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07.01.2020 | Andreas Steyer

Generischer Content statt großer Kataloge

Intelligenter BIM-Content (Teil1/2)

Building Information Modeling wird oft mit Software assoziiert. Doch Software allein genügt nicht – BIM braucht Content.

Um BIM-Projekte erfolgreich durchzuführen, sind nicht nur intelligente Prozesse notwendig, sondern auch intelligente Werkzeuge. Da denkt man zuerst an BIM-Software, von der es für die verschiedenen Anwendungsfälle viele Programme mit BIM-Stempel am Markt gibt. Um aber mit diesen Programmen effizient arbeiten zu können und nicht bei jedem Projekt von vorn zu beginnen, benötigt man ein weiteres Werkzeug: BIM-Content – also Vorlagen verschiedenster Art, entwickelt für Building Information Modeling.

BIM-Content sind z. B. 3D-Vorlage-Elemente für die Erstellung des BIM-Modells, Berechnungsformeln für die Berechnung komplexer Mengen, Leistungstexte für die automatische Erstellung des BIM-Leistungsverzeichnisses, Kalkulationsansätze für die Angebotserstellung oder Zeitansätze für die 4D-Terminplanung.

Wie wichtig der Content für BIM-Projekte ist, merkt man spätestens, wenn man sein erstes Projekt starten will und feststellt, dass man zwar viel Geld für BIM-Software ausgegeben hat, aber nun erst mal in langwieriger Arbeit diese Daten aufbereiten und einpflegen muss, um effektiv arbeiten zu können.
Natürlich kann man BIM-Content auch zusätzlich zur Software käuflich erwerben. Es gibt Softwareanbieter, die zusätzlich Content erstellen, und es gibt reine Contentanbieter, die sich auf die Contententwicklung spezialisiert haben. Viele werben damit, dass sie eine enorme Anzahl von Objekten oder Leistungspositionen bereitstellen. Je größer der Katalog, desto besser.

Was ist besser: größer oder schlauer?

Dabei hat man bei BIM-Projekten sowieso schon mit großen Datenmengen zu kämpfen. Denn im Verlauf eines BIM-Projektes entstehen unglaublich viele davon: Elementeigenschaften, Produktbeschreibungen, Mengen, Kosten, Termine, Leistungsbeschreibungen, Aufgaben und vieles mehr – alle natürlich mit den 3D-Modellen verknüpft und transparent für die Beteiligten zugänglich gemacht. Es entstehen so viele Daten, dass moderne BIM-Software inzwischen nicht nur vor der Herausforderung steht, diese Daten zu erzeugen und zu verarbeiten, sondern sie auch so zu strukturieren und zu filtern, dass der Anwender sich noch in den Datenbergen zurechtfinden kann.

Über Variablen definierte dynamische Leistungsposition (Screenshot aus NEVARIS BIM); Bild: Andreas Steyer

Die großen Kataloge und Bibliotheken haben aber noch einen weiteren Nachteil: Sie sind meist starr und unflexibel. Zwar decken sie eine Vielzahl von Ausprägungen ab, in der Realität braucht man aber doch genau das eine Objekt mit den besonderen Eigenschaften, das eben nicht im Vorlagenkatalog enthalten ist. Außerdem soll das Objekt natürlich zu den Informationen passen, die im BIM-Modell enthalten sind, und ihnen nicht widersprechen.

Deshalb ist intelligenter, moderner BIM-Content eben nicht eine möglichst große Ansammlung von Vorlage-Elementen, -Positionen oder Texten, sondern eine schlanke Datenbank frei modifizierbarer Objekte, die sich dynamisch an die Eigenschaften des BIM-Modells anpassen.

Beispiel CAD-Objekt

Das lässt sich an verschiedenen Beispielen aus verschiedenen Phasen eines BIM-Projektes zeigen. Beginnen wir am Anfang – bei der Erstellung des 3D-Modells. Hier gibt es diverse Vorlagebibliotheken mit 3D-Elementen für Fenster und Türen – entweder im CAD-Programm, aus BIM-Objekt-Plattformen oder direkt von den Herstellern der Bauteile. Aber selbst alle zusammen können nicht die Vielfalt abbilden, die es in der Realität gibt. Das liegt zum einen daran, dass diese Elemente aus verschiedenen Teilelementen bestehen, die auf vielfältige Weise miteinander kombiniert werden können. Zum anderen hat jedes Bauprojekt auch immer seine speziellen Besonderheiten, die es notwendig machen, die Elemente anzupassen.

Sinnvoller als eine große Bibliothek von Vorlage-Elementen ist daher eine überschaubare Anzahl von generischen und dynamischen Objekten. Es muss dabei die Möglichkeit geben, die unterschiedlichen Eigenschaften des Elements einfach zu konfigurieren. Die Elemente müssen flexibel aus der Kombination aller möglichen Teilelemente generierbar sein. Und sie müssen sich an bestimmte Eigenschaften des Gesamtmodells anpassen können.

Natürlich werden die einzelnen Objekte dadurch komplexer. Die Datenmenge wird aber deutlich reduziert und die Anzahl der nutzbaren Elemente drastisch erhöht.

Beispiel Leistungsverzeichnisse

Gehen wir ein paar Schritte weiter und schauen uns die Erstellung von Leistungsverzeichnissen an. Hier kann man natürlich große Stamm-Leistungsverzeichnisse erwerben oder sich selbst aufbauen und dort die Positionen heraussuchen, die zu den entsprechenden Elementen des BIM-Modells passen. Allein für den Hochbau kommt aber so ein Stamm-LV, das den Anspruch hat, für unterschiedliche Projekte wie Wohn- oder Gewerbebau die allgemein gebräuchlichsten Positionen abzudecken, leicht auf über 15.000 Positionen.

Auch hier geht es deutlich intelligenter. Man muss nur das wertvollste nutzen, das ein BIM-Modell mit sich bringt: die Eigenschaften der einzelnen Elemente. Denn die Kurz- und Langtexte der Leistungspositionen bestehen ja zu einem großen Teil aus diesen Eigenschaften. Ersetzt man also die starren Ausprägungen in den Texten durch Variablen, die die entsprechenden Bauteileigenschaften abbilden, lässt sich der Umfang eines solchen Vorlage-Leistungsverzeichnisses deutlich reduzieren. Gleichzeitig ist man dadurch in der Lage, Texte zu erzeugen, die vorher im Vorlage-LV gar nicht verfügbar gewesen wären.

Natürlich muss die Erstellung von solchen dynamischen, durch Variablen genierten Positionen weitaus sorgfältiger konzeptioniert werden als eine einfache Ansammlung starrer Positionen. Sie bietet aber wesentlich mehr Möglichkeiten und passt sich automatisch den Elementeigenschaften an.

Schlankerer Content = einfachere Wartung

Vielleicht erscheint der Pflegeaufwand für einen# generischen, dynamischen Content höher als bei den üblichen Bibliotheken und Katalogen. Immerhin müssen dort nur einzelne Objekte ausgetauscht oder ergänzt werden, während im anderen Fall mit Variablen hantiert wird. Wenn sich aber beispielsweise etwas Generelles an einer Tür ändert, muss man im einen# Fall nur ein generisches Vorlageobjekt oder eine dynamische Leistungsposition anpassen – im anderen Fall hat man eine Vielzahl von Tür-Ausprägungen oder statischen Leistungspositionen zu ändern. Das relativiert die Ansicht vom höheren Pflegeaufwand schnell.

Natürlich sind für die Anwendung von intelligentem BIM-Content gewisse Voraussetzungen notwendig. Es braucht Software, die damit umgehen kann und generische Inhalte und dynamische Anpassungen zulässt. Und es braucht einen gemeinsamen Standard für Elementeigenschaften, damit die Variablen, die im Content genutzt werden, universell gültig sind.

Die Vorteile von dynamischem und generischem Content sind aber so deutlich, dass mit der fortschreitenden Standardisierung, Entwicklung und Anwendung große, starre Kataloge und Bibliotheken in nicht mehr ferner Zukunft der Vergangenheit angehören werden.

© Andreas Steyer
Autor

Andreas Steyer ist verantwortlich für das Produktmarketing bei NEVARIS, einem Anbieter von Software für Architekten und Bauunternehmen und Teil der Nemetschek-Group. nevaris.com

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