund arbeitet mit den Partnern planen-bauen 4.0, Ruhruniversität Bochum, Land Nordrhein-Westfalen und Stadt Hamburg an der Festlegung von konkreten Modellierungsrichtlinien und Prüfregeln, die sinnvoll für einen BIM-basierten Bauantrag sind. Dazu wird der ISO-Standard 16739 (IFC) mit anderen Standards wie GML oder INSPIRE verknüpft und anschließend getestet, wie vollständig der Informationstransport möglich ist. Drahtler Architekten unterstützen diese Betrachtung mit dem Projekt Ocean 21, einem Büroneubau, mit Planung und Realisierung. Das Facility Management wird das Gebäudemodell im Anschluss ebenfalls nutzen. Tina Drahtler: „Das Projekt wurde auch ausgewählt, weil alle Fachplaner die BIM-Methode nutzen und es mit 10 Millionen Euro Bausumme nicht zu groß oder unüberschaubar ist, aber dennoch geometrisch anspruchsvoll. Am Projekt sollen Prüfregeln aufgestellt werden. Das mittelfristige Ziel ist es, eine Merkmalserver-Plattform zu errichten.“

„Wir machen die ersten, ernsthaften Schritte mit BIM. Unser Glück ist, mit einem Projekt direkt in der Ausführungsphase zu starten und sofort in einem kollaborativen Planerteam zu arbeiten.“
Patricia Fischer, Staufer Hasler Architekten, Frauenfeld

Kollaboration ist unerlässlich

Im gut einstündigen Gespräch wurden viele Punkte andiskutiert. Eine weitere, vertiefende Runde der erfolgreichen BIM-Talks ist bereits in Planung. Ein erhellender Fakt, der trotz knapper Zeit für einen längeren Diskurs sorgte: Fachplaner und Architekten kooperieren bisher viel zu selten. Das gilt gleichermaßen für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Eine kollaborative Arbeitsweise ist aber unerlässlich für einen zukünftigen Open BIM-Workflow.

Ohnehin herrschte Einigkeit darüber, dass in offenen Standards, in Open BIM, die Zukunft der Planung liegt. Marc Pancera von IttenBrechbühl: „Das Angenehme an dieser Runde ist: Wir kommen aus verschiedenen Ländern. Wir arbeiten mit dem gleichen BIM-Planungswerkzeug Vectorworks und kennen dessen Anwendung. Dennoch: Wir sind uns einig, über offene Standards mit unseren Partnern zu kommunizieren.“

„Verschiedene Auftraggeber melden sich mit der Frage: Was kommt auf uns zu? Sie machen sich langsam Gedanken, was BIM in der Zukunft für sie bedeutet.“Radek Rukat, e-bau GmbH/BIM-Werkstatt, Basel


Randnotiz zum Thema technische Fehleinschätzungen

Im Jahr 2007 lächelte der damalige Microsoft-Boss Steve Ballmer spöttisch über das weltweit erste und horrend teure, tastenlose Smartphone aus Cupertino: „Das iPhone wird nie im Leben einen bedeutenden Marktanteil erlangen. Keine Chance.“ Heute hat es durchaus einen bedeutenden (Markt)anteil in der digitalen Welt. Allein im Geschäftsjahr 2018 setzte das US-Unternehmen Apple rund 218 Mio. Stück der Technik-Ikonen ab. Das sind fast 600.000 Stück jeden Tag.

© Drahtler Architekten, Dortmund, Projekt OCEAN 21
Autor

Tim Westphal studierte Architektur an der FH Wismar (Diplom). Arbeit für Architekturmagazine und Volontariat in der Architekturfachbuchabteilung des Callwey-Verlags München, von 2003 bis 2016 Fachredakteur bei der Fachzeitschrift Detail in München. Seit Sommer 2016 als selbstständiger Journalist und Berater tätig.

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