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25.04.2024 | Markus Brunner, Daniel Schmidt

Normen senken Kosten

Die von der Bundesregierung geplante Anzahl neuer Wohnungen hat sich 2023 nur zur Hälfte erfüllt. Viele sehen dieses als symptomatisch für die Krise in der Bauwirtschaft. Die Gründe dafür sind vielfältig. Auch die vielen Normen und Standards mit ihren verteuernden Effekten gehörten dazu. So ist DIN zuletzt in die Kritik geraten.

Herr Schmidt, wir alle wissen, Normen sind auch beim Bauen unabdingbar. Doch erklären Sie den Lesern bitte mal kurz, wie Normen zustande kommen, wer diese initiiert und sich an der Ausformulierung üblicherweise beteiligt?

Schmidt: Jeder kann einen Antrag auf Normung stellen: zum Beispiel Verbraucher, Unternehmen, Forschungsorganisationen oder Behörden. Denn eine breite Beteiligung, Transparenz und Konsens sind Grundvoraussetzungen, damit der Markt die Normen akzeptiert. Wichtig dabei ist: DIN-Normen müssen einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen haben. Genormt wird nur, wenn ein Bedarf durch unsere Stakeholder besteht.

Entwickelt werden Normen von denjenigen, die sie später anwenden. Organisiert wird dies in 69 Normenausschüssen bei DIN, wie zum Beispiel dem Normenausschuss Bauwesen oder dem Normenausschuss Luft und Raumfahrt. Die Erarbeitung der Normen findet dann wiederum in zahlreichen Arbeitsausschüssen statt, in denen Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft zusammenkommen. Diesen Prozess steuert DIN als privatwirtschaftlich organisierter und gemeinnütziger Projektmanager.

Das erste Ergebnis bei der Erstellung einer Norm ist in der Regel ein Norm-Entwurf, der veröffentlicht wird, damit die interessierte Öffentlichkeit ihn einsehen und kommentieren kann. Die eingegangenen Kommentare werden vom Arbeitsausschuss geprüft und können zu einer Überarbeitung des Entwurfs führen. Dieser Prozess gewährleistet, dass DIN-Normen auf einem breiten Konsens basieren und die Anforderungen und Erfahrungen verschiedener Interessengruppen berücksichtigen.

Herr Brunner, über wie viele Normen und Standards sprechen wir beim Bauwesen in Deutschland und beim Bau einer Wohnung, und wie viele tragen denn den DIN-Stempel?

Brunner: Das deutsche Normenwerk umfasst zurzeit etwa 3.900 baurelevante Normen – das umfasst die gesamte gebaute Umwelt – von Brücken,Straßen, Einfamilienhaus bis hin zu Werkzeugen und Baumaterialien. Für den Geschosswohnungsbau sind es ca. 350 relevante Normen. Diese Zahl beinhaltet rein nationale Normen und in das deutsche Normenwerk übernommene europäische und internationale Normen.

Wir sehen einen leichten Anstieg bei der Anzahl der Baunormen in den letzten fünf Jahren. Dies ist eine Konsequenz der wachsenden Anforderungen des Gesetzgebers und das Arbeitsergebnis der in der Normung aktiven interessierten Kreise im Hinblick auf Sicherheit, Qualität und Umwelt- und Klimaschutz. Aber auch die steigende Komplexität der Bauprozesse spielt hier eine Rolle. Das heißt, Bauwerke werden leistungsfähiger, digitaler und damit komplexer.

Welche Themen beschäftigen Sie in der Baunormung derzeit am stärksten?

Brunner: Ein gutes und aktuelles Beispiel ist der Klimaschutz und da gilt der Bausektor als eine der Schlüsselbranchen Deutschlands. Ein wichtiger Schritt in die Zukunft ist das zirkuläre Bauen mit dem Stoffkreisläufe geschlossen und nicht vermeidbare Abfälle wiederverwendet werden. Energie und Ressourcen werden nachhaltigergenutzt und CO-Emissionen reduziert. Dafür braucht es Normen und Standards, die zum Beispiel Anforderungen an rezyklierte Bauprodukte und gegebenenfalls neue Prüfverfahren definieren oder die Leistungen und Produkte bezüglich ihrer Nachhaltigkeit vergleichbar machen. Ziel ist jeweils die gewohnte Qualität von Bauprodukten sicherzustellen, um Bauwerke unseren gesellschaftlichen Qualitätserwartungen entsprechend zu errichten.

Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. veröffentlichte Ende 2023 eine Meldung mit der Überschrift: „Baukosten senken – DIN-Normen bauvertraglich vereinfachen.“ Es wurde auf ein Rechtsgutachten hingewiesen, das zeige: „DIN-Norm nicht immer der nötige, aber meistens der teuerste Standard.“ Wie sehen Sie das, welche Alternativen sollte und könnte es da denn geben?

Schmidt: Grundsätzlich gilt: Normen erleichtern durch die Festlegung gemeinsamer Regeln die Planung und Bauausführung und sind die Grundlage für kostengünstiges Bauen – zum Beispiel durch vereinfachte Angebots- und Ausschreibungspraxis, verminderte Anpassungskosten und die Möglichkeit der Serienproduktion einzelner Bauteile. Normen entlasten die Bauwirtschaft zudem beim Nachweis der Erfüllung der gesetzlichen Sicherheitsanforderungen. Ohne Normung müssten diese Nachweise durch Gutachten erbracht werden.

Eine Befragung von Bausachverständigen hat darüber hinaus bestätigt: Durch eine konsequente Einhaltung von Normen können die Fehlerkosten im Bau von derzeit geschätzt elf Prozent auf fünf Prozent jährlich fallen – das sind 24 Milliarden Euro jährlich! In Normen steckt Wissen und Erfahrung – so können Fehler vermieden werden, was den Bauherren unmittelbar zugutekommt.

Wir sehen gleichzeitig, dass die Anforderungen an das Bauen hinsichtlich Sicherheit und Klimaschutz durch den Gesetzgeber in Form neuer Gesetze und Verordnungen steigen. Zudem werden Bauvorhaben immer komplexer, da sich unsere Erwartungen an die Funktion und die Qualität von Gebäuden verändert haben. Und dieser Wandel schlägt sich auch in Normen und Standards nieder.

Um die unterschiedlichen Anforderungen zum Beispiel an Klimaschutz, Sicherheit, Verbraucherschutz, Qualitäts- und Funktionswünsche und Wirtschaftlichkeit gegebenenfalls neu zu gewichten und damit Baukosten senken zu können, bedarf es eines breiten gesellschaftlichen und politischen Diskurses. Dies wird in einigen Bereichen wirksame Kostenreduzierungen ermöglichen. Dazu zählen beispielsweise der Schallschutz und der Flächenbedarf. Die Ergebnisse dieser Diskussion werden sich dann in Bau-Normen und -Standards niederschlagen.

Brunner: Wichtig ist: Die Inhalte von Normen werden durch Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft gemeinsam erarbeitet. Das heißt, dass Anforderungen in Baunormen durch diese interessierten Kreise selbstverständlich angepasst werden können, wenn dafür ein Bedarf vorhanden ist. Wir laden alle Interessierten Kreise herzlich dazu ein, sich in der Baunormung zu engagieren und ihre Interessen und Bedarfe einzubringen.

Gehören denn Folgeabschätzungen auf Kosten oder zeitliche Aufwände für die Bauwirtschaft überhaupt zur Arbeit von DIN, werden diese in der Vorbereitung von Normen oder Standards methodisch bedacht?

Brunner: Unsere Arbeitsausschüsse berücksichtigen sowohl bei der Erarbeitung, der Überprüfung und der Überarbeitung von Normen natürlich die wirtschaftlichen Gegebenheiten. Dies stellen wir durch eine ausgewogene Zusammensetzung der Gremien und die Einbringung unterschiedlicher Interessen sicher.

Schmidt: Um die Thematik der Folgekosten von Normen weiter zu untersuchen und bereits während des Prozesses der Erarbeitung zu berücksichtigen, wollen wir zukünftig die Abschätzung von Folgekosten im Normungsprozess des Geschosswohnungsbaus noch stärker in den Blick nehmen und gleichzeitig den daraus generierten Nutzen betrachten. Daran arbeiten wir gemeinsam mit dem Bundesbauministerium. Die Abschätzung soll durch eine unabhängige Instanz überprüft werden. Ziel ist es, unter Beachtung der Vorgaben des Kartellrechts bereits im Normungsprozess zu berücksichtigen, wie sich die Normen auf die Baukosten auswirken und zur Kostendämpfung beitragen können.

Von Gesetzgebungsverfahren ist bekannt, dass nach einem festen Zeitraum Gesetze überprüft, gegebenenfalls überarbeitet werden (sollen) – gibt es dergleichen auch bei Normen und Standards? Und steht es DIN überhaupt frei, eigenständig in die Jahre gekommene oder gar überflüssig gewordene Vorgaben wieder aus der Liste zu streichen?

Brunner: Ja, Normen werden alle fünf Jahre überprüft, um zu entscheiden, ob sie aktuell bleiben, überarbeitet oder zurückgezogen werden müssen. Wenn technologische Entwicklungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder geänderte rechtliche Anforderungen es erfordern, wird eine Norm überarbeitet. Eine Norm wird zurückgezogen, wenn sie als veraltet gilt, nicht mehr benötigt wird oder durch eine neue Norm ersetzt wurde. Dieser kontinuierliche Prozess stellt sicher, dass DIN-Normen Qualität, Sicherheit und Effizienz gewährleisten.

Die Bauministerkonferenz hat bei ihrer Konferenz im November 2023 einen neuen Vertrag mit DIN geschlossen. Darin werden die Leitlinien für diekünftige Erarbeitung von bauaufsichtlichen Normen durch das DIN konkretisiert. Unter anderem soll es zu einer Trennung bauaufsichtlicher Mindestanforderungen von weitergehenden Anforderungen in den Normen kommen. Inwiefern wird das die Planung, den Bau oder die Bewirtschaftung im Bau erleichtern?

Schmidt: Richtig, anlässlich der Bauministerkonferenz Ende letzten Jahres haben die16 deutschen Bundesländer und wir unseren Vertrag zur Zusammenarbeit erneuert. Dieserregelt die Erarbeitung von bauaufsichtlichen Normen, von denen man dann spricht, wenn Normen gesetzlich in Bezug genommen werden oder dafür vorgesehen sind. In unserem Vertrag ist festgehalten, dass die rund 600 bauaufsichtlichen Normen zukünftig so erstellt werden, dass Mindestanforderungen deutlich von weitergehenden Anforderungen getrennt sind. Unser Ziel ist es, einfaches und kostengünstiges Bauen zu gewährleisten und gleichzeitig durch die Ausweisung weitergehender Anforderungen den Stand der Technik zu beschreiben.

Nach Inkrafttreten des neuen Vertrags wird diese Festlegung für die betroffenen Normen nun nach und nach umgesetzt. Dabei ist die Anwendung von Normen freiwillig und gerade die Bundesländer haben es von jeher in der Hand, Normen in Bezug zu nehmen oder nicht. Mit dem neuen Vertrag besteht künftig eine gute Möglichkeit, auf die in den Normen kodifizierten Mindestanforderungen zu verweisen. Den Bauherren steht es darüber hinaus selbstverständlich frei, auch höhere Standards anzuwenden. Wenn es um Verschlankung der Vorschriften geht, müssen sich insbesondere die Bundesländer die Frage gefallen lassen, ob diverse unterschiedliche Landesbauordnungen oder uneinheitliche BIM-Konzepte der Kostensenkung im Bauen dienlich sind.

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Bilder
© Eva Häberle
Autoren

Markus Brunner ist Gruppenleiter beim Normenausschuss Bauwesen bei DIN. Er hat Bauingenieurwesen an der Bauhaus Universität Weimar studiert. Von 2000 bis 2013 war er für HeidelbergCement, zunächst im Bereich Forschung und Entwicklung, ab 2008 in der Konzernabteilung für Nachhaltigkeit in Brüssel tätig, verantwortlich für das Thema nachhaltiges Bauen. Anschließend arbeitete er von 2013 bis 2015 als Technischer Direktor für ein weltweit agierendes Unternehmen der Gleisbautechnik in den Niederlanden. Von 2015 bis Mai 2021 war er Projektleiter Technik beim InformationsZentrum Beton in Berlin. Seit Juni 2021 ist er bei DIN als Gruppenleiter beim Normenausschuss Bauwesen (NABau) tätig.
din.de


Daniel Schmidt ist Mitglied des Vorstandes von DIN Deutsches Institut für Normung e. V. Er wurde in Herzberg/Elster, Brandenburg, geboren. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Chemnitz war er für die PWC Deutsche Revision AG und PriceWaterhouseCoopers AG tätig. 2006 folgte das Examen zum Steuerberater, 2010 das Examen zum Wirtschaftsprüfer. Ab 2006 trug er die Verantwortung in verschiedenen Führungspositionen im Finanz- und Rechnungswesen bei der Überlandwerk Fulda AG in Fulda. Schließlich leitete er als Prüfungsleiter wechselnde Teams bei der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Berlin. 2010 wechselte er zunächst als Gruppenleiter Rechnungswesen zu DIN. Im Januar 2014 berief ihn der Vorstand zum Mitglied der Geschäftsleitung Finanzen und Controlling. Seit September 2020 ist er Mitglied des Vorstandes.
din.de

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