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24.05.2022 | Nina Rodde, Jakob Przybylo

Das Projekt als Firma auf Zeit

Wie in einem Unternehmen auf Zeit arbeiten hier alle am Projekt beteiligten Mitarbeitenden frühzeitig zusammen: Mit integrierter Projektabwicklung (IPA),Lean Management und BIM. Deutschlands erstes IPA-Projekt der öffentlichen Hand im Hochbau läuft in Bremerhaven.

BIM und damit das modellbasierte Arbeiten ist in Deutschland in aller Munde und wird zunehmend eingesetzt. Mehrwerte werden insbesondere durch eine erhöhte Transparenz, Kosten- und Planungssicherheit und eine Datengrundlage für weitere Prozesse wie zum Beispiel im Betrieb oder Recycling geboten.

BIM und damit das modellbasierte Arbeiten ist in Deutschland in aller Munde und wird zunehmend eingesetzt. Mehrwerte werden insbesondere durch eine erhöhte Transparenz, Kosten- und Planungssicherheit und eine Datengrundlage für weitere Prozesse wie zum Beispiel im Betrieb oder Recycling geboten.

Ein weiteres großes BIM-Versprechen gilt einer besseren Zusammenarbeit mit anderen Projektbeteiligten und der Nutzung entsprechender Synergien aus dieser Zusammenarbeit. Dabei ist BIM nicht innovativ. Die Methode implementiert lediglich den aktuellen technischen Status digitaler Planungsmethoden. Signifikante Vorteile ergeben sich vor allem in Verbindung mit integrierten Projektabwicklungen (IPA) und Lean Management.

Urheberrechte behindern beabsichtigte integrale Zusammenarbeit

In der praktischen Umsetzung ergeben sich durch die vielen bilateralen Vertragsverhältnisse in Bauprojekten komplexe Rechte-Systeme. Gerade Urheberrechte der Planer an unternehmenseigenen Daten wie Bauteilbibliotheken und Entwurfsinhalten stehen der beabsichtigten integralen Zusammenarbeit im Weg. Die Folge: Forderungen nach einer synergetischen Zusammenarbeit können nur bedingt erfüllt werden – und es bleibt bei tradierten Prozessen, die lediglich mit neuen Tools gelebt werden.

Mit LEAN ganzheitlichen Ansatz schaffen

LEAN ist ein Managementansatz, der den Kundenwert und die Prozessoptimierung bei zugleich optimierten Arbeitsbedingungen in den Vordergrund stellt. LEAN wird seit mehr als 50 Jahren weltweit insbesondere in der stationären Industrie angewandt. In deutschen Baufirmen werden die Werkzeuge meist solitär eingesetzt, um einzelne Probleme zu lösen. Dabei basiert die Lean-Philosophie auf einem ganzheitlichen Ansatz, um kontinuierliche Verbesserung nachhaltig zu erreichen.

Mit IPA gemeinsame Umgebung schaffen

IPA (Integrierte Projektallianz; Mehrparteienverträge) bringt die Projektbeteiligten als Partner in einem Vertrag von Beginn an in eine gemeinsame Umgebung. Alle Partner tragen gemeinsam die Verantwortung für das Gelingen des Projektes; sie gewinnen gemeinsam, wenn die Ziele übererfüllt werden, tragen aber auch alle Risiken gemeinsam.

Erst in einer solchen Kollaborationsumgebung können für die Zusammenarbeit alle Wege geöffnet werden. Denn hier sind die erforderlichen Parameter, wie Barrierefreiheit in Bezug auf Zugang zu Informationen und keine Abgrenzung zu Verantwortlichkeiten gegeben. Mit der entsprechenden Kultur besteht keine Angst vor Fehlern, der Fokus wird vielmehr auf das Finden von Lösungen gerichtet. Dabei kann das Know-how aller Beteiligten und insbesondere die frühzeitige Einbindung der Bauunternehmen genutzt werden. IPA bildet damit für die Zusammenarbeit und damit auch für BIM optimale Rahmenbedingungen.

Gemeinsames Unternehmen auf Zeit– Effekte beider Methoden

BIM und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit können bei einem IPA-Projektvorhaben in idealer Weise umgesetzt und gelebt werden. Beide Methoden fördern die Zusammenarbeit, unterstützen sich wechselseitig und ergeben entsprechende Synergieeffekte. Mit Hilfe von LEAN werden Redundanzen in den Prozessen vermieden, Mehrfachbearbeitungen obsolet, Fehlerund Mängel minimiert. Die gemeinsame Projektumgebung fördert darüber hinaus die Zusammenarbeit der Beteiligten, die Prozesse werden flüssiger bearbeitet und die Beteiligten lernen voneinander, so dass alle im Team profitieren.

Herzstück der integralen Zusammenarbeit ist ein anreizbasiertes Vergütungsmodell auf Basis der Selbstkostenerstattung bei Vereinbarung eines gemeinsamen Zielpreises in einer recht frühen Projektphase. Hierdurch gelingt es, die eigennutzenorientierten Verhaltensweisen zu unterbinden und eine Kultur zu etablieren, in der die Partner alle Aktivitäten auf das gemeinsame Projektziel ausrichten.

Reflexion aus der Praxis in Bremerhaven

Doch wie sieht es in der Praxis aus bzw. welche Synergien werden tatsächlich gewonnen? Neben zahlreichen Praxisprojekten arbeiten Lumico und DT BAU derzeit gemeinsam als IPA- und BIM-Coach am Projekt „Allianz 3 Schulen Bremerhaven”.

Die Stadt Bremerhaven errichtet in den kommenden Jahren in den Stadtteilen Lehe und Geestemünde drei neue Schulen als Grund- und Oberschulen: Zum einen steigen die Schülerzahlen und zum anderen besteht ein Rechtsanspruch für Grundschulkinder auf Ganztagsbetreuung ab 2026. Diese neuen Schulen bilden in zweierlei HinsichtLeuchtturmprojekte: Für die Pädagogik, mit Umsetzung des Konzeptes der Clusterschulen – und auch hinsichtlich der Planungs- und Bauphase.

So werden hier in allen drei Schulen die Lernanforderungen der Kinder optimal berücksichtigt. Es kommen individuelle pädagogische Konzepte zur Anwendung, die außerdem die ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit und die Einbindung ins Quartier berücksichtigen.

Und dort arbeiten die Auftraggeber, die Architekten und Fachplaner und die Bauunternehmen gemeinsam als Integrierte Projektallianz (IPA). Das Bauvorhaben ist damit das erste IPA-Projekt der öffentlichen Hand im Bereich des Hochbaus in Deutschland. Wie in einem „Unternehmen auf Zeit“ arbeiten alle am Projekt beteiligten Mitarbeitenden frühzeitig zusammen. Von der Projektidee an, über Unternehmensgrenzen hinweg als integrales Team und unter Anwendung von BIM- und LEAN-Methoden feilen alle Beteiligten gemeinsam an der besten Lösung.

Zwischenbilanz

Das Projekt befindet sich aktuell in der Entwurfsphase. Und die ersten Monate der Zusammenarbeit zeigen die folgenden Erkenntnisse:

Nicht reden – machen!

IPA/BIM/Lean liefert nicht nur Antworten. Zum Auftakt sind viele offene Fragen zu klären. Doch Verstehen und Lernen führen rasch zum Ziel.

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Bilder
Neue Grundschule Lehe, Bild: Allianz 3-Schulen Bremerhaven
© Allianz 3-Schulen Bremerhaven
Autoren

Dr.-Ing. Nina Rodde ist promovierte Bauingenieurin, Gründerin und CEO der Lumico GmbH. Aus ihrer Sicht bilden IPA, LEAN und BIM die optimale Projektabwicklungsumgebung für komplexe, risikobehaftete Projekte. Sie begleitet aktuell drei IPA-Pilotprojekte der öffentlichen Hand als IPA- und Lean- Coach. (Bild: privat)
lumico.net/


Dipl.-Ing. MAS CAAD (ETH), Arch. Jakob Przybylo ist CEO der DT BAU BIM-Beratung und unterstützt seit vielen Jahren Unternehmen bei der Digitalisierung mit dem Fokus auf BIM. Er verfügt über eine lange Erfahrung mit innovativen Projekten, Lean und IPA. Als Vorreiter ist er an vielen Publikationen und wesentlichen BIM-Gremien beteiligt. (Bild: privat)
bimberatung.com

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