26.08.2020 |
Jürgen Winkler
Herr Funke, mit BIM zu arbeiten ist noch nicht selbstverständlich. Warum haben Sie mit BIM begonnen?
Dieter Funke: Mich hat von Anfang an die Arbeit mit dem digitalen Zwilling und dem Gebäudemodell begeistert. Ein Punkt war dabei die Vorstellung, dass man die gesamte Lebensspanne eines Bauwerks vom Planungsprozess bis zum Rückbau simuliert und dafür eine identische digitale Kopie des späteren Gebäudes erstellt. Ein anderer Punkt war der offene Datenaustausch über IFC. Damit kann man auch kleine und mittelständische Unternehmen in die Lage versetzen, an diesem Prozess teilzunehmen.
IFC ist nicht unumstritten. Es gibt Planer, die vom IFC-Format weniger begeistert sind.
Dieter Funke: Natürlich steckt in jedem Anfang ein gewisser Idealismus, den man nicht von allen Planern erwarten kann. IFC ist schon seit 1997 im Gespräch, das ist eine lange Entwicklungszeit. Mittlerweile haben wir IFC 2x3 standardisiert, und der Standard für IFC 4 befindet sich in Vorbereitung. Dadurch werden die Austauschbedingungen für Bauwerksdaten immer besser. Und ein funktionierender Datenaustausch ist ja die Bedingung für die offene Kommunikation, die zwischen den einzelnen Gewerken stattfindet. Damit ist er auch Voraussetzung dafür, offene BIM-Prozesse zu etablieren.
Noch sind die Austauschprozesse jedoch nicht in allen Belangen optimal, und es gibt noch nicht in jeder Situation einen reibungslosen Austausch. Hier sind weitere Anpassungen erforderlich. Das könnte der Grund für die Zurückhaltung einiger Planer beim IFC-Format sein. Aber auch diesen Grund werden wir mit der weiteren Entwicklung beseitigen.
Worin liegen die Gründe für die zum Teil starke Skepsis gegenüber dem Format IFC? Ist das eine Frage der Einarbeitung, der Handhabung, des Verständnisses für IFC, oder ist das Format aus technischer Sicht noch nicht reif genug für eine breite Anwendung? Kurz gefragt: Liegt es am Menschen oder am Format?
Jürgen Lesch: Es liegt an beiden. IFC ist natürlich eine gute Idee, aber bei jeder technologischen Neuerung dauert es immer eine gewisse Zeit, bis die Leute damit klarkommen. Bei großen Büros, die viele Mitarbeiter beschäftigen, ist das nicht so problematisch. Aber bei den kleinen und mittelständischen Büros sieht das anders aus. Wenn Sie denen mit IFC kommen, werden Sie immer noch skeptisch angeguckt. Man will sich nicht mit IFC befassen, denn man hat sein eigenes System, mit dem man arbeiten kann, und das funktioniert. Aber der Austausch untereinander fehlt. Das ist ein Prozess, der noch eine ganze Zeit dauern wird, bis sich die Masse damit beschäftigt. Und erst, wenn sich die Masse damit beschäftigt, hat IFC eine große Zukunft.
Ich bin überrascht, Herr Lesch, dass Sie sich als BIM-Skeptiker nicht gegen IFC aussprechen. Es gibt Planer und Architekten, die ganz klar sagen: Geh weg und komm in zehn Jahren wieder, wenn IFC ausgereift ist.
Jürgen Lesch: Ich bin zwar sicherlich kein Verfechter des IFC-Formats. Ich finde es aber gut, wie übrigens bei BIM insgesamt, wenn jemand drübersteht und sagt: Ich nehme das in die Hand und koordiniere alles miteinander. Aber da gibt es schon das erste Problem. Viele Firmen wird das dazu veranlassen, künftig eine Verantwortung für die Koordination abzulehnen und zu sagen: Nö, den Fehler habe ich nicht gemacht, dafür gibt es den Koordinator, der oben drübersteht, der hätte das sehen müssen.
Das heißt, Sie stehen IFC nicht völlig ablehnend gegenüber.
Jürgen Lesch: Richtig. Ich bin kein Gegner von IFC und BIM. Auch wir arbeiten mit 3D-Modellen und führen Teilmodelle zusammen. Das ist eine gute Sache. Aber ich glaube, dass es noch eine ganze Weile dauert, bis BIM und IFC massenkompatibel sein werden.
Herr Funke, in Ihrer Rolle als Consultant bei Data Design System (DDS) beraten Sie Handwerksunternehmen und Planungsbüros, die mit BIM arbeiten möchten. Wie hoch ist die Akzeptanz in diesen Unternehmen, einen BIM-Koordinator einzusetzen?
Dieter Funke: Grundsätzlich muss die Rolle des BIM-Koordinators in jedem Unternehmen, das BIM einführt, eine gewisse Akzeptanz finden. Kunden, bei denen wir kleinere Pilotprojekte starten und die wir technisch betreuen, unterstützen wir auch bei der Einführung eines BIM-Koordinators. Dieser ist Know-how-Träger und Multiplikator. Der Koordinator bringt die Grundlagen von BIM und IFC in den Prozess ein, denn die Kunden müssen als Erstes verstehen, dass BIM eine Methode ist. Üblicherweise ist der Koordinator dann nach kurzer Zeit als Teil des Teams voll akzeptiert.
Jürgen Lesch: Der Koordinator muss aber nicht nur das Wissen über BIM besitzen. Er muss sich auch mit der Technik auskennen. Wenn an dieser Stelle einer sitzt, der das nicht kann, weil er von der Qualifikation her kein TGA-Techniker ist, wird das nichts. Einen fähigen BIM-Koordinator zu finden und zu schulen, sehe ich deshalb als eines der größten Probleme.
Das ist neben der personellen Frage auch ein zeitliches und finanzielles Problem. Wenn man einen Mitarbeiter zum BIM-Koordinator qualifiziert, müssen die anderen Kollegen seine frühere Arbeit übernehmen, oder er muss durch eine zusätzliche Arbeitskraft ersetzt werden. Auch die Variante, für den BIM-Koordinator eine neue Planstelle einzurichten, kostet Geld. Herr Funke, rechnet sich dieser Aufwand für die Unternehmen?
Dieter Funke: Kompetenzen in einem neuen Gebiet aufzubauen, ist zu Anfang immer mit einem gewissen zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Dies wirkt sich sicherlich auch ein wenig auf die Produktivität des gesamten Teams aus. Sie müssen in Weiterbildung investieren, Sie müssen in die Definition neuer Prozesse investieren, und Sie müssen neue Kommunikationswege etablieren. Wer sich aber näher mit BIM beschäftigt, erkennt sehr schnell die zahlreichen Vorteile. Langfristig rechnet sich die Einführung der Arbeitsmethode auf jeden Fall. Aber auch kurzfristig ergibt sich ein positiver Effekt, weil das Unternehmen seine Mitarbeiter durch die Weiterbildung neu motivieren kann und bei ihnen positive Impulse setzt.
Der BIM-Koordinator allein genügt aber nicht. Der Arbeitgeber muss im Idealfall alle Mitarbeiter seines Büros dafür begeistern, mit BIM arbeiten zu wollen. Wie schwer ist das Ihrer Erfahrung nach?
Dieter Funke: Das ist durchaus eine Herausforderung. Die Erarbeitung der Grundlagen braucht eine gewisse Zeit, und das gesamte Team sollte in diesen Prozess einbezogen werden. Auch die Zeichner müssen wissen, welche Struktur im Projekt vorgegeben sein muss, damit man es am Ende als digitales Gebäudemodell – idealerweise als IFC-Datei – weitergeben kann. Da kann es schon sein, dass der eine oder andere Mitarbeiter eine Frustrationsschwelle überwinden muss. Am Anfang sind alle begeistert, wenn BIM präsentiert wird. Aber man muss Arbeit investieren, um die Begriffe und Prozesse zu lernen. Für Handwerksunternehmen und Planungsbüros ist BIM zu Beginn immer eine Investition – aber auf Dauer lohnt es sich.
Jürgen Lesch: Als wir die digitale 2D-Planung eingeführt haben, war es auch so. Als ich mir damals die Kosten für die Schulungen angesehen habe, musste ich einfach sagen: Das ist mir zu teuer. Deshalb haben wir uns das Wissen selbst erarbeitet. Dafür muss man aber erst mal die Leute finden. Es gibt Leute, die arbeiten acht Stunden, weil sie Geld verdienen wollen, und es gibt Leute, die sich für den Job einsetzen. Wenn man Leute hat, die sich für den Job und für Weiterbildung interessieren, kann ich ihnen anbieten, etwas Neues aufzubauen. Am Anfang ist das für sie frustrierend, weil viele Dinge nicht funktionieren, aber wenn sie zum ersten Mal sehen, wie hilfreich das sein kann, kommen nach und nach die Erfolgserlebnisse.
Ich gehöre ja noch zur Tuschefraktion. Wenn Sie mit dem Tuschestift die Fußbodenheizung zeichnen und dann sehen, dass Sie mit einer CAD-Software die Fußbodenheizung von Etage zu Etage und von Raum zu Raum kopieren oder anpassen können, dann überzeugt das die Mitarbeiter, sich weiterzubilden, auch wenn es für sie einen Aufwand bedeutet. Das sehen wir auch bei den 3D-Modellen. Wenn ich mir die Gebäude aus 3D-Objekten zusammensetzen kann, ist das ein Fortschritt. Aber Sie müssen jemand haben, der damit umgehen kann. Er darf nicht zur 3D-Planung gezwungen werden, er muss dafür Enthusiasmus zeigen.
Herr Funke, was machen Sie, wenn ein Projektpartner einer Ihrer Kunden eine Planungssoftware verwendet, die mit DDS-CAD nicht kompatibel ist?
Dieter Funke: Wir versuchen, das technisch zu lösen. Als Mitbegründer und Verfechter des Open-BIM-Prozesses liegt uns viel daran, dass sich das offene Austauschformat IFC weiter etabliert und nach und nach bei allen Bauwerken als Planungsgrundlage dienen kann. Aufgrund unserer Erfahrung sind wir in der Lage, den Datenaustausch in Projekten zu koordinieren. Mittlerweile haben aber auch diejenigen Softwarehersteller, die bisher ausschließlich auf Closed BIM gesetzt haben, eingesehen, dass sie in der Lage sein sollten, IFC-Dateien zu exportieren. Man muss dabei natürlich viel Kommunikations- und Überzeugungsarbeit leisten, aber man kann diese Modelle zusammenbringen. Das ist auch eine Frage des Know-how-Transfers.
Sie gehen also nicht den Weg der Deutschen Bahn AG, die sich für Closed BIM entschieden hat, weil sich dadurch ihr gesamter Planungsaufwand vereinfacht?
Dieter Funke: Das ist vielleicht für ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG eine sinnvolle Strategie. Die Deutsche Bahn ist in Deutschland einer der BIM-Vorreiter; sie hat schon 2015 ein Strategiepapier erstellt, um BIM im Unternehmen einzuführen. Die Entscheidung für Closed BIM hat der Bahn zum Zeitpunkt der Entscheidung vermutlich einige Schnittstellenprobleme erspart. Aus meiner Sicht entstehen aber auch Nachteile für die Bahn, weil sie nicht den offenen Standard nutzen kann. Wenn man das Facility Management oder das Erstellen des Leistungsverzeichnisses betrachtet, hat man durch die Festlegung auf proprietäre Formate einen großen Teil der Software-Welt ausgeklammert.
Herr Lesch, ist Ihnen ein Auftrag entgangen, weil Sie nicht mit BIM arbeiten?
Jürgen Lesch: Ja, das ist nicht nur mir passiert, auch einigen anderen Büros ging es so. Wenn der Auftraggeber mir sagt, er möchte diese und jene Leistung von uns haben, er könne aber das, was wir ihm liefern, nicht in sein System einbinden, oder wenn ich das nicht so liefern kann, wie es der Auftraggeber verlangt, weil ich die Ausstattung dafür nicht habe, dann sage ich: Nö. Dann muss ich so ehrlich sein und sagen, dass ich den Auftrag nicht annehmen kann.
Wenn ich mein eigenes System nur für diesen Auftrag durch ein anderes teures System ersetzen muss, dann lasse ich es sein. Ich könnte zwar die Kosten für den Systemwechsel in mein Angebot aufnehmen, aber dann werde ich zu teuer und bekomme den Auftrag nicht. Es ist ja okay, wenn man sagt, wir wollen BIM machen, und wir haben einen Koordinator, der den Datenaustausch überwacht. Aber wenn als Bedingung für den BIM-Auftrag eine neue Software gekauft und auch neu geschult werden muss, wird es in vielen Büros Schwierigkeiten geben.
Ihr Geschäftsmodell ist durch BIM noch nicht bedroht.
Jürgen Lesch: Nein. BIM ist noch nicht flächendeckend auf dem Markt. Außerdem arbeitet jeder auf seine Weise mit BIM. Wenn Sie mit fünf Planungsbüros am Tisch sitzen, kann es sein, dass Sie Sie fünf verschiedene Systeme haben.
In der Automobilindustrie gibt es den Effekt, dass technologische Neuerungen zuerst in der Luxusklasse angeboten und später über die Mittelklasse bis zu Klein- und Kleinstwagen eingebaut werden. Analog könnte es in Deutschland passieren, dass mächtige private Bauherren für ihre Projekte BIM zwingend vorschreiben, was eine allmähliche Durchdringung der BIM-Methodik in mittleren Architektur- und Planungsbüros zur Folge haben könnte. Herr Lesch, glauben Sie nicht, dass es eines Tages für Ihr Büro zu spät sein könnte, mit BIM zu beginnen, weil der Kuchen dann verteilt ist?
Jürgen Lesch: Dafür arbeiten noch zu wenige Büros mit BIM. Im Moment ist noch nicht mal die Kommunikation zwischen Architektur und TGA oder E-Planung gesichert. Hier muss man erst mal einen Weg finden, um miteinander zu reden. Die haben gar keine Zeit, um sich auch noch auf BIM umzustellen. Sollte BIM zwingend vorgeschrieben werden, werden viele kleine Planungs- und Ingenieurbüros die Segel streichen.
Es sind viele Faktoren, die den Umstieg auf BIM beeinflussen. Ich muss mich beispielsweise komplett in die Hand eines Einzelnen begeben, der alle koordiniert. Im Prinzip muss ich mich aufgeben, weil es den Koordinator gibt, der alles regelt. Da kann ich jetzt schon sagen, okay, das können wir gern machen, aber wenn ihr einen Fehler findet, kommt nicht zu mir; geht zum großen Häuptling, der hat das alles unter sich, der trägt die Verantwortung. So ist es im Moment, und so wird es noch einige Zeit bleiben.
Ich finde BIM nicht schlecht – für die Zukunft. Bis das aber richtig läuft, bin ich in Rente. Gehen Sie mal auf die ISH Frankfurt. Dort preisen so viele Leute ihre eigenen Systeme an, da wird einem schwindlig. Da gehen Sie raus und sagen sich: „Ich plane meine Heizung erst mal wie immer und lasse die Zukunft langsam und ruhig auf mich zukommen.“
Das geht ja noch tiefer. Wenn Sie eine TGA-Planung übernehmen, sind auch Büros für HKLS, E-Planung, MSR und Brandschutz dabei. Die müssen mit der Architekturplanung koordiniert werden. Und über allen sitzt der BIM-Koordinator. Ich finde das grundsätzlich gut. Aber woher weiß ich, ob der BIM-Koordinator meine Dimensionen korrekt übernimmt? Oder meine Rohrleitungsstärken? Da ist der Aufwand schon ein bisschen größer. Sie müssen ganz oben jemand haben, der weiß, wovon er spricht und was er tut.
Es nützt nichts, wenn sich der Koordinator nur mit BIM auskennt. Er muss sich auch in den einzelnen Gewerken so gut auskennen, dass er alle Daten und Informationen zusammenführen kann. Und er muss erst mal das Vertrauen aller gewinnen. Auch ich bin da skeptisch.
Herr Funke, als BIM-Enthusiast müssten Sie jetzt mit zehn Positivbeispielen gegenhalten.
Dieter Funke: Jetzt wissen Sie, warum wir hier in einem Streitgespräch sitzen (lacht). Aus meiner Sicht ist klar, dass wir momentan teilweise noch von idealisierten Prozessen sprechen. Es gibt aber tatsächlich eine ganze Reihe positiver Beispiele dafür, wie im BIM-Prozess die beteiligten Planer und der BIM-Koordinator gerade auch im Zusammenspiel der Disziplinen softwareseitig unterstützt werden. Die regelbasierte Prüfung von Modellen ist hier zu nennen, aber auch die Kollisionsprüfung oder Abstandseinhaltung von bestimmten Gewerken. Da muss natürlich auch weiterhin jemand dabei sein, der sein Fach versteht. Auch im Rahmen von Kostenkontrolle und -transparenz werden bei BIM-Projekten Erfahrungswerte gesetzt, die positiv in andere Projekte einfließen können.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit BIM bei den Baubehörden?
Dieter Funke: In Bezug auf die Behördenseite kann man sagen, dass das digitale Planen und Bauen vom der Bundesregierung mit der Gründung von BIM Deutschland Anfang 2020 weiterhin gefördert wird. Es geht zwar nur Schritt für Schritt, bis BIM in den Gemeinden und Kommunen ankommt. Ich weiß aber beispielsweise vom Regierungsbezirk Münster, dass die Bauämter ihre Mitarbeiter im Bereich BIM schulen.
Werden Ihre BIM-Modelle von den Betreibern übernommen und für das Immobilienmanagement genutzt?
Dieter Funke: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir immer mehr Aufträge zur Attribuierung der Objekte erhalten. Attribute wie Baujahr, Leistung und Wartungsintervall der Geräte sind für das Facility Management notwendig. Die Attribute müssen qualifiziert am 3D-Objekt platziert werden, damit sie an FM-Programme übergeben werden können. Ein gutes Beispiel ist CAFM-Connect. Die Plattform ist von der Immobilienwirtschaft gegründet worden. Dort werden immer mehr Vorlagen zur Verfügung gestellt, um die Attribuierungsszenarien vernünftig abzubilden.
Jürgen Lesch: Da bin ich skeptischer. Für die Zukunft ist das denkbar, aber derzeit können das meiner Meinung nach nur Großunternehmen wie die Deutsche Bahn, Behörden oder andere leisten. Die arbeiten heute schon mit der entsprechenden Technik, um das BIM-Modell für FM zu nutzen.
Herr Funke, sind Sie mit dem Honorar zufrieden, das die HOAI für BIM-Projekte zugesteht?
Dieter Funke: Man kann BIM nicht vollständig von der HOAI lösen. Die AHO hat im Januar 2019 eine Richtlinie herausgebracht, um zu zeigen, wie man BIM und verschiedene Leistungsphasen der HOAI adaptieren kann, um die Kosten entsprechend zu platzieren. Man muss aber parallel zur HOAI immer die Verträge sehen. Wenn der Bauherr BIM bestellt, muss man entsprechende Verträge abschließen. Dazu gehören AIA und BAP, und es muss definiert sein, in welchen Phasen was wie vergütet wird. Dabei empfiehlt es sich, Dienstleistungsverträge abzuschließen, weil wir hier über Dienstleistungen sprechen und nicht über eine zu erbringende, definitiv abwägbare Leistung.
Herr Lesch, wie ist Ihre Meinung zur Vergütung?
Jürgen Lesch: Das ist alles gut und schön, und jeder soll für das, was er leistet, Geld bekommen. Aber wenn Herr Funke zu einer kleineren Firma geht und sagt, ich habe einen Auftrag für euch, aber vorher müsst ihr Geld in eine neue Software und Schulung investieren, dann wird die Firma dankend abwinken. Das wird manchem Büro zu teuer, weil sie schon ein 3D-Programm haben und damit arbeiten.
Die BIM-Methodik ist ein Werkzeug. Für das Werkzeug bekommt die kleine Firma nicht mehr Geld. Auch der BIM-Koordinator kostet Geld. Der Bauherr will aber mit seinem Bauobjekt Gewinn erwirtschaften. Wenn ich dem sage, der Koordinator da oben kostet dich die Summe X, du sparst aber unten bei der Planung die Summe Y, und außerdem sparst du Zeit und Nerven, dann könnte das was werden.
Dieter Funke: Da gibt es schon klare Zahlen. Wir geben insgesamt 78 Prozent für den Lebenszyklus des Gebäudes aus, also für Betrieb, Wartung, Umbau und ähnliche Dinge. Wenn ich diesen Kostenblock von 78 Prozent der Gesamtkosten eines Gebäudes sehe, und wenn ich weiß, dass ich mit dem digitalen Gebäudemodell und der BIM-Methodik beispielsweise im Facility Management erhebliche Einsparungen erzielen kann, dann ist es offensichtlich, dass sich das auf Dauer rechnet.
Sehen das die Bauherren auch so?
Jürgen Lesch: Im Moment denke ich das nicht. Der Bauherr kauft ein Grundstück und will darauf ein Gebäude errichten. Die meisten großen Bauherren betreiben das Gebäude aber nicht selbst. Sie verkaufen es und schließen vielleicht noch Verträge mit FM-Unternehmen ab. Aber die Kosten des Facility Managements sind keine Baukosten. Also interessieren sie den Bauherren eigentlich nicht. Wir haben hier zwei verschiedene Kostengruppen unterschiedlich zu betrachten.
Herr Funke, Sie nannten Kostenkontrolle und -transparenz als positive Effekte der BIM-Methodik. Damit spart der Bauherr Geld. Müsste allein wegen dieser Ersparnis nicht jeder Bauherr an BIM interessiert sein und den BIM-Koordinator finanzieren, weil die Baukosten am Ende deutlich niedriger sind als bei der herkömmlichen Planung?
Dieter Funke: Wir haben da absolut positive Erfahrungen, weil wir mit Bauherren und Generalunternehmern zusammenarbeiten, die das große Ganze sehen. Es ist allerdings momentan erst ab einer bestimmten Größe üblich, mit BIM zu planen, bei kleineren Projekten ist das noch die Ausnahme. Bei großen Projekten hat man mit BIM deutlich mehr Planungssicherheit. Wenn man ein digitales Gebäudemodell entwickelt, definiert man, zu welchem Zeitpunkt welche Information in welchem Detaillierungsgrad vorliegt. Ich weiß, in welcher Phase welches Produkt mit welchen technischen Eigenschaften von welchem Hersteller geliefert wird. Das ist ein Mehrwert, der zunehmend von den Bauherren erkannt wird. Ich will nicht behaupten, dass das Bauwesen in Deutschland riesige Sprünge in dieser Hinsicht macht. Aber wir entwickeln uns kontinuierlich in diese Richtung.
Jürgen Lesch: Der Bauherr macht am Anfang eine Kostenschätzung und -planung. Er will wissen, ob das Objekt für ihn rentabel ist. Darin sind unter anderem Grundstück, Rohbau und Ausbau enthalten. Wenn man dem Bauherrn sagen kann, du bleibst in deinem Kostenrahmen, du bekommst keine Nachträge, dann ist das mit Sicherheit ein Argument, das ihn interessieren wird. Aber daran glaube ich noch nicht. Da kommen zu viele Faktoren zusammen. Wir haben beispielsweise diverse mögliche Fehlerquoten bei den Beteiligten zu betrachten, die der BIM-Koordinator mit Sicherheit nicht alle direkt ausschalten kann, oder?
Dieter Funke: Wenn vielleicht nicht alles, so kann er doch schon recht vieles ausschalten. Mit einer regelbasierten Prüfung kann die Planung gründlich geprüft werden. Dafür gibt es bestimmte Vorschriften und Softwarepakete, die das zuverlässig erledigen und auch externe Parameter aufnehmen können. Ich kann Rollen und Prüfungen definieren und spezielle Anpassungen vornehmen, das ist jetzt schon technisch möglich und wird in der Praxis eingesetzt.
Jürgen Lesch: Das mag alles sein. Ich kann meine Projekte zusammenführen, eine vernünftige Kollisionsprüfung machen und an der Stelle Kosten vermeiden. Aber der Planer selbst – und auch der BIM-Koordinator – ist zusätzlich noch ein Fehlerfaktor. Da sind wir wieder beim BIM-Koordinator, der über allen steht und sehr viel Ahnung vom gesamten Prozess haben muss. Wenn heute Jungingenieure von der Schule kommen, die nie auf einer Baustelle waren, dann ist BIM für sie vielleicht eine kleine Hilfe. Aber wenn ich nicht weiß, welchen Gang ich zum Anfahren einlegen muss, kriege ich das Auto nicht von der Stelle. Das ist noch ein weiter Weg, um alles zusammenzuführen. Vor allem im Mittelstand und bei den kleineren Firmen.
Es gibt Bauingenieure, die nie auf dem Bau waren?
Jürgen Lesch: In Bezug auf Bauingenieure kann ich dazu nichts sagen, aber TGA-Ingenieure müssen nicht auf dem Bau gearbeitet haben. Und für die ist schon eine Koordination zwischen den verschiedenen eigenen Gewerken am Anfang recht schwierig.
Dieter Funke: Dem würde ich grundsätzlich widersprechen. Es ist sicher an manchen Stellen richtig, dass es kein Vorteil ist, wenn jemand von der Schule kommt und keine praktischen Erfahrungen besitzt. Auf der anderen Seite muss man sich darüber im Klaren sein, dass jetzt eine Generation junger Leute von den Schulen kommt, die sich hervorragend mit digitalen Werkzeugen auskennt. Und wenn erfahrene Techniker und Ingenieure auf der anderen Seite des Tisches sitzen und man versucht, eine Kommunikation zu etablieren, dann ist man bei BIM. Das ist der Weg, den wir gehen müssen: Offen miteinander reden und den Vorteil nutzen, dass uns die digitalen Werkzeuge im Vergleich zur herkömmlichen Planung einen enormen Mehrwert bieten.
Jürgen Lesch: Wenn dann die vielen technisch begabten Jungingenieure noch auf die Baustelle gehen, dem gestandenen Monteur sagen können, was er zu tun hat und Entscheidungen vor Ort treffen, für die sie auch die Verantwortung übernehmen, dann ist das kein Problem.
Es gibt Überlegungen einiger Dienstleister, BIM-Koordinatoren auf Tages- oder Stundenbasis anzubieten. Damit sollen vor allem kleineren und mittleren Büros von den Kosten für eigene BIM-Koordinatoren entlastet werden. Wäre das für Sie beide ein sinnvolles Angebot?
Jürgen Lesch: Als neues Berufsfach? Könnte ich mir vorstellen.
Dieter Funke: Ich würde den BIM-Koordinator, der als Wissensträger und Multiplikator in ein Unternehmen kommt, als jemand sehen, der dynamisch in einen Prozess einsteigen und im Unternehmen die BIM-Prozesse mitgestalten kann. Die Einführung von BIM ist für jede Firma ein sehr individueller Prozess. Es gibt nicht den einen Standard-BIM-Prozess. Jede Firma muss vielmehr ihren eigenen Weg finden, BIM im eigenen Haus sinnvoll zu nutzen. Man muss die Menschen abholen, die im Unternehmen arbeiten, und man muss die Menschen weiterbilden. Dabei kann ein externer BIM-Koordinator eine sehr gute Hilfestellung bieten.
Herr Lesch, was müsste passieren, dass Sie sagen: Ab heute arbeite ich mit BIM?
Jürgen Lesch: Das ist schwer zu sagen. Ich müsste alles hinter mir lassen und völlig neu anfangen. Da spielen viele Faktoren zusammen. Zum einen darf ich mich finanziell nicht ruinieren. Außerdem müsste BIM neben dem jetzigen Arbeitsprozess laufen können, um BIM immer stärker in den Prozess zu integrieren, bis es ihn vollständig übernimmt. So habe ich mein Büro von Tusche auf CAD-Planung umgestellt. Ein anderer Weg wäre, eine eigene BIM-Abteilung aufzubauen, um zweigleisig zu fahren. Das können sich aber nur große Unternehmen leisten. Eine dritte Möglichkeit sehe ich bei Büros, die sich neu gründen. Die können sofort entscheiden, mit BIM zu starten.
Das klingt fast versöhnlich, nicht wie eine totale BIM-Ablehnung.
Jürgen Lesch: Ich komme zwar aus dem Tuschezeitalter, aber ich sage nicht, dass ich mich gegen BIM oder Fortschritt sträube. BIM ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Dafür muss es Leute geben, die bereit sind, Zeit zu investieren, um sich im BIM-Bereich weiterzubilden, weil ihnen der Job Spaß macht und weil sie in BIM die Zukunft sehen. Und man muss den Bauherren beibringen, dass sie mit BIM Zeit und Kosten sparen. Ich habe keine Abneigung gegen BIM. Im Gegenteil, ich finde das sehr gut, wenn Leute beteiligt sind, die wissen, was sie machen.