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25.08.2020 | Stefan Kögl

Je früher, desto besser

Kolumne „Aus der Praxis“

BIM macht Sinn – da sind wir uns alle einig. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen?

Bereits in der Frühphase eines Projekts werden die Grundlagen für Datenmodelle und die Voraussetzung für eine effiziente und transparente Planung gelegt.

Wenn wir uns anschauen, wie heute in Deutschland Architekturwettbewerbe stattfinden, so stellt man fest, dass sich die Bewertungen von Jurymitgliedern – in der Regel honorige ArchitektInnen – immer noch auf die Betrachtung von klassischen, tradierten Holzmodellen stützen. Scheinbar fühlt man sich in dieser analogen Welt wohler, als sich in einem virtuellen Modell zu bewegen, vielleicht sogar ausgerüstet mit einer sperrigen VR-Brille. Das wäre doch viel anschaulicher und würde mit Sicherheit ganz neue Einblicke in die Welt von morgen bieten. Von der Möglichkeit, solche Szenen auch absolut wirklichkeitsgetreu zu erleben, einmal abgesehen.

Ja, das kommt einem Paradigmenwechsel gleich. Aber ist die Zeit dafür nicht längst reif?

Möglich ist Vieles

Ich möchte Ihnen das beispielhaft an unserem aktuellen Großprojekt erläutern: der Transformation der Siemensstadt in Berlin. Dort werden wir in den kommenden Jahren ein rund 70 Hektar großes, bisher geschlossenes Industrieareal zu einem von vielfältiger Nutzung geprägten, offenen Stadtteil entwickeln. In dieser Siemensstadt 2.0 sollen künftig die Grenzen zwischen traditionell nebeneinander stattfindenden Lebensbereichen überbrückt und Forschung, Technologie sowie Arbeiten, Produzieren und Wohnen miteinander vereint werden.

Im vergangenen Jahr hatten wir 18 Architekturbüros zum städtebaulichen Wettbewerb geladen und dabei auch ein digitales Stadtmodell gefordert. Das hat recht gut funktioniert, auch wenn viele der eingeladenen Büros die Tiefe der Datenanforderung zuerst nicht hinterfragten und dann vom Umfang überrascht waren.

Und ganz ehrlich: Für den Wettbewerb selbst und die Jurysitzung hat uns das nicht viel gebracht. Die Jurysitzung fand wie immer eher analog als digital statt.

Siemensstadt 2.0 goes digital

Dass der eingeschlagene Weg trotzdem richtig war, merkten wir unerwartet früh mit Aufkommen der Covid-19-Krise. Als wir die an den Wettbewerb anschließende öffentliche Ausstellung aller Entwürfe abbrechen mussten, konnten wir sie mit den digitalen Entwürfen einschließlich des Wettbewerb-Gewinners Ortner & Ortner Baukunst virtuell fortführen. Mit Augmented Reality kann ihn sich inzwischen jeder Interessierte im Internet ansehen (hier klicken).

So nutzen wir das Datenmodell, das sich übrigens nahtlos in das bereits vorhandene digitale Stadtmodell von Berlin einfügt, schon heute zur Visualisierung des neuen Stadtteils und schaffen damit Akzeptanz in der Öffentlichkeit sowie bei den Beteiligten.

Und das ist erst der Anfang. Auf Basis dieser Daten setzen wir nun auch die gesamte weitere Planung fort. Anhand des digitalen Modells können wir beispielsweise Renderings erzeugen, es für eine detaillierte Flächenplanung nutzen oder einen Image-Film entwickeln. Aus den Daten leiten wir schnell und einfach die für die Genehmigungsverfahren – leider – immer noch notwendigen zweidimensionalen Unterlagen ab.

Schritt für Schritt entsteht so in den weiteren Planungsphasen aus dem noch sehr groben Datenmodell eine zusehends feinere und detaillierte Planung. BIM at it's best sozusagen – vom ersten Tag an bis hin zu den Digitalen Zwillingen für Planung, Bau und Betrieb.

Mit GIS zu mehr Transparenz

Gleichzeitig beschreiten wir bei der Siemensstadt 2.0 auch außerhalb der Gebäudeplanung für uns neue Wege. Erstmals wollen wir hier nämlich zusätzlich auch ein Geoinformationssystem (GIS) nutzen, um neben den Gebäuden auch die Außenflächen und insbesondere die Infrastruktur digital zu planen und damit für das gesamte Projekt einen nahtlosen digitalen Zwilling zu erzeugen. Gerade bei einem Projekt, bei dem wir im Bestand bauen und kontinuierlich umgestalten, liegt hier eine ganz besondere Herausforderung, denn Neubauten und Altbestand müssen optimal in die sich durch den Baufortschritt stetig verändernde Infrastruktur eingebunden werden.

Mit dem GIS-Modell wollen wir dabei beispielsweise die Vermessungsdaten erfassen, sodass wir die Gebäude verlässlich setzen können. Wir werden alle Flächen innerhalb der Grundstücksgrenzen eindeutig zuordnen und den Trassenbestand einschließlich der 3D-Lage erfassen und einpflegen. Dieses Modell vom Außenraum bildet dann die Grundlage, um die technische Infrastruktur der Siemensstadt zuverlässig anzupassen.

Erweitert um geologische Informationen, Grundwasserstände, Altlasteninformationen und sonstige Katasterdaten entsteht so eine digitale Basis, mit der wir die Siemensstadt in der Bauphase und nach der Fertigstellung digital erlebbar machen. Das hilft uns natürlich bereits bei der Planung und schafft vor allem Transparenz in Bezug auf Investitionen und mögliche Risiken. Und nach Fertigstellung werden sich nicht nur die Nutzer, sondern auch die Besucher der Siemensstadt in diesem digitalen Modell bewegen können.

Fit für die Zukunft

Wo, so werden jetzt vielleicht einige kritische Leser fragen, liegen der konkrete Nutzen und das Return-on-Investment? Die Antwort ist einfach: den einzelnen konkreten Nutzen gibt es nicht. Ganz im Gegenteil: es sind sehr viele. Wir erleben täglich, wie wir mehr und mehr digitale Hilfsmittel nutzen. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe als Bauherr, die Grundlage für digitale Dienste von Morgen bereits heute in unseren Projekten zu legen. Als Beispiel sei hier die Navigation in den Gebäuden zu nennen. In der Stadt nutzen wir diese Funktionalität bereits ganz selbstverständlich. Innerhalb der Gebäude vermissen wir diese digitale Unterstützung noch.

Ich bin überzeugt, dass der Weg zu einer derart vernetzten Stadt gar nicht mehr so weit ist.  Wir werden Energieerzeugung und -verteilung, Auslastungsplanung, Mobilität – Stichwort autonomes Fahren – und vieles mehr so viel besser oder auch nur gerade deshalb so gestalten und optimieren können. Der Return-on-Investment kommt sowohl durch ein verändertes Umfeld als auch sich verändernde Ansprüche und lässt sich leicht nachweisen und messen. Und genau darum macht es auch so viel Sinn, so digital wie möglich zu planen. Am besten vom ersten Tag an.

© Siemens Real Estate
Rendering Siemensstadt 2.0
Autor

Stefan Kögl ist General Manager des Siemensstadt 2.0 Projekts in Berlin. Zuvor verantwortete er ca. zehn Jahre bei Siemens Real Estate (SRE) weltweit alle Bauvorhaben sowie das Thema Technologie in Bezug auf Gebäude-Innovationen und -Digitalisierung. Dabei entwickelte Kögl einen eigenen BIM@SRE-Standard, der die global geltenden Anforderungen für die Planungs-, Bau- und Betriebs-Phase definiert. siemens.com/realestate

 

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