31.01.2022 |
Interview: Ralf-Stefan Golinski
Herr Kreißig, die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen wurde 2007 gegründet. Sie sind Mitinitiator – einer der 16 Pioniere. Welche waren seinerzeit Ihre persönlichen Beweggründe?
Zu dieser Zeit gab es international viel Bewegung rund um die Idee von „Green Buildings“. Was dort aber zum Beispiel in den USA an Bauprodukten als grün oder nachhaltig präsentiert wurde, war alles, aber sicher nicht die Lösung für unsere Herausforderungen als Bau- und Immobiliensektor. Von daher wollten wir aus Deutschland und Europa heraus etwas entstehen lassen, dass das Thema wirklich ernst nimmt und die notwendige Transformation anstößt. Das Besondere: Hier kamen die unterschiedlichsten Marktteilnehmer zusammen, ohne ihre eigentlichen wirtschaftlichen Interessen nach vorne zu stellen: Architekten und Planer, Bauunternehmen, Projektentwickler und Investoren, Produkthersteller, aber auch Kommunen und Hochschulen. Am Anfang war das alles noch wild, aber verbunden mit der Überzeugung, etwas Wichtiges anstoßen zu können.
Ihr Ziel und das der weiteren Gründungsmitglieder hieß schon seinerzeit: Die Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienwirtschaft zu fördern und im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu verankern. Haben Sie nach 15 Jahren Ihr Ziel erreicht?
Das Thema hat zweifelsfrei enorm an Bedeutung gewonnen. Und innerhalb der Bau- und Immobilienwirtschaft haben wir als DGNB daran sicherlich einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Immer mehr Unternehmen aus den verschiedensten Teilen des Sektors gehen inzwischen mit zunehmender Selbstverständlichkeit mit den Themen um und engagieren sich entsprechend. Gerade in den letzten zwei Jahren gab es hier nochmal einen enormen Schub. Indem diese Unternehmen zeigen, was heute schon möglich ist, bringen sie die Nachhaltigkeitsverweigerer zunehmend in Erklärungsnot. Mit Blick auf die breite Öffentlichkeit stehen wir noch weiter am Anfang in unserem Wirken. Hier nimmt das Verständnis, welche Rolle der Gebäudesektor bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielt, gerade erst zu.
Welche also sind die nächsten Schwerpunkte eines erweiterten Wirkens der DGNB?
Wir haben die Herkulesaufgabe, den Gebäudebestand klimapositiv zu machen. Und dafür nur sehr wenig Zeit. Von daher liegt hier ein wesentlicher Fokus für 2022 in unserer Arbeit. Aber deshalb verlieren die anderen Aspekte rund um das nachhaltige Bauen natürlich nicht an Relevanz. Circular Economy mit allem, was dazu gehört, ist nur ein weiterer Aspekt. Unser Wirken spielt sich dabei auf unterschiedlichsten Ebenen ab: Das ist zum einen die fachliche Arbeit bei der Weiterentwicklung unserer Zertifizierungssysteme im engen Dialog mit den unterschiedlichsten Marktteilnehmern. In unseren Initiativen „Phase Nachhaltigkeit“ für Architekten und Planende sowie „Klimapositive Städte und Gemeinden“ für Kommunen steht der Wissenstransfer im Fokus. Gemeinsam mit unseren nationalen und internationalen Partnern setzen wir unser Engagement auf politischer und branchenspezifischer Ebene fort. Langweilig wird uns also nicht.
Über 1.500 Mitgliedsorganisationen zählen heute zur DGNB. Eine großartige Anzahl – einerseits. Aber müssten es andererseits angesichts der Dringlichkeit des Themas und der schieren Größe der Bau- und Immobilienbranche in Deutschland nicht viel mehr sein?
Eine Vereinsmitgliedschaft ist ja nicht die einzige Möglichkeit, sich für das Thema zu engagieren. Wobei man die Kennzahl auch nicht kleiner reden sollte, als sie ist. Wir sind damit in Europa das bei weitem größte Netzwerk zum nachhaltigen Bauen. Wenn man die Zahl der Mitarbeitenden in diesen Organisationen zusammenzählt, sind wir bei einer relevanten siebenstelligen Zahl an Fachkräften. Darunter sind auch Interessensvertretungen wie die Bundesarchitektenkammer, die in ihren Segmenten enorme Wirkungsgrade haben. Und über unsere Partnerorganisationen in Dänemark, Österreich, der Schweiz, Spanien und Kroatien erreichen wir nochmal mehr Entscheidungsträger. Um die Transformation voranzubringen, braucht es ja auch nicht alle, sondern hinreichend viele, die über ihr Wirken zeigen, was möglich ist. Und das gelingt offensichtlich ganz gut. Wenn man sich anschaut, was im Zuge des New Green Deal der EU gefordert wird, sieht man dort schon sehr viele Ansätze, die die DGNB seit fast 15 Jahren vertritt. Hier werden gerade neue Spielregeln formuliert, die die Transformation in unserem Sinne vorantreiben.
Welche Vorteile bringt denn eine Mitgliedschaft mit sich – etwa auch für kleine und mittlere Unternehmen?
Das hängt ganz davon ab, wie Unternehmen die Mitgliedschaft für sich nutzen wollen. Zum einen erhalten sie Zugang zu einem einzigartigen Netzwerk, das sie für einen Erfahrungsaustausch nutzen können. Viele Partnerschaften zwischen Mitgliedern sind aus der DGNB heraus schon entstanden. Dann gibt es die Möglichkeit, sich fachlich einzubringen, z. B. in verschiedensten Beiräten oder bei der Weiterentwicklung der Zertifizierungskriterien. Letztlich können Unternehmen ihre Mitgliedschaft für sich natürlich auch kommunikativ nutzen oder Sonderkonditionen bei der DGNB Akademie, der Zertifizierung oder dem DGNB Navigator in Anspruch nehmen. Es gibt aber auch Firmen, die uns als Non-Profit-Organisation schlichtweg unterstützen möchten. Da wir nicht öffentlich gefördert werden, sondern uns komplett selbst finanzieren, freuen wir uns auch darüber, auch wenn wir uns selbst als Mitmach-Verein verstehen.
Neben der Wirtschaft sprechen Sie auch Hochschulen, Nicht-Regierungsorganisationen und auch die öffentliche Verwaltung an. Wir wissen um die speziellen Herausforderungen in den Behörden. Wo und wie bringt sich die DGNB gerade auch dort ein?
Wir haben speziell für Kommunen im Herbst 2020 die Initiative „Klimapositive Städte und Gemeinden“ initiiert. Dort haben wir gelernt, dass praktisch jeder Kommune die mit der Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz verbundenen Themen wichtig sind. Sie haben erste Maßnahmen umgesetzt und haben viel vor. Was ihnen jedoch oftmals fehlt, ist das Gefühl dafür, welche Maßnahme wie sinnvoll ist. Zudem fehlt es häufig am Zugang zu direkt nutzbarem Fachwissen. Und auch am ämterübergreifenden Dialog hapert es. Mit der Initiative bringen wir Gleichgesinnte zusammen, öffnen Räume für einen offenen Erfahrungsaustausch mit einer positiven Fehlerkultur. Und wir bieten ihnen kostenfreie Seminare an, damit sie ihre Wissenslücken schließen können. Heute sind rund 50 Städte und Gemeinden dabei, Tendenz steigend.
Die neue Bundesregierung betont in ihrem Koalitionsvertrag eine „klimagerechte Neubauoffensive“. Welche Bedeutung kommt der DGNB auf diesem zweifelsfrei schwierigen und auch komplexen Weg zur Umsetzung in Deutschland jetzt zu?
Wir glauben an das Prinzip der Zertifizierung, weil es als Planungs- und Optimierungstool dazu beiträgt, dass eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsqualität gebäudeindividuell umgesetzt wird – und das nachweislich über den unabhängigen Prüfprozess am Projektende hinaus. Im gewerblichen Umfeld hat sich dieses Prinzip bereits gut durchgesetzt. Im Wohnbereich sieht es aktuell noch anders aus. Die mittlerweile fast 9.000 von der DGNB ausgezeichneten Projekte zeigen auch, dass eine klimagerechte Bauweise kein Hexenwerk ist, wenn ausreichend Gestaltungswille vorhanden ist. Dem sich hartnäckig haltenden Vorurteil, dass enorme Mehrkosten beim nachhaltigen, klimagerechten Bauen entstehen, fehlt im Übrigen auch die Grundlage. Viel wichtiger ist bei der Debatte, dass wir uns nicht nur auf den Neubau fokussieren dürfen. Der Umgang mit dem Gebäudebestand ist die viel zentralere Fragestellung, wenn wir mit dem Klimaschutz im Gebäudesektor die notwendigen Fortschritte machen wollen.
Wo und wie wirkt die DGNB denn auch in den Gebäudebestand hinein?
Es gibt eine Variante der DGNB Zertifizierung, die auf die speziellen Anforderungen von Sanierungen eingeht. Und eine für Gebäude im Betrieb. Dies ist ein Management- und Transformationstool, mit dem Bestandsgebäude systematisch Richtung Klimaneutralität geführt werden. Hierfür ist es essenziell, dass ich überhaupt die Verbräuche und Emissionen einer Immobilie erfasse, um ausgehend davon die für das spezielle Gebäude sinnvollen Effizienzmaßnahmen abzuleiten. Ein Tool, das dabei zum Einsatz kommt, ist ein gebäudeindividueller Klimaschutzfahrplan. Wir setzen uns als DGNB auch politisch für ein verpflichtendes Monitoring der relevanten Gebäudekennwerte ein. Nur so können wir faktenbasiert herausfinden, wo und zu welchem Zeitpunkt eine Sanierungsmaßnahme wirklich notwendig und sinnvoll ist.
Können Sie sagen, dass Erfahrung und Expertise der DGNB in der Vergangenheit in deutsches Regierungshandeln eingeflossen sind, bzw. erwarten Sie, künftig mehr beratende Wirkung zu finden?
Wenn man sich den neuen Koalitionsvertrag durchliest, steckt da sehr viel von dem drin, was wir bei der DGNB schon lange vertreten. Hier haben die Gespräche mit den entsprechenden politischen Vertretern und unsere partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Kammern, Verbänden und NGOs offensichtlich gefruchtet. Die angekündigte Innovationsklausel im zu überarbeitenden Gebäudeenergiegesetz ist ein Beispiel. Ansonsten verfolgen wir als DGNB aber seit jeher schon das Prinzip der freiwilligen Übererfüllung, weil wir glauben, dass wir beim nachhaltigen Bauen mehr brauchen als kleinere Anhebungen der gesetzlichen Mindeststandards. Natürlich bringen wir uns auch weiterhin – und gerne noch mehr – fachlich ein. Gerade wenn es jetzt um die Umsetzung der vielfältigen Ankündigungen geht, um bestmöglich sicherzustellen, dass diese Maßnahmen sowohl praxistauglich als auch ambitioniert genug sind.
Die DGNB ist Schirmherrin der erstmals bei den BIM-TAGEN Deutschland 2021 verliehenen Green-BIM Awards. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen BIM und mehr Nachhaltigkeit bzw. besseren Klimaschutz?
Wenn in BIM die relevanten Nachhaltigkeits- oder Klimaschutzinformationen mit hinterlegt sind und dadurch mit Bedacht dokumentiert werden, kann dies sowohl in der Planung als auch in der späteren Nutzung große Vorteile bringen. Entsprechend gibt es im Kriterium „Dokumentation für eine nachhaltige Bewirtschaftung“ auch heute bereits Punkte bei der Zertifizierung, wenn bei der Planung ein BIM-Modell zum Einsatz kam. In diesem Sinne sorgen BIM und andere digitale Hilfsmittel im Gebäudekontext zwar nicht automatisch für mehr Nachhaltigkeit. Richtig eingesetzt können sie aber für enorme Effizienzsteigerungen sorgen.
Mein Eindruck ist, dass sich viele verantwortliche Branchenteilnehmer gerne sehr viel stärker für mehr Nachhaltigkeit einbringen würden, aber sie haben oft noch Ängste: Höhere Kosten, ggf. sogar Wettbewerbsnachteile, Komplexität oder schlichtweg Überforderung. Was sagen Sie denen?
Dass sie die Kultur der Vorbehalte durchbrechen und einfach anfangen sollten. Einmal gemacht ist vieles nicht mehr so kompliziert, wie es in der Theorie erscheint. Rund um das nachhaltige Bauen bekommen leider viel zu oft selbsternannte Experten Raum, um ihre Bedenken gegenüber allem und jedem zu äußern. Richtig nachgefragt wird dabei leider zu selten. Vieles hat mit Haltung zu tun. Und ja, manchmal muss man gegen Widerstände ankämpfen. Aber so ist das nun mal, wenn etwas noch nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Wer ernsthaft etwas bewegen will, kann das auch heute schon. Und wenn es nicht die 100-Prozent-Lösung ist, dann ist das halt so. Dann habe ich zumindest Erfahrungen gesammelt, von denen ich beim nächsten Mal profitiere. Und es gibt ja inzwischen auch genügend Vorreiter, die bereit sind, ihr Wissen zu teilen. Diese Wissensquelle muss man aber auch nutzen wollen.
Herr Kreißig. Mit Ihrer Initiative und Mitgründerschaft der DGNB haben Sie vor nunmehr 15 Jahren begonnen, ein sehr dickes Brett zu bohren. Fragen nach damit gewiss auch einhergegangenen Momenten der Frustration wollte ich Ihnen in diesem Interview ersparen. Verraten Sie den Lesern aber doch bitte Ihr persönliches Motto – Ihre Energiequelle.
Die wichtigste Energiequelle sind sicher meine eigenen Kinder. Wie kann man denn bitte nicht Verantwortung übernehmen wollen, wenn es um die Frage geht, wie wir den Planeten für künftige Generationen hinterlassen wollen? Mit der DGNB habe ich gelernt, dass was heute unmöglich erscheint, sich morgen schon ändern kann, wenn man sich, seinen Ideen und Überzeugungen treu bleibt. Zu spüren, dass man selbst Teil der Veränderung ist, hat etwas äußerst Motivierendes, für das es sich zu kämpfen lohnt.