18.11.2019 |
Jürgen Winkler
Build-Ing.: Ich habe Sie mehrmals auf Podiumsdiskussionen erlebt. Dabei wirken Sie auf mich wie jemand, für den das Glas halb voll ist und nicht halb leer. Um Sie herum sitzen missgelaunte Bauherren und Immobilienentwickler, die den BIM-Stillstand in Deutschland beklagen. Sie hören sich das gelassen an. Wenn das Wort an Sie gerichtet ist, widersprechen Sie sachlich, aber energisch. Woraus beziehen Sie Ihren unerschütterlichen Optimismus in Bezug auf BIM in Deutschland?
Lothar Fehn Krestas: Vielleicht aus dreißigjähriger Erfahrung und den Entwicklungen, die es früher schon gegeben hat. Als junger Architekt habe ich in einem Architekturbüro die Einführung von CAD erlebt. Da waren auch große Anstrengungen notwendig, aber es hat letztlich funktioniert. Es ergibt keinen Sinn, immer nur Angst zu verbreiteten. Es geht darum, Chancen zu erkennen und den Verantwortungsträgern in ihren verschiedenen Rollen Mut zu machen, weitere Schritte zu gehen. Für mich ist es wichtig, dass man nicht solche Schritte beschreibt, die kein Mensch bei klarem Verstand gehen kann. Man muss den Menschen vermitteln, dass es auch Zwischenschritte gibt, die sinnvoll sind. Ich habe z. B. das Gefühl, dass die Diskussionen um das Schlagwort Disruption in die falsche Richtung gehen. Sie wird oft von denjenigen geführt, die sich als Treiber der Geschichte sehen und die anderen dabei zurücklassen.
Wenn Weltkonzerne wie Google mit ihrer finanziellen, personellen und politischen Macht in Deutschland die Bauindustrie angreifen, besteht durchaus die Gefahr, dass die kleinteilige deutsche Planer- und Architektenszene auseinanderfliegt.
Diese Befürchtung ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wir müssen schon erkennen, dass auch im Bereich Bauen eine große Menge an Daten anfällt, mit denen man noch andere Dinge machen kann als ein Haus zu errichten. Deshalb müssen wir uns sehr gut überlegen, welche Rolle wir als Beteiligte im Bauwesen einnehmen wollen. Das führt auch dazu, über neue Geschäftsmodelle nachzudenken.
Welche Geschäftsmodelle meinen Sie?
Bei Veränderungen fallen immer Investitionskosten an. Die Versuchung liegt deshalb nahe, einfache Wege zu gehen, um die Kosten zu minimieren. Man übernimmt fertige Produkte vom Markt, die sehr stark das eigene Geschäftsmodell prägen. Die eigenen Prozesse werden komplett auf diese Produkte abgestimmt. Das ist natürlich auch eine rationale Überlegung. Architekturbüros oder Handwerksbetriebe können in der Regel nicht ihre eigene Software entwickeln. Aber man muss sich überlegen, wo die Autonomie verloren geht. Jede gekaufte Software beinhaltet definierte Prozesse. Die können geeignet sein, das eigene Geschäftsmodell weiterzuentwickeln, die können aber auch in die falsche Richtung führen.
Das gleiche gilt für Daten, beispielsweise bei Immobilienverwaltungen. Es ist ein Unterschied, ob man ein einzelnes Bauprojekt verwaltet oder viele Bauprojekte. Wenn man bei vielen Bauprojekten die Daten erfassen und verwalten will, muss man darauf achten, dass man sich beim Umgang mit diesen Daten nicht in Abhängigkeiten begibt. Je nach Größe und Stellung am Markt ergeben sich deshalb für die Anwender neue Geschäftsmodelle mit diesen Daten, für die Steuerung nach innen, für Dienstleistungen an Dritte, und manche würden auch sagen, für den Verkauf von Daten.
Das können nur Immobilienverwalter leisten, die tausende Wohnungen im Portfolio haben.
Ich fange mal woanders an. Eine Zimmerei hat immer Partnerunternehmen. Das sind Dachdecker, Trockenbauer, Maurer, mit denen die Zimmerei kooperiert. Wenn Sie ein Haus bauen und einen dieser Handwerker beauftragen, wird er Ihnen andere Handwerker empfehlen, mit denen er gut zusammenarbeitet. Hier gibt es genau jene Kollaborationen, die wir in der Bauindustrie oft vermissen. Diese Handwerker brauchen keinen Kulturwandel für partnerschaftliche Zusammenarbeit, sie brauchen aber passende, künftig auch digitale Instrumente. Ich würde mich riesig freuen, wenn am Markt digitale Kollaborationstools entstehen, damit diese Handwerker mit ihren Prozessen und Daten anders umgehen können. Denn das ist nicht nur ein Thema für die ganz Großen, die Kleinen sind viel agiler. Wenn sich heute fünf Handwerksmeister zusammensetzen und überlegen, wie sie ihre Prozesse verbessern können, dann sind sie übermorgen damit fertig. Bei fünf Großunternehmen mit ihren Subunternehmen ist das ein viel längerer Weg.
Ich habe mich vor einiger Zeit mit einem mittelständigen Pflasterbau-Unternehmer über BIM und Digitalisierung unterhalten. Der sagte mir, dass er seine Mitarbeiter dazu gebracht hat, sich der Digitalisierung zu stellen, indem er jedem Mitarbeiter auf dem Bau ein Smartphone in die Hand gedrückt hat. Sie konnten das Smartphone nutzen, unter einer Bedingung: Ab jetzt alles digital über das Smartphone, ob Materialdisposition, Tagesbericht oder Urlaubsantrag. Dann ist der Mitarbeiter nicht mehr jemand vom Bau mit nur einer Schippe in der Hand. Im Unternehmen hat das einen Produktivitätsschub ausgelöst. Das ist immer eine Frage des Unternehmens, wo es sich selbst sieht, ob es sich beispielsweise die Umstellung auf eine rein digitale Kommunikation zutraut oder die alten Strukturen belässt.
Das dürfte auch ein Generationenprozess sein. Einem Handwerker, der am Ende seines Berufslebens steht, wird die Digitalisierung herzlich egal sein.
Wir haben mal eine Tagung zum Thema BIM und Digitalisierung veranstaltet. Dabei wurde das Projekt Physikalisch-Technische Bundesanstalt vorgestellt. Da saßen zwei Leute auf dem Podium, eine junge Architekturabsolventin und ein TGA-Ingenieur mit vielen Jahren Berufserfahrung. Diese beiden waren die Idealbesetzung. Der Ingenieur besitzt die Prozesserfahrungen, und die Absolventin hat den Mut für neue Ideen und die IT-Affinität. Das ist natürlich eine große Führungsaufgabe, aber auch eine neue Chance, denn wir haben überall den Generationenwechsel in den Unternehmen.
Wie motivieren Sie ein Architektur- oder Planungsbüro mit drei Mitarbeitern, sich zusätzlich zu Auftragsakquisitionen, Wettbewerbsteilnahmen und dem Tagesgeschäft mit BIM zu befassen?
Das hängt sehr davon ab, welche Dienstleistung das Büro anbietet. Wenn wir von einem kleinen¬ Büro reden, das einem großen Büro nachgelagert arbeitet und bestimmte Teilleistungen erbringt oder beispielsweise energetische Berechnungen erstellt, dann sind sie heute schon weitgehend digitalisiert. Ein Büro, das überwiegend Einfamilienhäuser plant und ein digitales Modell des Hauses erstellt, wird große Mühe haben, den Kunden vom Mehrwert des Modells zu überzeugen. Wobei auch hier Ausnahmen die Regel bestätigen. Ich kann hier nur zu Pragmatismus raten.
Dann betreibt der Architekt BIM als Hobby. Bezahlt wird es nicht.
Ich bin ein Verfechter der kleinen Schritte. Der Architekt hat vielleicht trotzdem den TGA-Planer oder Zimmerer überzeugt, mit seinen Daten weiter zu arbeiten. In den 80er Jahren gab es in Zimmereien den elektronischen Abbund. Man hat mit Fräßmaschinen maschinell Dachstühle hergestellt. Die Daten wurden vom Meister eingegeben, indem er den Plan des Architekten abgezeichnet hat. Erst heute kommen wir an den Punkt, die Architektenpläne 1:1 zur Ansteuerung der Maschinen verwenden zu können. Das ist 30 Jahre später. Traurig.
Dabei geht es noch nicht mal um Datenweitergabe, sondern auch um Datenkonventionen. Der Zimmerer verwendet ein anderes Maßsystem als der Architekt oder der Statiker. Der Statiker rechnet in Achse des Balkens, der Zimmerer in Sprungmaß. Darüber muss man reden. Wenn der Architekt es schafft, dem Zimmerer, mit dem er Einfamilienhäuser baut, die Daten weitergeben zu können, dann ist das ein riesiger Sprung. Man spart in der Wertschöpfungskette vielleicht einen ganzen Arbeitstag, um die Daten einzupflegen.
Sie plädieren für eine stärkere Kollaboration der Gewerke?
Ja, und zwar nicht nur zwischen den Planern, sondern auch hin zur Produktion. Wir werden uns zunehmend mit der Fragestellung beschäftigen müssen, wohin sich die Produktion entwickelt, Stichwort serielles Bauen.
Kollaboration bis zum Zusammenschluss von Architektur- und Planungsbüros, um gegen Großbüros zu bestehen?
Fusionen von Büros haben eher etwas mit Haftungsfragen und Versicherungen zu tun. Außerdem entstehen immer mehr Spezialisierungen am Markt. Was für Handwerker gilt, gilt auch für Planer. Man hat nicht notwendigerweise ein Unternehmen, das als Generalplaner alles abbildet, man kann sich auch vernetzen. Das ist nichts Neues, das gibt es längst. Als Beteiligter muss ich mir natürlich überlegen, wo meine Nische ist. Da gibt es Verschiebungen in die unterschiedlichsten Richtungen.
Bei Architekten kann man sich fragen, ob es so gut ist, dass man zunehmend zwischen den vorderen Leistungsphasen und der Ausführungsplanung, Ausschreibung und Objektüberwachung trennt. Ich habe das mal anders gelernt. Wir reden ja in Sachen Digitalisierung auch über den Lebenszyklus eines Gebäudes. Das Know-how, das ich für die vorderen Leistungsphasen auf die Baustelle und in den Betrieb bekommen muss, halte ich für einen großen Wert. Wenn uns dieser Wert verlorengeht, dann geht für die Architekten auch eine Glaubwürdigkeit verloren.
In anderen Ländern gibt es keinen Werkvertrag. Dort werden Dienstleistungsverträge abgeschlossen. Das ist aus Haftungsgründen attraktiv. Unattraktiv ist es, wenn man sein eigenes¬ Werk in die Tiefe beeinflussen will. Das Rollenmodell, das uns vorschwebt, besteht nicht darin, die Planer in die Dienstleistungsrolle zu drängen. Wohin sich der Markt in Deutschland entwickelt, können wir im Bauministerium nicht vorschreiben.
Sie sagten, Sie haben es anders gelernt. Wie haben Sie es gelernt?
Ich habe gelernt, dass das Leistungsbild eines Architekten von Leistungsphase 1 bis 9 geht. Und das man als Architekturbüro von Konzeption bis Objektüberwachung und Mängelbeseitigung die Dinge verantwortet und koordiniert. Ich will nicht bestreiten, dass das an Grenzen stößt und in einer Person kaum mehr darstellbar ist. Aber das Weitertragen des Wissens zu organisieren, halte ich essenziell wichtig für die Marktstellung und das gesellschaftliche Ansehen des Architektenberufs. Das lässt sich ohne weiteres auf Bereiche wie TGA und Tragwerksplanung übertragen.
Auf BIM-Konferenzen wird immer wieder beklagt, dass die Bauindustrie die einzige deutsche Branche ist, die seit 1990 nicht nur keinen Produktivitätszuwachs verzeichnet, sondern eine negative Entwicklung aufweist. Die Produktivität ist jetzt niedriger als 1990. Woran liegt das?
Wir hatten von den späten Neunziger Jahren bis weit in die Nuller Jahre eine kritische Phase in der Bauwirtschaft. Die Margen waren extrem niedrig. Es gab aber ein riesiges Arbeitskräftereservoir aus dem Osten und Süden Europas. Das hat zu sehr kritischen Optimierungsvorgängen geführt, zu Claim Management und zum Drehen an der Lohnschraube. Diese beiden Punkte haben vom Effizienzsteigerungspotenzial in der Bauwirtschaft weggeführt. Das sind beides Punkte, die die Innenoptimierung des einzelnen Beteiligten ermöglicht haben, aber die Entwicklungschancen im System nicht wirklich heben, gerade an den Schnittstellen.
Dann wird immer wieder die Lösung mit Generalunternehmer-Konstruktionen beschrieben, mit denen man all die Schnittstellen internalisiert. Aber die Schnittstellen bleiben ja am Ende dieselben, ob internalisiert oder externalisiert, sie müssen bearbeitet werden. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die GU-Konstruktion die Lösung ist, deshalb habe ich das Beispiel mit den Daten des Zimmerers gebracht. Bei einer anderen Art der Zusammenarbeit und Schnittstellendefinition lässt sich mindestens ebenso gut eine Effizienzsteigerung generieren.
Sehen Sie in der Bauwirtschaft eine Abkehr vom Prinzip der Lohndrückerei und Subunternehmen?
Ja, aus ganz einfachen Gründen. Mit den Subunternehmen verhält es sich zwar etwas anders als mit den Arbeitskräften, aber das Reservoir an preiswerten Arbeitskräften geht in der Europäischen Union zur Neige. In Rumänien warten die Bauarbeiter nicht mehr darauf, in Deutschland auf den Bau zu gehen. Glücklicherweise läuft die Wirtschaft in Osteuropa besser, da will man nicht unbedingt nach Deutschland, um nur alle vier Wochen daheim bei der Familie zu sein. Das bringt die Diskussionen um reale Effizienzsteigerungen viel stärker nach vorn. Und wenn man sich mit Leitungspersonen in der Bauwirtschaft unterhält, dann sagen sie einem: Gott sei Dank, jetzt kann man wieder viel stärker zum Ingenieurpotenzial zurückkehren, das in der Bauwirtschaft steckt.
Können Sie die Digitalisierung der Bauwirtschaft mit Ihrem Ministerium beschleunigen, steuern oder beeinflussen?
Da muss ich als Erstes sagen: Digitalisierung ist ein Thema der Wirtschaft. Wir wollen nicht vorschreiben, wie die Innovationspotenziale von den Marktbeteiligten genutzt werden sollen. Nichtsdestotrotz gibt es mindestens drei Stellen, an denen der Staat eine wichtige Rolle spielt.
Die stärkste Rolle ist das Baugenehmigungsverfahren. An dieser Stelle müssen Daten aus dem Bauprozess an den Staat übermittelt werden. Zuständig sind hier zweifelsohne die Länder und nicht der Bund. Wir bringen uns aber als Bund über das Onlinezugangsgesetz stark ein, um die Baugenehmigung zu digitalisieren. Das ist die Schnittstelle zwischen den Bürgern oder Unternehmen, die einen Bauantrag stellen wollen, und den Baugenehmigungsbehörden. Bis diese Schnittstelle BIM-fähig ist, müssen noch ein paar Schritte gegangen werden. Aber um die Daten digital zu übermitteln, wird in allen Bundesländern enorm viel Aktivität entfaltet. Wir flankieren dies als Bund mit finanziellen Mitteln und Musterprozessen.
Die zweite Rolle ist der Staat als Bauherr. Wenn ich ein Projekt digital betreiben will, dann ist es zuerst Sache des Bauherrn, zu definieren, wie die Prozesse zwischen den Beteiligten aussehen. Je vielschichtiger ich das Projekt aufgestellt habe, differenziert nach Planung, Ausführung und Gewerken, umso größer ist mein Definitionsbedarf. Insofern müssen wir uns dringend in die Lage versetzen, diese Schnittstellen BIM-fähig zu beschreiben. Das betrifft auch die Verträge, die wir schließen, und die Anforderungen, die wir an ein Bauwerk stellen. All das muss BIM-fähig sein. Hier ist sowohl beim Bund als auch bei den Ländern eine Menge in Gang. Das beginnt mit der Fortbildung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und geht mit der Definition von Standards weiter.
Die dritte Rolle betrifft die Förderung. Wir haben gerade ein nationales BIM-Kompetenzzentrum gegründet. Die Vergabe an die planen+bauen 4.0 GmbH ist im Sommer 2019 erfolgt. Im Moment werden mit planen+bauen 4.0 Feinkonzepte ausgearbeitet. Zum Jahresende 2019 wollen wir im BIM-Kompetenzzentrum mit der operativen Arbeit beginnen. Das ist ein großes Projekt, das von der Unterstützung bei bestimmten BIM-Fragestellungen über die Öffentlichkeitsarbeit bis zur Bereitstellung von Tools für öffentliches und privates Bauen reicht. Das Kompetenzzentrum soll sich auch in die Normung und Standardisierung einbringen, national wie international. Wenn ich über Schnittstellen rede, datentechnisch wie organisatorisch, sind Standards ein essenzieller Punkt.
Wie positioniert sich der Bund bei Open BIM und Closed BIM?
Es gibt keine Alternative zu Open BIM. Da ist die öffentliche Bauherrenschaft in Deutschland sehr klar. Ich hatte vorhin von den Abhängigkeiten gesprochen, die wir vermeiden sollten. Wenn man über das einzelne Projekt hinausdenkt, kann es nur Open BIM-Strukturen geben. Dazu müssen wir in der Standardsetzung und Normung weiterkommen, und da werden wir uns mit dem Kompetenzzentrum stark engagieren.
Wird das Kompetenzzentrum auch ein Portal mit BIM-fähigen Produktdaten aufsetzen?
Wir denken stark in Richtung generische Daten. Uns geht es weniger darum, Daten aller Produkte zu sammeln, die sich auf dem Markt befinden. Wir möchten produktneutrale Datensätze für Bauteile generieren.
Als öffentlicher Bauherr müssen Sie produktneutral ausschreiben. Manche private Bauherrn würden die Produktneutralität gern abschaffen.
Ich höre immer wieder, dass die Produktneutralität durch BIM unterlaufen wird. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Wenn es uns gelingt, Strukturen und Standards zu setzen, in welcher Form Informationen zu den Bauprodukten zur Verfügung gestellt werden sollen, dann werden diese Bauprodukte viel vergleichbarer als bisher. Früher stand bei Architekten eine Katalogwand im Büro. Sie mussten wissen, in welchem Katalog ein bestimmter Türdrücker zu finden ist und in welchem ein Waschbecken.
Wenn heute ein Waschbecken mit 85 Zentimetern Breite und einigen besonderen Eigenschaften benötigt wird, dann geht man ins Internet, und wenn dort die Daten strukturiert abgelegt sind, findet man alle Waschbecken mit diesem Maß und diesen Eigenschaften. Man kann viel besser beurteilen, ob es ein Waschbecken mit 85 Zentimetern Breite, das man in seinen Plan gezeichnet hat, überhaupt auf dem Markt gibt.
Es ist schon zu Zeiten von handgezeichneten Plänen und gedruckten Katalogen so gewesen, dass alle Produkthersteller versucht haben, in den Leistungsverzeichnissen ihren Text unterzubringen. Da war dann eben für ein bestimmtes Waschbecken die Farbe Lila-Pink-Orange definiert, und die konnte nur eine einzige Firma liefern. Für ein verantwortliches produktneutrales Planen habe ich mit digitalen Methoden ganz andere Möglichkeiten, um herauszufinden, ob das, was ich spezifiziere, auf dem Markt nur einmal oder mehrmals existiert.
Trotzdem ist es an einem bestimmten Punkt des Planungsprozesses ein großer Aufwand, die produktneutralen Daten mit den konkreten Herstellerangaben anzureichern.
Wir müssen konstatieren, dass wir heute ordentliche Häuser bauen, die wir aber ganz selten sauber dokumentieren. Bei der Komplexität¬ von Gebäuden ist ein Haus nach meiner Erwartung dann fertig, wenn es nicht nur gebaut wurde, sondern nutzbar ist, und zur Nutzbarkeit gehört eine saubere Beschreibung. Jedem Küchenmixer liegt ein Heft bei, in dem beschrieben wird, wie Sie Kuchenteig rühren und welche Gefahren es dabei für Ihre Finger gibt. Bei einem Gebäude bekommen Sie nichts. Da stimmt doch was nicht. Unsere Gebäude sind mindestens so komplex wie Küchenmixer, aber es gibt keine saubere Beschreibung dessen, was wir gebaut haben. Wenn man sich das mal klarmacht und den Nutzen in einem sauber dokumentierten Gebäude erkennt, der darin liegt, ein as-built-Modell zu haben, in dem die tatsächlichen Produkte enthalten sind, dann können wir diese Gebäude auch wirtschaftlich betreiben, die Anlagen klimagerecht einstellen und lange erhalten.
Es kann auch sein, dass das Einpflegen der Produktdaten schon im Bauprozess Mehrwerte produziert, weil ich die reale Geometrie habe und Konflikte erkenne. Das muss man sich im Prozess genauer ansehen, was wann von wem verlangt wird und wer davon etwas hat. Wenn Daten keinen Mehrwert bringen, sollten sie auch nicht eingepflegt werden.
Für die völlige Aufgabe der Produktneutralität plädieren Sie demnach nicht.
Das halte ich heute für noch unnötiger als in der Vergangenheit, vor allem, wenn es uns gelingt¬, im Markt der Bauprodukte Standards zu setzen, wie diese Bauprodukte deklariert werden.
Das müssen wir auch aus anderen Gründen. Wenn ich nur an das Thema Bauproduktenrecht denke, wo wir auch für die ordnungsrechtliche Seite die saubere Angabe von Eigenschaften brauchen, oder an Themen wie Nachhaltigkeit, Kosten, Terminimplikationen, Verfügbarkeit usw., wenn ich all diese Informationen strukturiert verfügbar habe, gibt es doch ganz andere Möglichkeiten, im Prozess der Planung eine wissende Auswahl von Produkten zu treffen. Zuerst generische Produkte, wo ich im Moment der Ausschreibung weiß, zu meiner Beschreibung gibt es einen Markt.
Bei denjenigen, die von vornherein für das Planen mit bestimmten Produkten plädieren und dafür das Thema Digitalisierung als Argument bringen, frage ich mich, welche Interessen dahinterstecken.
Der Mehraufwand für das Einpflegen der Produktdaten bleibt aber am Architekten hängen.
Es gibt immer wieder die These, BIM kostet mehr, und die Planer und Architekten müssten zusätzliche Honorare erhalten. Da sage ich ganz trocken: Das gleiche Produkt mit anderen Mitteln kann nicht mehr Honorar erfordern. Es gibt einen Werkvertrag. Wenn die Planer bei der Erfüllung des Werkvertrags durch BIM einen Rationalisierungseffekt haben, dann gönne ich ihnen diesen Vorteil. Wenn ein Planer einen anderen Weg wählt, kann er dafür kein zusätzliches Honorar beanspruchen. Wenn es jedoch darum geht, bestimmte Erwartungen und Anforderungen auf Seiten des Bauherrn zu erfüllen, die tatsächlich zusätzlich sind, dann muss man über gesonderte Vergütungen reden.
Stichwort Nachhaltigkeit: Obwohl die enorme Verschwendung der Bauindustrie von keiner Seite bestritten wird, ist eine Änderung nicht in Sicht. Wird das Bauministerium Rahmenbedingungen setzen, um die Verschwendung einzudämmen?
Für den Bundesbau haben wir festgelegt, dass wir alle Gebäude BNB-zertifizieren und mindestens den Standard Silber erreichen wollen. Die Instrumente, die wir dafür entwickelt haben, stellen wir den anderen öffentlichen Bauherren zur Verfügung. Hier steigen immer mehr Bundesländer und auch Kommunen ein. Wir müssen sicher verstärkt über eine sorgfältige Auswahl von Bauprodukten nachdenken, Stichwort Graue Energie, Stichwort Recycling. Das ist beim Bauen etwas anders als beispielsweise bei einem Kühlschrank. Die Lebensdauer eines Hauses ist viel länger, wobei man hier auch differenzieren muss. Die Lebensdauer des Rohbaus ist länger, die der TGA wesentlich kürzer.
Eine konkrete Vorgabe, wie hoch der Anteil recycelbaren Materials jedes neu gebaute Haus ab einem bestimmten Stichtag nachweisen muss, ist nicht vorgesehen?
Im Sinne des Ordnungsrechts derartiges allgemein vorzuschreiben, ist nicht unsere Zielrichtung.
Täuscht der Eindruck, dass beim Stufenplan des früheren Verkehrsministers Alexander Dobrindt zur Einführung von BIM die Euphorie verflogen und Stillstand eingekehrt ist?
Der Stufenplan ist ein Plan des Verkehrsministeriums für die Infrastruktur. Er beschreibt einen Bereich, in dem der Staat einen Marktanteil von ca. 90 Prozent hat. Da liegen andere Herausforderungen, es gibt andere Diskussionen, es sind weniger Gewerke beteiligt. Der Infrastrukturbereich ist nach meinem Eindruck nicht weniger schwierig, aber er ist anders. Das Verkehrsministerium pusht den Stufenplan massiv, was auch ein maßgeblicher Hintergrund für das BIM-Kompetenzzentrum ist. Hier sind wir mit dem Verkehrsministerium sehr eng verzahnt.
Welche Rolle spielt der Stufenplan für den Hochbau?
Als Vertreter des Hochbaus waren wir beim Stufenplan aufgrund unserer weitaus geringeren Marktstellung als öffentliche Hand und aufgrund der Aufstellung der Branche vorsichtiger. Wir hatten Sorge, dass wir Anforderungen in den Markt geben, für deren Erfüllung es nicht ausreichend Marktteilnehmer gibt. Bei der derzeitigen Auslastungssituation ist diese Sorge eher größer geworden. Wenn wir die Anforderungen zu sehr hochschrauben, haben wir vielleicht statt einem oder zwei Angeboten je Ausschreibung häufig kein Angebot mehr.
Aber betrachtet man die Zeit vom Start des Stufenplans bis heute, steht die Baubranche definitiv an einem anderen Punkt. Die Bundesarchitektenkammer, die Ingenieurkammern oder auch das Handwerk haben sich dem Thema BIM massiv genähert. Dort fragt kaum noch jemand nach dem OB, deren Mitglieder fragen vielmehr nach dem WIE. Wenn die öffentliche Hand in solch einen Markt Nachfrage bringt, dann trifft sie zwar auf eine überschaubare Anzahl von Marktteilnehmern, die bereits BIM-Erfahrung haben, aber auf eine große Anzahl, die wissen, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen müssen und wollen. Wenn sie einen Auftrag bekommen, der BIM erfordert, sind mehr und mehr Bieter bereit, sich darauf einzulassen.
Als Bundesbauministerium haben wir 2016 als deutliches Signal in den Markt festgelegt: Bei allen größeren Maßnahmen ist zu prüfen, ob sie BIM-fähig sind. Hier werden wir demnächst weitere Schritte gehen, weil wir den Markt inzwischen anders einschätzen. Dazu gehören das BIM-Kompetenzzentrum und die schrittweise Selbstqualifizierung des Bundes als Bauherren, der ja in der Lage sein muss, BIM-Leistungsbeschreibungen qualifiziert zu erstellen.
Sie meinen Projekte der öffentlichen Hand mit einem Bauvolumen über 5 Millionen Euro?
Ja, wobei wir bei den Themen Digitalisierung und BIM zu sehr über Großprojekte diskutieren. Wir haben 90 bis 95 Prozent der Bauaufträge des Bundes in kleinen Projekten oder im Bauunterhalt. Solange wir nur die Digitalisierung der Großprojekte erreichen, gibt es vielleicht das eine oder andere Projekt, das uns weniger Kopfschmerzen beschert, aber damit haben wir nicht die Branche digitalisiert.
Bisher konzentriert sich der Bund auf Pilotprojekte und Leuchttürme.
Es ist zu überlegen, ob man nicht stärker kleinere Baumaßnahmen in den Fokus rückt. Manchmal ist es gar nicht sinnvoll, Dinge, die schon hochkomplex sind, noch mit Zusatzfragen zu belasten.