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15.11.2019 | Jochen M. Wilms

Digitize or die!

Kolumne „Digitalisierung und Disruption“

„Eine Warnung an die Bau- und Immobilienwirtschaft“ – mit diesem Weckruf rüttelte Jochen M. Wilms auf dem Kongress Building Life 2019 die Teilnehmer wach.

Das Thema Digitalisierung bestimmt die tägliche Diskussion. Es gehört zur Tagesordnung, dass renommierte Unternehmen wie z. B. der Reiseveranstalter Thomas Cook von der Bildfläche verschwinden. Gleichzeitig werden die Schlagzeilen in den Finanznachrichten von Startup-Unternehmen wie Teamviewer dominiert, sogenannte Einhörner mit Unternehmensbewertungen in Milliardenhöhe. 400 Einhörner soll es weltweit geben, und jeden Monat kommen zurzeit mindestens zehn hinzu. Die Einhörner vermehren sich rasant, und ihre Positionierung und Größe wachsen gleichzeitig überproportional.

Keine Superplattform kommt aus Europa

Grundsätzlich haben digitale Unternehmen die Führung in wesentlichen Industriebereichen übernommen. Wenn die tradierten Unternehmen sich nicht mit aller Radikalität, Entschlossenheit und Konsequenz mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen, werden sie in kürzester Zeit keine Chance mehr haben. Die Olin School of Business prognostiziert, dass 40 Prozent aller heute führenden Unternehmen in zehn Jahren nicht mehr existieren werden.

Vor fünf Jahren hießen die wertvollsten Unternehmen der Welt Exxon oder Shell. Heute sind die Top Fünf-Unternehmen ausschließlich digitale Unternehmen. Die Vereinten Nationen haben mit dem Digital Economy Report 2019 erstmals eine umfassende Studie zum Internet und zur Digitalwirtschaft vorgestellt. Besorgniserregend: Die USA und China verfügen über 90 Prozent Marktanteil an der -digitalen Wertschöpfung. Es gibt sieben Superplattformen, keine davon kommt aus Europa: Microsoft, Apple, Amazon, Google, Facebook, Tencent, Alibaba.

Und was haben diese Unternehmen gemeinsam? Es sind Unternehmen, gegründet in der New Digital Economy, mit einer digitalen DNA, mit Plattform-basierten Geschäftsmodellen, die das Angebot und die Steuerung von Assets und Services auf eine radikale Art neu definieren und disruptiv am Markt durchgesetzt haben. Voraussetzung für die Entwicklung war eine einfache, performante und intuitive Nutzung mit mobilem Access zu Inhalten und Services durch entsprechende Technologien. Digital Devices wie iPhone, iPad oder Laptop werden durchschnittlich mehr als sechs Stunden am Tag benutzt.

In vielen wesentlichen Branchen werden wir mittlerweile von US-Unternehmen dominiert, und das mit einer Dramaturgie, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar erschien. Die Marktmacht von Amazon im Einzelhandel ist nur der Anfang! In den nächsten Jahren werden chinesische Plattformen in Europa, auch im Bereich der B2B-Industrien, ihren Markteintritt umsetzen.

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert

Was aber passiert bei den deutschen oder europäischen Unternehmen? Vereinzelt gibt es digitale Startups, die es geschafft haben, sich international zu behaupten. Oder das ein oder andere etablierte Old Economy Unternehmen, das den Move zu digitalen Geschäftsmodellen, zumindest die ersten Schritte, geschafft hat. Aber das ist die Ausnahme von der Regel.

Der Vergleich der digitalen Player in den USA, China und Europa bezüglich Größe und Potential zeigt, in welcher Abseitsposition sich die deutschen und europäischen Unternehmen wirklich befinden.

(Bild: Netzoekonom.de/Idee: Peter Evans)

Nur wer es versteht, Wertschöpfungsstufen übergreifende Plattformen aufzubauen oder diese für seine eigenen Zwecke nutzen kann, wird sich erfolgreich in der digitalen Welt behaupten.

(Bild: Dealroom.co)

Alles, was digitalisiert werden kann, jeder einzelne Prozess, wird in Zukunft von einem heute eventuell noch gar nicht existierenden Startup-Unternehmen über Wertschöpfungsstufen digitalisiert werden. Etablierte Unternehmen und etablierte Produkte und Services werden der Vergangenheit angehören.

(Bild: W Ventures GmbH)

Was ist der wesentliche Erfolgsfaktor der digitalen Transformation? Unternehmen müssen die Bereitschaft haben, ihre Assets in einen neuen Kontext zu stellen und in letzter Konsequenz bereit sein, das eigene Stammgeschäft über neue Venture Modelle anzugreifen. In Branchen wie E-Commerce und Media sind die Marktanteile schon an neue, digitale Player vergeben. Wer wird der Gewinner sein in den noch verbleibenden Industriebereichen, und insbesondere in der Bau- und Immobilienwirtschaft?

(Bild: Founderslane)

Bau- und Immobilienwirtschaft auf dem Abstiegsplatz

Und wo steht im Branchenvergleich die Bau- und Immobilienwirtschaft beim Thema Digitalisierung? In welcher Form arbeiten die führenden Unternehmen der Bauindustrie zusammen? Gar nicht. Keines der führenden Unternehmen beschäftigt sich übergreifend mit dem Thema Aufbau von überzeugenden Plattformen. Die Unternehmen sonnen sich in der derzeitigen Baukonjunktur und pflegen ihre Unternehmens- und Bereichssolitüden. Es fängt schon damit an, dass Bau- und Immobilienwirtschaft sich nicht als einen Industriebereich sehen. Die Themen Planung, Ausführung und Betrieb von Immobilien werden nicht gesamthaft und vernetzt gedacht. Die Bau- und Immobilienwirtschaft belegt im Vergleich zu fast allen anderen Industriebereichen einen Abstiegsplatz beim Thema Digitalisierung.

(Bild: McKinsey)

Genau diese digitale Unterentwicklung weckt die Begehrlichkeiten der großen digitalen Player. Amazon-, Alphabet-- und Apple-Vorstände sowie bedeutende digitale Investoren freuen sich über jeden digital unterentwickelten Bereich und werden in einem atemberaubenden Maßstab in Konstruktion und PropTech investieren. Auf der Suche nach digitalen Geschäftsideen analysieren kompetente Teams in den USA und China alle Kernprozesse in der europäischen Bau- und Immobilienwirtschaft. Die digitalen Player werden sich die Disruption der größten Industrie der Welt nicht entgehen lassen. Der Prozess ist in vollem Gange: Unternehmen wie z. B. Katerra in den USA definieren die Industrie, von der Planung bis zum Management aller Wertschöpfungsstufen, bereits heute neu.

(Bild:CB Insights)

Brandmelder als Trojanisches Pferd

Ein anderes Beispiel: Amazon hat, scheinbar ganz nebenbei, für rund eine Milliarde Dollar ein Unternehmen für Türöffnungsanlagen akquiriert. Oder Google, das mit Nest für mehrere Milliarden im Bereich Smart Home ein Unternehmen mit mittlerweile mehr als 1.000 Ingenieuren aufgebaut hat. Es ist naiv zu denken, dass es Google nur darum geht, ein paar Brandmelder zu verkaufen. Es sind Trojan Horses, die den Markteintritt in die Bau- und Immobilienwirtschaft ermöglichen sollen.
Wahrscheinlich haben wir in Europa den Kampf um das Internet schon verloren. Doch aufgrund der immer noch herausragenden Bedeutung der europäischen – und insbesondere der deutschen – Industrieunternehmen ist wahrscheinlich das Internet Of Things die große Chance zum Thema Digitalisierung der Bau- und Immobilienwirtschaft. Themen wie Energieeffizienz, intelligente, sich selbst steuernde Gebäudehüllen mit Weather Adaption und Geofencing auf Basis einer gewerkeübergreifenden, plattformbasierten Zusammenarbeit der führenden europäischen Unternehmen müssen massiv angegangen werden.

Europa ist zur Reaktion verdammt

It’s time to fight back. Es gibt keine digitale Strategie, sondern es gibt nur die richtige Strategie in einer digitalen Welt. Wenn die Bau- und Immobilienwirtschaft nicht jetzt anfängt, das Thema Digitalisierung mit einer vernetzten und überzeugenden Entschlossenheit anzugehen, wird es jemand anderes machen.

Der CEO von Caterpillar, Doug Oberhelman, hat es für sein Unternehmen auf den Punkt gebracht:
„Wir haben beschlossen, dass es vielleicht besser ist, uns selber zu disrupten. Bevor jemand anders uns ubert, ubern wir uns selbst“.

© sergej_nivens/stock.adobe.com
Autor

Jochen M. Wilms war zehn Jahre als Geschäftsführer in unterschiedlichen Bereichen für die Mediengruppe Bertelsmann tätig. Danach übernahm er als Geschäftsführer die wesentlichen Unternehmensbereiche der Schüco Gruppe in Bielefeld. Später arbeitete er auch beratend auf Vorstandsebene zusammen mit Unternehmen wie z. B. der Grohe AG und Bereichen der Lixil Gruppe (z. B. Permasteelisa, Gartner) in Tokyo. Er ist Chairman internationaler B2B- und B2C-Unternehmen in Europa und den USA und investierte mit seinem Unternehmen W Ventures GmbH in mehrere führende digitale Startup-Unternehmen mit Fokus auf Technologiethemen in Bereichen wie Robotics, Cyber Security, IOT sowie B2B und B2C E-Commerce. wventures.de

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