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10.12.2020 | Till Kemper

BIM meets Lean Construction

BIM & Recht, Teil 16

BIM ist eine Planungsmethode, mit der die Produktivität gesteigert wird. Gleiches gilt für die Prozessmethode Lean Construction. Bei beiden Methoden gibt es in rechtlicher Hinsicht Ähnlichkeiten.

Einleitung

Es besteht Einigkeit darüber, dass Building Information¬ Modeling (BIM) eine Arbeitsmethode darstellt, die zur Produktivitätssteigerung für das Planen, Bauen und den Betrieb von Gebäuden dient. Die Wurzeln gehen zurück auf die digitalen Planungsprozesse aus der Automobilindustrie, in denen ein sehr hoher Wertschöpfungsgrad erreicht werden konnte. Mit der Planungsmethodik BIM geht das Bedürfnis und auch die Notwendigkeit von kooperativen Handlungsweisen einher. Gleichermaßen sind Transparenz und Kommunikation Wesensmerkmale eines BIM-Planungsprozesses.

Auf der Suche nach zusätzlicher Produktivitätssteigerung lieferte die Automobilindustrie weitere Ansätze. Im Hause Toyota wurde der Ansatz des Lean Managements geboren, der durch Womack und Jones in dem Buch „Die zweite Revolution der Automobilbranche“ verbreitet wurde. Infolgedessen kam es zur Anwendung auf unterschiedliche weitere Bereiche; im Bauwesen geschah dies unter dem Terminus Lean Construction (LC). Das Ziel besteht darin, die optimale Wertschöpfung für den Kunden zu erreichen. Dabei steht die Vermeidung von Verschwendung im zentralen Fokus der Betrachtung. Durch die Reduktion einzelner Verschwendungsarten wie Wartezeiten oder Nacharbeiten wird automatisch die Effizienz gesteigert (vgl. www.glci.de/grundlagen).

Wie auch in der VDI 2553, die für LC verfasst wurde, ausgeführt wird, bestehen Synergien zwischen den Methoden LC und BIM. Nach der VDI umfasst LC Ansätze zur nachhaltigen Wertschöpfung, Steigerung und Verschwendungsreduktion im Bauwesen. Die dazugehörige Projektumsetzungsstruktur basiert auf Transparenz und Zusammenarbeit, effizienzsteigernden Methoden und kontinuierlichen Verbesserungen und Lernen. Das sind Grundsätze, die auch dem BIM-Prozess gemein sind.

Der LC-Methode liegen u. a. folgende Prinzipien zu Grunde:

a) Kundenprinzip

LC ist auf die Erfüllung der Kundenwünsche bezüglich der Wertschöpfung aller Geschäftstätigkeiten ausgerichtet. Insoweit sind gerade typische Baumängel und Nachträge zu vermeiden.

b) Fließprinzip

Das Fließprinzip fordert einen durchgängigen Fluss von Ressourcen, Material und Informationen beim Planen und Bauen. Wie bei einer Fließbandproduktion sollen die Arbeitsabläufe Hand in Hand gehen, ohne dass es zu zeitlichen Verzögerungen kommt.

c) Pull-Prinzip

Nach dem Pull-Prinzip wird die Versorgung des Arbeitsgangs so organisiert, dass jeweils der nachgelagerte Arbeitsgang die für seine Tätigkeit notwendigen Mittel bei dem Vorgewerk in der nötigen Menge und zum benötigten Zeitpunkt abholt. Dies betrifft beispielsweise auch die Kopplung eines BIM-Modells mit dem Vorfertigungsprozess.

d) Taktprinzip

Nach dem Taktprinzip wird versucht, die Auslastung der jeweiligen Ressourcen sowie die Planungs- und Produktionsabläufe zu optimieren und jeglichen Zeitverlust zu vermeiden.

e) 0-Fehler-Prinzip

Nach dem 0-Fehler-Prinzip sollen nicht nur Fehler, sondern insbesondere die Verschleppung von Fehlern vermieden werden, so dass Arbeitsergebnis und Prozessqualität sichergestellt sind. Dies bedingt, dass eine gemeinschaftliche Behebung von Mängeln und deren Ursachen vollzogen werden.

f) Kontinuierliche Verbesserung

Das Prinzip der kontinuierlichen Verbesserung soll gewährleisten, dass im Bauprozess Fehler erkannt und aus diesen gelernt wird, so dass diese sich nicht fortsetzen. Es kommt somit zu einer Fehlerkultur, die Fehler als Chancen zur Verbesserung begreift.

g) Standardisierung

Gleichbleibende Prozesse sollen möglichst standardisiert und somit Routinen erzeugt werden, weil Routinen wenig Reibungsverluste mit sich bringen. Dies erfordert die eindeutige Beschreibung von Abläufen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten, so dass jeder weiß, wann er was zu tun hat.

h) Vermeidung von Verschwendung

Nach dem Prinzip der Vermeidung von Verschwendung sollen insbesondere aus Kundensicht lediglich Wertzuwächse, aber nicht Verminderungen im Bauprozess implementiert werden.

Rechtliche Einordnung

Die vertragliche Verankerung von LC ist rechtlich ähnlich einzuordnen wie die der BIM-Methodik. Das Bauvertrags- und Planervertragsrecht ist Werkvertragsrecht und daher stets auf einen mangelfreien Werkerfolg ausgerichtet. Die BIM- und LC-Methode betreffen jedoch den Weg zum Werkerfolg, der grundsätzlich dem Auftragnehmer überlassen bleibt.  

Wünscht der Auftraggeber eine bestimmte Planungsmethodik oder eben einen bestimmten Arbeitsprozess, so hat er die hierfür notwendigen Leistungsanforderungen vertraglich zu definieren. Für BIM geschieht dies u. a. über die Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA) und den BIM-Ablaufplan (BAP). Insbesondere die AIA werden zur Kalkulationsgrundlage für die Auftragnehmer, die aufgrund der AIA für sich ermitteln müssen, welchen Arbeitsaufwand sie als BIM-Manager, -Koordinatoren und -Autoren aufwenden müssen, um die BIM-Anforderungen des Auftraggebers zu erfüllen.

Zwar wird nach VDI 2553 für den LC-Prozess insbesondere das Vertragskonstrukt des Mehrparteienvertrages vorgeschlagen, um die kooperative Arbeitsweise zu fördern. Die Umsetzung kann jedoch auch mit Einzelverträgen erfolgen. Grundsätzlich ist dafür jedoch erforderlich, dass Auftraggeber die LC-Anforderungen (ALCA) sowie auch – in Analogie zum BIM-Prozess – ein LC-Ablaufplan (LCAP) vertraglich definiert.

Gleichermaßen wäre darüber nachzudenken, auch Lean-Construction-BVB (Besondere Vertragsbedingungen) aufzusetzen. Denn ähnlich wie beim BIM-Prozess wird sich ergeben, dass insbesondere Mängel im LC-Prozess über das übliche BGB-Werkvertragsrecht aufgrund des Bezugs zum Werkerfolg nicht hinreichend geregelt sind. Es kommt vielmehr darauf an, Fehler bereits im Prozess zu erkennen und zu beheben und nicht erst, wenn sich ein Fehler im Werkerfolg realisiert hat; im letzteren Fall wäre nur noch eine Schadensersatzdiskussion eröffnet.

In den ALCA wäre dann zu regeln, welche konkreten Ziele der Auftraggeber mit dem LC-Prozess verfolgt. Insbesondere wären hier die Prozess- und personellen Anforderungen zu definieren, weil mit der Umsetzung des LC-Prozesses bestimmte personelle Verfügbarkeiten von hinreichend qualifizierten Personen erforderlich werden, die in jedem Fall kalkulationsrelevant sind. Diese kann nicht jeder Auftragnehmer vorhalten. Gleichermaßen sind für die digitalen Arbeitsplattformen, die üblicherweise zum Einsatz kommen, die Anforderungen zu regeln. Auch dies ist vom Auftragnehmer mit einzukalkulieren. Sind die ALCA nicht hinreichend definiert, kann es zu Nachtragsforderungen kommen, wie es sich in praxi bereits gezeigt hat.

Fazit

Um die Optimierungspotenziale von BIM zu heben, ist es sinnvoll, die BIM-Methode mit der LC-Methode zu kombinieren. Die Regelungstechnik ist ähnlich. Wie beim BIM-Prozess ist auch hier zu erwägen, ob weitere Leistungsbilder zu regeln sind (z. B. Lean-Construction-Manager). Bereits im Vergabeprozess ist darauf zu achten, dass die Lean-Construction-Anforderungen vom Auftraggeber in die Vertragsgestaltung mit einbezogen werden.

© OpturaDesign/stock.adobe.com
Autor

Dr. Till Kemper M. A. ist als Rechtsanwalt bei HFK Rechtanwälte und Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht, Vergabe- und Verwaltungsrecht spezialisiert auf die Implementierung von BIM, Lean Construction und Smart-Living-Lösungen in der Projektentwicklung. hfk.de

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