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Jürgen Winkler

„BIM ist in Deutschland angekommen“

Architekt Emanuel Homann über seine Erfahrungen mit BIM

Unter deutschen Architekten herrschte 2008 keine BIM-Euphorie. Einer der wenigen, die sich frühzeitig für BIM interessierten, war Emanuel Homann. In Build-Ing. berichtet der Architekt über Aufwand, Kosten, HOAI, IFC – und die Vorteile von BIM.

Am Anfang war der Großauftrag

2008 waren wir nur zwei oder drei Mitarbeiter. Wir haben mit AutoCAD in 2D gezeichnet und mussten ein großes Projekt stemmen. Mir war klar, dass ich auf diese Weise den Bauantrag nicht rechtzeitig fertigstellen kann. Ich brauchte ein System, mit dem ich das Gebäude relativ schnell mit einer Objektbibliothek durchgezeichnet bekam. Deshalb entschied ich mich, eine Revit-Lizenz zu kaufen. Das führte dazu, dass ich in der Erstellung der Planunterlagen deutlich schneller war.

Daraufhin haben wir alle größeren Projekte ab 1,5 bis 2 Millionen Euro mit Revit gezeichnet. Das brachte für uns nicht nur eine große Zeitersparnis, sondern auch neue 3D-Darstellungsmethoden für den Bauherren.

BIM Schritt für Schritt anwenden

Building Information Modeling umfasst viele Punkte. Deshalb begannen wir stufenweise. Ab 2008 zeichneten wir mit der BIM-fähigen Software die Entwurfsplanung und den Bauantrag. Danach gingen wir in die Ausführungsplanung. Als nächster Schritt wird die Automatisierung der Ausschreibung und Kostenermittlung folgen.

Ich glaube, dass dieser Weg für alle, die mit BIM starten wollen, der richtige ist: Nicht auf einen Schlag alles auf einmal beginnen, sondern den Prozess stufenweise vorantreiben. In der ersten Stufe beginnt man mit dem 3D-Modell. Dabei muss klar sein, ob BIM nur für Entwurf und Bauantrag eingesetzt oder bis zur Ausführungs-, Kosten- und Terminplanung durchgezogen werden soll.

Man kann das an der HOAI festmachen. Schritt 1: Entwurfsplanung und Bauantragsplanung, Schritt 2:  Ausführungsplanung, Schritt 3: Kosten und Termine bis zur Vergabe.

Vorteil BIM beim Recruiting

Am Anfang wählten wir für BIM die Mitarbeiter aus, die Interesse zeigten und gewisse Vorkenntnisse hatten. Die wichtigste Vorkenntnis war damals die Fähigkeit, in 3D zeichnen zu können. Alles weitere haben wir den Mitarbeitern durch Schulungen und Tutorials vermittelt.

Das wir mit BIM arbeiten, ist inzwischen unser größter Vorteil beim Recruiting. Die Bewerber kommen zu uns, weil wir den BIM-Prozess praktizieren. Wie haben deshalb kein Problem, offene Stellen zu besetzen.

BIM auch für kleinere Projekte

Wir planen nicht nur Großprojekte mit BIM. Auch ein Einfamilienhaus kann sich als BIM-Objekt eignen. Jeder Bauherr sieht ja immer sein Projekt als das wichtigste an. Deshalb würde ich das nicht beschränken und sagen, erst ab 10 Millionen Euro ist BIM sinnvoll. Es ist ja immer gut, ein Projekt transparent zu machen. Man muss nur in den Auftraggeber-Informations-Anforderungen genau festlegen, in welcher Tiefe und in welchem Umfang der Prozess stattfinden soll.

BIM im Büroalltag: Mehr Aufwand, mehr Nutzen

Im Moment benötigen wir tatsächlich mehr Zeit, um die Prozesse einzustellen und die Prozessoptimierung im Büro zu organisieren. Aber ich sehe einen großen Vorteil: Ich betreibe die Datei- und Informationsablage an einer Stelle und nicht, wie bisher, in vielen Protokollen. Ich habe nur noch ein Modell, in dem ich alles ablege, und sehe den Informationsfluss deutlich einfacher.

Teure Software schreckt ab

2008 lag die Preisspanne zwischen AutoCAD LT und Revit bei ca. 6.000 Euro pro Lizenz. Damals haben wir unsere erste Revit-Lizenz gekauft und mussten immer weiter aufstocken. Heute kann man die Software nur noch leasen, aber auch beim Leasing sind die Kosten meines Erachtens deutlich überhöht. Wir zahlen zur Zeit ca. 3.000 Euro pro Jahr und Arbeitsplatz. Wenn wir am Jahresbeginn sechs Lizenzen bezahlen müssen, ist das schon ein großer Kostenfaktor, zumal das nicht die einzige Software ist, die wir nutzen.

Das ist auch ein Grund, warum viele Büros davor zurückschrecken, ihre Arbeit auf BIM umzustellen. Wenn ein Architekt 60 Jahre alt ist, wird er sich fragen, ob es sich für ihn lohnt, kurz vor dem Ruhestand noch mal viel Geld in neue Software und die Schulung seiner Mitarbeiter zu investieren. Deshalb kann ich verstehen, dass bei manchen alteingesessenen Büros eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber BIM existiert.

Mehr Honorar für BIM?

Bei der Honorierung ändert sich die Leistung nicht. Der Architekt schuldet dem Bauherren nach wie vor das fertige Bauwerk, egal ob es mit oder ohne BIM geplant wird. Deshalb sehe ich im Moment nicht, dass ich für BIM mehr Geld bekomme.

Ich vergleiche die BIM-Methodik immer mit einem Zimmermann. Wir reden jetzt über den Hammer des Zimmermanns. Würde der Zimmermann einen Bauherren überzeugen können, ihm einen neuen Hammer zu kaufen oder mehr Geld für seinen Dachstuhl zu bezahlen, nur weil er einen besseren Hammer benutzt?

Man kann natürlich fragen, ob die Vergütung gemäß HOAI für die BIM-Planungsmethode angemessen ist, oder ob die HOAI in ihrer Höhe angepasst werden muss. Darüber werden wir diskutieren, wenn die HOAI weiterhin Bestand hat. Sie wird ja im Moment von der EU mit einer Klage gegen Deutschland angegriffen. Sollte das Gericht die HOAI kippen, muss man als Architekt sowieso frei kalkulieren. Dann wird sich die Honorierung von BIM-Leistungen relativ schnell einpendeln.

Nicht jeder Bauherr wünscht BIM

Wenn wir ein Projekt erhalten, bei dem vorher nicht über die Planungsmethode gesprochen wurde, beraten wir den Bauherren, klären ihn über BIM auf und holen auch die Fachplaner dazu. Oft sagt der Bauherr, es interessiere ihn nicht, wie wir arbeiten, und auch die Fachplanung solle möglichst wirtschaftlich vergeben werden. Er will nur das fertige Gebäude sehen.

Andere Bauherren beauftragen uns aber gerade deshalb, weil sie mit der BIM-Planungsmethode arbeiten möchten. Mir sind beide Bauherren recht, denn wir müssen auch an unsere Wirtschaftlichkeit denken. Nicht jedes Haus muss ein BIM-Pilotprojekt werden.

Problem Schnittstelle: IFC nur bedingt geeignet

Wir werden in einigen Fällen ausschließlich mit der Ausführungsplanung und der Baustelle beauftragt. Es gibt also jemand, der vor uns einen Entwurf angefertigt hat. Der Entwurf ist schon in 3D durchgezeichnet oder modelliert, beispielsweise mit ArchiCAD, und wird uns per IFC übergeben. Das IFC-Modell lässt sich aber nicht so einlesen, dass wir es vollständig weiterverwenden können, egal welche Exportfunktionen man wählt. Wir können alles sehen, aber nicht bearbeiten. Das 3D-Modell muss deshalb von uns neu gezeichnet werden, um daraus die Ausführungsplanung zu generieren.

Bei Fachplanern kommen wir in vielen Fällen mit den IFC-Modellen sehr gut zurecht, weil wir hier nur die visuelle Darstellung benötigen. Die parametrische Darstellung wird durch das Facility-Management oder den Bauherren weiter genutzt und findet in anderen Programmen statt. Deshalb ist der Datenaustausch für mich in den Fällen, in denen wir auf ein bestehendes 3D-Modell aufsatteln müssen, mit deutlich mehr Problemen behaftet.

Das IFC-Format funktioniert sehr gut bei der Visualisierung oder dem gemeinsamen Koordinationsmodell von Objekten. Zur Nachnutzung und tatsächlichen Weiterbearbeitung eines Objektes ist IFC nicht geeignet.

Mehr Investitionen in Software

Für uns wäre es optimal, Daten nur im Revit-Format zu erhalten. Weil das nicht realisierbar ist, wird die Lösung für uns darin bestehen, ein zusätzliches Programm wie ArchiCAD oder Nemetschek zu lizenzieren. Wir werden dann die Daten nicht im IFC-Standard, sondern im ArchiCAD- oder Nemetschek-Format übergeben. Nur so können wir die Daten mit den Kollegen ohne Informationsverluste austauschen.

Pionierarbeit für BIM

Wir gehören wohl zu den drei Prozent der deutschen Büros, die BIM vorantreiben. Das hat auch damit zu tun, dass wir ein junges Unternehmen sind mit jungen Mitarbeitern, die den BIM-Prozess beschleunigen. Anderseits wird BIM häufig falsch verstanden. Nicht jeder, der eine BIM-fähige Software nutzt, arbeitet so, wie es für die BIM-Planungsmethode notwendig ist.

BIM freiwillig oder per Gesetz?

Auch ohne die angekündigten BIM-Vorschriften des Bundes oder der Länder wird es einen Schub geben. Alle Architekten und Planer, die für die öffentliche Hand arbeiten, müssen BIM-Referenzen vorweisen und sich vorab in die BIM-Thematik eingearbeitet haben. Man kann als Architekt oder Planer nicht sagen, ab heute mache ich BIM, und dann klappt alles.

Ich gehe deshalb davon aus, dass die Umstellung auf BIM vor einer gesetzlichen Regelung erfolgen wird. Auch deshalb, weil private Bauherren viel früher BIM als Planungsmethode fordern werden. Bei ihnen kann die Prozessumstellung deutlich schneller stattfinden als bei öffentlichen Auftraggebern.

BIM und dreistufiger Vertrieb

Bei der Frage, ob BIM den dreistufigen Vertrieb in Deutschland überflüssig machen wird, muss man differenzieren: Liegt es an der BIM-Methodik oder an anderen Marktmechanismen? Kann sich der dreistufige Vertrieb dauerhaft gegenüber Onlinehändlern wie Amazon oder Reuter durchsetzen?

Das würde ich nicht an BIM festmachen. Wir brauchen die Handwerker mehr denn je. Sie sind zur Zeit das Nadelöhr am Bau. Wenn wir nicht verstehen, dass wir das Handwerk stärken und junge Leute motivieren müssen, einen Handwerksberuf zu erlernen, dann wird der Bau stillstehen. Wie sich aber das Vertragsverhältnis zwischen Handwerk und Industrie gestaltet, ist von der Planungsmethode unabhängig.

Prognose für Deutschland

Für 20 Prozent des Marktest wird der BIM-Weg bereits ab ca. 2020 vorgeschrieben. Das sind die Aufträge der öffentlichen Hand. Auf Fachmessen wie der Expo Real erlebt man, dass auch das Interesse der privaten Bauherren an BIM steigt. Ich vermute, dass sich BIM im privat finanzierten Bau sehr schnell durchsetzen wird.

Unser Büro wird von zahlreichen Generalunternehmern Deutschlands angesprochen, um ihnen bei BIM zu helfen. Auch Industriebetriebe und Verlage fragen uns, wie sie die Daten zur Verfügung stellen sollen. Alle wollen kurzfristig mit BIM arbeiten.

Selbst mittlere Handwerksbetriebe mit 30-60 Mitarbeitern bitten uns um Hilfe. Sie haben die Software gekauft und möchten lernen, wie sie damit umgehen sollen. Sie wissen, dass ihr Handwerksbetrieb mit BIM produktiver und kompetenter wird.

Auch die Softwarehersteller berichten von einer großen Nachfrage und einem steigenden Schulungsbedarf im Bereich der Fachplanung. Das Thema BIM ist in Deutschland angekommen.

Autor

Dipl.-Ing. Architekt Emanuel Homann studierte von 2000 bis 2007 an den TU Braunschweig und Darmstadt. Von 2003 bis 2008 Mitarbeit in den Architekturbüros Steffen + Peter (Frankfurt am Main), Theiss (Frankfurt am Main), von Gerkan, Mark & Partner (Frankfurt am Main/Berlin). 2008 Mitarbeit bei Homann Architekten, 2016 Gründung Homann Architekten PartGmbB. 2014 bis 2016 Masterstudium an der Uni Marburg „Baurecht und Baubegleitung – von der Projektentwicklung bis zur Streitbeilegung (LL. M.).“ Sonderqualifikation SiGe-Koordinator.

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