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Jens Frantzen, Text Appeal

„BIM macht uns wieder zum Baumeister“

RKW Architektur + ist im Jahr 2015 systematisch ins Thema BIM eingestiegen. Heute zeichnet sich ab, dass der Zeitpunkt genau richtig war. Was ist inzwischen in Sachen BIM passiert?

Willkommen im Alltag! Die unaufgeregte Feststellung, dass Building Information Modeling (BIM) inzwischen im produktiven Regelbetrieb von RKW Architektur + angekommen ist, ist eine der zentralen Erkenntnisse der Rückschau auf das Jahr 2017. „Mit dem Ende des Jahres schließen wir auch unsere letzten Pilotprojekte ab“, sagt IT-Leiter Thomas Weber, der die Einführungsphase von BIM bei RKW organisiert hat. „Viele Gruppen im Haus haben längst mit dem geregelten Produktivbetrieb begonnen.“
Wobei sich der Begriff des Pilotprojekts nicht auf die Projekte bezieht, sondern eher auf die Teams und internen Strukturen. „Wir haben verschiedene Fragen geklärt, so etwa, wie die Teams zusammengesetzt sein müssen und wie sie betreut werden“, erzählt BIM-Manager Ralf Wetzel. Hierfür wurde auf das Konzept der Verselbständigung gesetzt. So erhielten die einzelnen Teams sehr eng gestrickte Hilfen, die dann mit fortschreitendem Verlauf reduziert wurden. Gleichzeitig waren die Mitarbeiter motiviert, sich die entsprechenden Fertigkeiten anzueignen.

Konsolidierung – innen wie außen

Begonnen hatte der Weg zur neuen Planungsmethode schon viel früher. Gesellschafter Matthias Pfeifer: „Bei unseren Industrieplanungen haben wir schon vor etlichen Jahren Frühformen von BIM angewandt und erste Erfahrungen gesammelt. 2015 sind wir dann mit unseren Pilotprojekten in die Breite gegangen. Die Anforderung wurde uns nicht von außen gestellt – wir selbst wollten das schaffen und haben es auch geschafft.“ Aus dem anfänglichen Experimentieren sind inzwischen konsolidierte Strukturen geworden, auch personell wurden die zentralen Verantwortlichkeiten klar zugewiesen. Um eine möglichst breite Basis zu erhalten, wurden Beteiligte aus den unterschiedlichen Bereichen geschult, und die Mitarbeiter mit den tiefsten Erfahrungen in Revit wurden zu BIM-Koordinatoren gemacht. Mit diesem Schritt wendet sich RKW auch nach außen, stellt Ansprechpartner zur Verfügung.

Und langsam kommen auch dezidiertere Anfragen aus dem Markt. So heißt es nicht mehr „Arbeitet ihr schon mit BIM?“ sondern eher „Wer ist euer BIM-Koordinator, welche Erfahrungswerte habt ihr?“ Wenn auch manche Auftraggeber noch keine genauen Vorstellungen haben, was sie wollen – das Bewusstsein ist da. Der Markt weiß Bescheid. Dieses initiale Interesse führt dann zu einem ganz ursprünglichen Aspekt von BIM, nämlich seiner Offenheit und Individualität. Dazu erklärt Gregor Kastner, Spezialist für BIM-Prozesse: „Bauherren kommen auf uns zu und fragen ‚Was für ein BIM brauchen wir denn?’. Wir entwerfen dann gemeinsam ein Szenario, das digital abgewickelt wird. Für uns als Architekten ist das ein ganz anderer Beratungsauftrag.“

Kompetenzentwicklung auch von unten

Parallel zu den konsolidierten Strukturen entwickeln sich auch Kompetenz und Erfahrung im Haus. Dabei kommt dem Büro seine Größe zugute. Dank aktuell 27 laufenden oder bereits abgeschlossenen Projekten mit BIM auf unterschiedlichsten Niveaus kann der Erfahrungsschatz extrem schnell wachsen – und damit auch die Fähigkeiten. Dazu Matthias Pfeifer: „Der Prozess der Kompetenzentwicklung passiert inzwischen nicht mehr Top-down, also von oben herab, sondern im Gegenteil Bottom-up, direkt aus den Abteilungen, von den Menschen, die direkt damit arbeiten.“ Hierfür wurden eigene Prozesse und Kommunikationstools entwickelt, etwa die regelmäßigen BIM-Runden. Sie stellen ein Forum dar, in dem gute Ideen weitertransportiert werden, als systematisierter interner Wissenstransfer. Geleitet werden diese Runden von Cornelia Kratsch: „Wir treffen uns monatlich zum Erfahrungsaustausch der Revit-Beauftragten aus jeder Abteilung. Die Protokolle sind dann der ganzen Belegschaft zugänglich.“

Excel, das Power-Tool

Entgegen dem weitverbreiteten Glauben, dass es sich bei BIM um eine fertige Lösung mit bestimmten Funktionen handelt, ist BIM viel mehr. BIM-Manager Ralf Wetzel: „Viele denken bei BIM nur an die praktische Kollisionsprüfung. Die ist natürlich toll, aber BIM ist so viel mehr. Es ist offen und bietet sich für eigene Entwicklungen an.“ Eben auch die Verbindung mit anderen Tools, wie etwa dem altbekannten Microsoft Excel.

„Denn Excel ist ein flexibles und mächtiges Werkzeug, wenn man es auf High-End-Niveau anwendet“, ergänzt Gregor Kastner, „An BIM angebunden, lassen sich Daten aus den Modellen ziehen und sie in Tabellen auswerten.“  Ein Beispiel dafür ist die unter Architekten mitunter „gefürchtete“ Türliste, die für die Bestellungen von Türen genutzt wird und sich durch extrem viele verschiedene Parameter auszeichnet. Dank der Verbindung BIM-Excel können nun alle Änderungen von Parametern sicher übertragen werden. „BIM unterstützt uns sehr bei Routinetätigkeiten und verhindert Übertragungsfehler. Vollautomatische Prozesse gibt es aber nicht. Immer ist auch die Plausibilitätsprüfung des erfahrenen Architekten nötig. Wer den Computer einschaltet, soll nicht den Kopf ausschalten“, ergänzt Matthias Pfeifer.

„Auch das ist ein Ausdruck von BIM“, so Thomas Weber, „Man hat eben nicht nur eine 3D-Geometrie zur Verfügung, sondern wertvolle Daten.“ Mit welchen Werkzeugen man diese Daten bearbeitet, spielt eine untergeordnete Rolle. Der Einsatz von Excel mit seinen intelligenten Templates und vielen Verknüpfungen, ist dafür ein Musterbeispiel und wird bei RKW intern geschult. Cornelia Kratsch erklärt: „Dafür gibt es einerseits Basisschulungen, andererseits auch Schulungen für Fortgeschrittene, bei denen auch die Modifikation und projektbezogene Funktionsanpassungen vermittelt werden. So können wir uns unterschiedlichsten Anforderungen der Bauherrn sehr flexibel anpassen.“

Die Menge der Möglichkeiten von BIM macht einen großen Reiz der Methode aus. Man kann selbst bestimmen, wie weit man gehen will, heute oder morgen. „Es gibt eben nicht nur ein BIM, sondern viele. Das ist auch gut so, so können wir uns unterschiedlichen Situationen anpassen“, sagt Gesellschafter Matthias Pfeifer.

Normen? Ja, aber bitte richtig

Die Offenheit und die Differenzierungsmöglichkeiten von BIM sind eine bei RKW explizit geschätzte Qualität. „Das ist auch der Grund warum ich mich in verschiedenen Gremien, etwa über die AKNW, engagiere“, so Matthias Pfeifer. „Denn wir sprechen uns natürlich für eine gewisse Normierung aus, aber die geplante ISO 19650 sollte das Ganze in zu starre Rahmen pressen. Wir wollen Kontrolle über die Technik haben, nicht dass die Technik sie über uns hat.“ Nach Ansicht des gesamten BIM-Teams ist es sinnvoller, die Begriffe und nicht die Prozesse zu normieren.

Hintergrund dieses Wunsches ist unter anderem die vertragliche Situation der hiesigen Architekten, auch im internationalen Vergleich. „Als deutsche Architekten schulden wir gemäß Werkvertragsrecht unserem Auftraggeber ein Werk, und dabei ist weitgehend freigestellt, wie wir dieses Werk verrichten“ erklärt Pfeifer. Gerade im anglo-amerikanischen Raum sieht das anders aus. Dort schuldet der Architekt nach dem Dienstvertragsrecht eine Dienstleistung, etwa ein Set von Zeichnungen, die auch genau beschrieben sind. Dementsprechend ist dort auch eine Normierung von Prozessen logischer.

Hierzulande ist mehr Prozessoffenheit nötig, auch im Hinblick auf die Ergebnisqualität, findet BIM-Manager Ralf Wetzel. „Um zum besten Ergebnis zu kommen, muss doch der Weg dahin so frei wie möglich sein“, sagt er. Eine Perspektive, die viele andere Architekten und ihre Kammern teilten. Den Wunsch nach offenen Standards konnte RKW durch Matthias Pfeifer über die Architektenkammer Nordrhein – Westfalen (AKNW) stark vertreten, auch die Bundesarchitektenkammer hat diese Position von Nordrhein-Westfalen übernommen. So hat RKW Architektur + die Normenvorlage kommentiert und zu einer Überarbeitung beigetragen. Auch an der Veröffentlichung „BIM für Architekten“ der Bundesarchitektenkammer hat Matthias Pfeifer mitgeschrieben, um auf der Ebene der Planerverträge mehr Klarheit in Bezug auf BIM zu schaffen.

Zukunftsthema Facility Management   

Zukünftig wird BIM noch weitere Bereiche der Bauwirtschaft erreichen, etwa das Facility Management. Dafür können die 3D-Planungsmodelle zu sogenannten As-built-Modellen erweitert werden. Diese enthalten noch mehr Informationen als der Architekt werkvertraglich für die Planung des Hauses schuldet, beispielsweise exakte Angaben zur verbauten Technik, was für Wartung und Austausch interessant ist. Eine wichtige Frage ist hier die der angemessenen Detailtiefe. „Wenn im Modell jede Schraube beschrieben und verzeichnet wird, würde das schon die Computerhardware vor Kapazitätsprobleme stellen und einen gewaltigen Arbeitsaufwand von zweifelhaftem Wert bedeuten“, so Thomas Weber. Die Weiterentwicklung und Pflege dieser Modelle könnte aber in jedem Fall auch eine Kompetenz von Architekten sein – wenn sie denn entsprechend honoriert wird.

So bleibt die einfache Frage, „Wer macht warum BIM?“ spannend. Die Architekten genießen die planerischen Vorteile, etwa die größere Geschwindigkeit, die einfachere Koordination mit den Fachingenieuren oder die Fehlervermeidung. „Die Bauherren hingegen – bei allem exponentiell wachsenden Interesse – wissen es immer noch nicht genau. Oft interessiert ja nur als Ergebnis, das Gebäude. Noch ist nicht genau klar, welche Daten in welcher Form für den Betrieb von Häusern benötigt werden. Wenn das mal richtig läuft, können die Eigentümer daraus Nutzen ziehen“ prognostiziert Matthias Pfeifer. Und Gregor Kastner ergänzt: „Die Digitalisierung in technischen als auch gesellschaftlichen Bereichen schreitet immer weiter fort. Die Vernetzung von Mensch, Technik und Gebäuden wird immer weiter zunehmen. Daher widmen wir uns schon jetzt intensiv den facettenreichen Themen, die unter anderem mit den Herausforderungen des „BIM-FM“ auf uns zukommen, und werden hierzu die jeweils passenden Prozesse entwickeln“.

Fazit: Zur besten Zeit

Rückblickend lässt sich festhalten: RKW Architektur + ist 2015 zum richtigen Moment ins Thema BIM eingestiegen. Die seitdem gesammelte Erfahrung aus einer Vielzahl von Projekten und die konsolidierten Strukturen ermöglichen dem Büro eine gefestigte Position, die nun auch in den offiziellen Kanälen, etwa in der Kammerarbeit oder bei der Normierung Rückhalt verleiht.

Eine Herausforderung für das nächste Jahr wird die noch stärkere Anbindung des Baumanagements sein, für die unter anderem auch neue Softwarewerkzeuge nötig sind, um einen konkreteren Anschluss an Revit zu erreichen. Auch organisatorisch werden die beiden Gruppen innerhalb des noch Hauses enger zusammenarbeiten. Eine weitere Verstärkung der Arbeit mit Virtual Reality-Systemen und anderen Zukunftstechnologien wird vorangetrieben.

Doch bei aller Zukunftsmusik ist BIM auf einer berufsphilosophischen Ebene auch eine Rückbesinnung: „Der Architekt wird wieder zum Baumeister, bei dem alles zusammenläuft. Er ist der Systemführer des Bauens, derjenige, der Klarheit herstellt“, so Matthias Pfeifer. Und ist BIM nun die Revolution? Nein, sagt der Gesellschafter. „Es wird ja nicht alles anders. BIM lässt sich gut in unsere bestehende Welt integrieren, in die HOAI und in die Vergabesysteme. Es ist keine Revolution –¬ aber eine sehr starke Evolutionsbewegung.“

 

Bilder
Gregor Kastner (Assoziierter, RKW Architektur +) Bild: Marcus Pietrek
Cornelia Kratsch (BIM-Koordination), Matthias Pfeifer (geschäftsführender Gesellschafter), Ralf Wetzel (BIM-Koordination, alle RKW Architektur +) Bild: Marcus Pietrek
Jürgen Resch (Assoziierter Partner, RKW Architektur +) Bild: Marcus Pietrek
© Marcus Pietrek
Stephan von Ostau (BIM-Koordination, RKW Architektur +)
Autor

RKW Architektur + ist seit 65 Jahren prägend an der Entwicklung zeitgenössischer Wohn- und Arbeitswelten beteiligt. 1950 von Helmut Rhode in Düsseldorf gegründet, wird das Büro heute von einer Generationen übergreifenden Gemeinschaft aus neun Gesellschaftern geleitet. Von fünf innerdeutschen Standorten aus – dem Hauptsitz in Düsseldorf sowie Büros in Berlin, Leipzig, München und Münster – agiert das Büro weltweit.

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