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05.01.2019 | Harald Kern

Experimentelle Architektur in Leipzig

Architekten im Interview

Vor seinem Tod entwarf Oscar Niemeyer ein Café und Restaurant für die Kirow-Werke in Leipzig. Die Oscar Niemeyer Sphere wird von Architekt Harald Kern in Partnerschaft mit Jair Valera realisiert – und ist jetzt schon eine Attraktion in Leipzig.

Build-Ing.: Einen Entwurf von Oscar Niemeyer zu realisieren gehört nicht unbedingt zum Alltag eines deutschen Architekten. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Niemeyers Büro?

Harald Kern: 2013 wurde ich von Kirow beauftragt, gemeinsam mit Jair Valera den Entwurfweiter zuführen, den Niemeyer für den Anbau gemacht hat. Ich hatte schon früher für Kirow und den Geschäftsführer Ludwig Koehne gearbeitet. Wir kannten uns, das Vertrauen zwischen uns war da. Jair Valera war die rechte Hand von Niemeyer. Er lernte Niemeyer in Brasília kennen und arbeitete seit 1974 für ihn. Valera wurde ein Freund von Niemeyer. Vormittags ging er ins Büro von Niemeyer an der Copacabana, nachmittags arbeitete er in seinem eigenen Büro. Als Niemeyer die großen Aufträge in Brasilien erhielt, brachte Valera mit bis zu 200 Ingenieuren die Projekte zur Ausführungsreife. Er ist wohl der einzige, der die Handschrift von Niemeyer beherrscht und mit dem es möglich war, den Entwurf für die Sphere im Sinn Niemeyers umzusetzen.

Warum wollte Kirow gerade diesen kugelförmigen Anbau?

Das wollte nicht Kirow, das war der Vorschlag eines der größten Architekten des 20. Jahrhunderts. Der Entwurf entstand aus einer Anfrage von Ludwig Koehne, der ein großer Architekturliebhaber ist. Ein anderer hätte vielleicht nicht den Mut gehabt, bei Niemeyer anzufragen, zumal in dessen fortgeschrittenem Alter. Doch das hat geklappt, es kam zu einer Einladung von Niemeyer an Koehne nach Rio de Janeiro. Dort wurde Koehne erst mal gecheckt: Warum will dieser Kranmensch, der solche riesigen Maschinen baut, eine Architektur, die experimentell ist und nicht nur funktional?

Das Gespräch verlief sehr angenehm. Anhand von Fotos wurde der Entwurf angefertigt, aber bald darauf ist Niemeyer verstorben. Man hat überlegt, wie es weitergeht, worin die Risiken bestehen. Am Ende ist man das Wagnis eingegangen, in der Konstellation Valera und Kern zu arbeiten. Ich bin Valeras Partner vor Ort, der die Eingabeplanung und die Ausführungsplanung macht, aber immer in Detailabstimmung mit Jair Valera.

Sie haben das Café in 3D geplant?

Nicht nur geplant. Die Planung in 3D würde ja nichts nützen, wenn man sie nicht umsetzen kann. Wir haben anhand unseres Ausführungsmodells die Vorlagen für die Schalpläne in 3D entwickelt und sind dann zum Statiker gegangen, der seine Schal- und Bewehrungspläne auch in 3D erstellt hat. Das Modell ging auch an den Schalungsbauer, der mit 3D-CNC-Fräsen die Planung in die Fertigung umsetzen konnte.

Sie arbeiten alle im selben 3D-Modell?

Ja, ausgehend von unserem Modell, das in verschiedenen Ausgabevarianten an die jeweiligen Verarbeiter ging. Die Elektroplanung wird beispielsweise in 3D realisiert. SHK und Tragwerksplanung sind auch 3D. Ich würde es aber nicht als geschlossenes System bezeichnen, weil die Programme, die wir untereinander verwenden, verschieden sind.

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Mit welchem Programm arbeiten Sie?

Wir arbeiten mit Rhino. Die Planer haben ihre eigene Software. Wir können unsere Dateien in verschiedenen Formaten ausgeben, die die Planer lesen können.

Ohne Probleme?

Das geht dann schon mal hin und her, man muss probieren, welches Übergabeformat für den anderen am besten geeignet ist. Das haben wir ganz gut hinbekommen.

Mit wie vielen Firmen arbeiten Sie zusammen?

Im Wesentlichen sind das etwa 30 Einzelfirmen.

Welche Gewerke arbeiten nicht in 3D?

Beim Rohbau der Kugel muss der Polier die Pläne als 2D-Übersetzung erhalten, um seine Unterzüge oder Aussparungen anreißen zu können. Aber alles, was vorgefertigt werden kann, erfolgt in 3D.

Wäre es für den Polier nicht sinnvoll, wenn er ein 3D-Modell auf dem Tablet hätte?

Er könnte dann Informationen interpretieren, aber es wäre keine klare Vorgabe. Die Baufirmenwollen vermaßte Pläne ausgedruckt haben, die eindeutige Informationen enthalten. Ein 3D-Modell ist auch eindeutig, vorausgesetzt, dass jeder Polier mit der Software umgehen kann. Ich glaube aber nicht, dass er dafür die Zeit hätte, sich mit 3D zu beschäftigen. Die Baufirma selbst hat auch das 3D-Modell. Durch die Nähe meines Büros zur Baustelle ist es aber effektiver, schnell auf die Baustelle zu fahren, wenn der Polier zusätzliche Informationen braucht, die in den Plänen nicht enthalten sind.

Die Fensterausschnitte der Betonkugel werden mit Glassegmenten gebildet. Ist der Hersteller der Glasscheiben auch in die 3D-Planung einbezogen?

Hier stoßen wir mit unserer Zeichentechnik an Grenzen. Die Fenster bestehen aus geodätischen Kuppeln. Dafür programmiert ein befreundeter Künstler mit der 3D-Software Grasshopper die Ausgabe der genauen Glasgeometrien. Das ist dann keine gezeichnete Datei mehr, sondern eine programmierte.

Das lässt sich im 3D-Modell nicht darstellen?

Eigentlich ist die Kuppel nicht kompliziert. Sie lebt aber von den typischen Niemeyer-Kurven, aus denen sich besondere Anschnitte ergeben. Dafür gibt es Dreiecksmaße als Vorgaben von Niemeyer. Vorbild ist Niemeyers Torre de TV Digital in Brasília, ein sehr schöner, plastischer Sendeturm mit zwei geodätischen Kuppeln, die als Aussichtsplattformen auf auskragenden Betonelementen lagern. Die haben nur gerade Anschnitte, aber aus diesem Vorbild ergeben sich die Aufteilung und das Fugenbild.

Mit Jair Valera wurde zunächst die grobe Glasgeometrie entwickelt, um zu wissen, wie die geodätische Kuppel unterteilt sein soll. Weil eine Glaskugel bei Sonnenschein bauphysikalisch kritisch ist, haben wir Simulationen durchgeführt. Die Sonne steht immer rechtwinklig auf dem Glas, da sind die solaren Einträge sehr hoch. Man kann dunkles Glas verwenden, um den g-Wert (Gesamtenergiedurchlassgrad) zu reduzieren. Oder man verwendet die elektrochrome Verglasung. Dabei richten sich Wolframoxydpartikel je nach angelegter Spannung aus. Das passiert allerdings langsam, und die Farbwahl ist sehr begrenzt, mehr bräunlich-bläulich und vermatscht.

Mit Merck haben wir einen Partner gefunden, der auf eine andere Technik setzt. Merck entwickelt die Flüssigkristall-Technologie Liquid Crystal Windows (LCW). Dabei werden Flüssigkristalle elektrisch ausgerichtet, wobei jede Farbrezeptur möglich ist. Niemeyer stellte dem Weiß der Betonflächen oft sehr dunkles Glas gegenüber, was auch mit dem Klima in Brasilien zu tun hat. Bei dunklem Glas hat man aber immer das Gefühl, hinter einer großen Sonnenbrille zu sitzen. Mit Liquid Crystal Windows gibt es diesen Effekt nicht, man kann den Farbton wechseln, von einem sehr transparenten leichtem Grau bis fast Schwarz. An bewölkten Tagen sitzt man mit freier Sicht im Café, bei klarem Himmel betrachtet man abends die Sterne, und wenn es wegen der Sonneneinstrahlung notwendig ist, lässt sich das Glas bis fast Schwarz abdunkeln und dadurch einen günstigen g-Wert erreichen. Bei der unteren Verglasung verzichten wir auf Liquid Crystal Windows, weil diese Fläche kaum solare Einträge hat.

Lassen sich die Scheiben einzeln verdunkeln?

Ja. Jedes Segment besitzt eine Kabelzuführung, die ziemlich ausgeklügelt durch den Metallrahmen geführt werden muss. An dieser Aufgabe sind schon zwei Firmen gescheitert. Jetzt sind wir gerade bei der dritten Firma, die hat das Problem gelöst.

Woran sind die Firmen gescheitert?

Daran, die Details so hinzubekommen, dass sie aussehen wie die Vorgaben von Niemeyer: nur eine Fuge ohne Pressleisten. Das ist in Deutschland eigentlich nicht realisierbar. Weil die obere Kuppel aber nur gering auf Zug belastet ist, bekommen wir das mit doppelter Sicherheit durch Eindrehanker und Kleben hin. Das war für die beiden Firmen ein Problem. Die eine Firma hat entgegen den Absprachen doch Pressleisten aufgesetzt und an den Knotenpunkten Abdeckwarzen verwendet. Das sah sehr nach siebziger Jahren aus. Die zweite Firma hat es auch nicht hinbekommen. Erst Metallbau Tuchschmid aus Frauenfeld in der Schweiz konnte uns überzeugen. Die Firma ist sich der Verantwortung für das Projekt bewusst, das von den sauberen Details lebt und mit der LCW-Technologie in Verbindung mit der Kuppel etwas Neues erreicht. Sie fühlt sich als Teil des Teams und brät keine Extrawürste.

Liegen Sie im Zeitplan?

Der Rohbau ist fertig. Wir haben eine leichte Verzögerung durch die Fassade, weil wir erst im Sommer 2018 den Auftrag auslösen konnten, nachdem wir bei Tuchschmid das finale Ergebnis gesehen haben. Sie haben das Modell 1:1 gebaut, damit sind wir sehr zufrieden.

Wir hatten außerdem ein langes Ausschreibungsverfahren für den Sichtbeton und nur eine geringe Trefferquote. Wir haben erst bundesweit ausgeschrieben, dann Firmen in Portugal und Italien angefragt, und am Ende kamen zwei Angebote. Gewonnen hat Dechant Hoch- und Ingenieurbau. Sie haben uns mit der Qualität ihrer realisierten Sichtbetonbauwerke überzeugt. So ein Projekt steht und fällt mit der Umsetzung, mit der ausführenden Firma und mit dem Polier, der auf der Baustelle ist. Ich bin als Architekt auf fähige Fachplaner und Mitarbeiter angewiesen, und auf der Baustelle auf Leute wie Dechant, die die Pläne umsetzen. Vor denen ziehe ich den Hut.

Interview: Jürgen Winkler


Oscar Niemeyer Sphere

Die Kirow-Werke in Leipzig-Plagwitz sind Weltmarktführer für Eisenbahndrehkräne. Auf dem Werksgelände wird innerhalb eines denkmalgeschützten Gebäudekomplexes an die nordwestliche Ecke des Kantinengebäudes (ehemaligesDampfkesselhaus, ein zweigeschossiger Backsteinbau aus dem Jahr 1942) ein kugelförmiger Anbau mit 12 Metern Durchmesser errichtet.

Dieser ruht auf seinem quaderförmigen Erschließungsschaft aus Beton, dessenFarbe der der bestehenden Backsteinfassade angeglichen wurde. Der Anbau hat seinen Mittelpunkt in etwa an der oberen Attika-Ecke des Bestandsgebäudes auf knapp 12 Metern Höhe. Die Sphere besteht aus WU-Weißbeton (WU: wasserundurchlässig) mit Innendämmung und zwei geräumigen Fensterausschnitten, die aus geodätischen Kuppeln als Stahl-Glas-Konstruktionen gebildet werden. Die Glasfassaden werden als Weltneuheit mit schaltbaren Flüssig-Kristall-Gläsern (Liquid-Crystal-Windows) ausgestattet, die als Blend- und Sonnenschutz fungieren. Der so entstehende Anbau dient der Erweiterung des gastronomischen Angebots der Kirow-Kantine.

Der Entwurf aus dem Jahr 2011 stammt aus der Feder von Oscar Niemeyer (1907–2012). Mitarbeiter waren seine Enkelin Ana-Elisa Niemeyer und Jair Valera, der seit 1974 für Oscar Niemeyer tätig war. Initiator des Projekts ist Ludwig Koehne, Chef der Kirow-Werke Leipzig.

Seit August 2013 wurde der Entwurf unter der Regie von Jair Valera gemeinsam mit seinem Partner vor Ort, dem Leipziger Architekten Harald Kern, präzisiert und zur Ausführungsreife gebracht. Mit der Realisierung wurde Ende April 2017 begonnen.

Die Sphere beherbergt drei Geschosse:

  • Ein unteres Facility-Geschoss, das im Wesentlichen der Unterbringung von Haustechnik dient
  • Eine mittlere Café/Bar-Ebene (ca. 45 Quadratmeter)
  • Eine obere Lounge Area (ca. 91 Quadratmeter), deren Fußboden sich auf Höhe der Äquator-Ebene der Kugel befindet, mit einer gefliesten Trennwand zum integrierten Service-Bereich, die eine Oscar-Niemeyer-Zeichnung zieren wird.

Die Sphere wird für Gäste über die Café/Bar-Ebene erschlossen. In diese gelangt man entweder über eine Treppe, die von einer Verbindungsbrücke zwischen den Bestandsgebäuden auf Höhe des Obergeschosses des Kantinengebäudes in den neuen Erschließungsschaft abzweigt, oder vom Erdgeschoss über einen Fahrstuhl, der ebenfalls im Schaft integriert wird.

Von hier aus gelangt man über eine geschwungene Freitreppe entlang des unteren Fensterausschnitts in die Lounge auf der Äquator-Ebene und weiter zur Dachterrasse (ca. 130 Quadratmeter) auf dem Bestandsgebäude.

Im Zuge des Niemeyer-Baus finden auch in den angrenzenden Gebäudeteilen umfangreiche Umbau- und Sanierungsmaßnahmen arbeiten statt.

© Build-Ing.
Oscar Niemeyer Sphere, Leipzig
Autor

Harald Kern studierte Architektur in Augsburg, Leipzig und Sydney. Nach Tätigkeiten als freier Mitarbeiter in diversen Büros sowie Studien und Projekten im In- und Ausland gründete er 2004 ein Architekturbüro in Leipzig.

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