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Tim Westphal

BIM braucht Praxis

BIM-Erfahrungsbericht

Die ARP ArchitektenPartnerschaft aus Stuttgart plant seit Jahren mit BIM. Ihre Erkenntnis: Ein bisschen BIM gibt es nicht. Die BIM-Methodik erleichtert die Projektarbeit und verbessert die Arbeitsprozesse – wenn man sie täglich nutzt.

Immer mehr Architektur- und Planungsbüros erkennen das Potenzial, das die digitale Planung und die Arbeit mit der BIM-Methode bietet. Oft sind es die Geschäftsführer oder Partner in den Büros, die sich intensiv damit auseinandersetzen – weil BIM in einem Projekt gefordert wird oder das Büro auf den digitalen Wandel im Bauwesen vorbereitet sein soll. Das ist sowohl weitblickend wie notwendig, denn diese Entwicklung wird sich weder aufhalten noch verlangsamen lassen.

BIM muss sich entwickeln können

Bei der ARP ArchitektenPartnerschaft aus Stuttgart war der Weg besonders. Nicht nur die Geschäftsleitung, auch die Mitarbeiter wollten das digitale Planen stärker verankern. Ein erstes Pilotprojekt 2015, in letzter Konsequenz noch nicht durchgehend mit BIM realisiert, machte Mut für Folgeprojekte. Inzwischen wird jedes neue Bauvorhaben in 3D aufgesetzt, die Bauteile mit Attributen versehen – und wenn machbar, die Fachplanungen der Projektingenieure für ELT, TGA und HKLS oder Statik in das Modell eingebunden.

Setzt man den Maßstab bei der Kollaboration und beim fachplanerübergreifenden, interdisziplinären Austausch von Planungsinformationen an, leben ARP die BIM-Methode bereits seit vielen Jahren. Mit der Einschränkung, dass ihre Planungspartner oft noch nicht so weit sind, die Teilplanungen passend für ein digitales Gebäudemodell aufzubereiten.

Das Büro mit seinen etwa 75 Mitarbeitern existiert bereits seit 1970. „Wir haben zum Teil Kollegen mit langjähriger Betriebszugehörigkeit in den Teams, die zwischen 25 und 65 Jahre alt sind. Das bedeutet eine heterogene Mitarbeiterschaft und ganz individuelle Qualitäten. Daher arbeiten nicht alle Teams stets mit BIM“, erklärt Projektleiter Tobias Hamm. Dennoch nutzt ARP die Methode konsequent.

3D-Modell eines Erweiterungsbaus für das Unternehmen Bürkert. Das Modell zeigt die Pausenräume, Büros und Besprechungszonen im neuen Gebäude und im vorderen Hallenbereich (Bild: ARP ArchitektenPartnerschaft/Rendering Michael Bertsch)

Burkhard Illig, im Büro neben der Projektarbeit einer der CAD/BIM-Experten für die Planungssoftware Vectorworks, bringt es auf den Punkt: „Wir planen die meisten Projekte mit Little BIM, sozusagen unserem eigenen Inhouse-BIM, haben aber auch schon erste Erfahrungen mit Big Open BIM gemacht. In Phasen wie Entwurfs-, Baueingabe- und Ausführungsplanung, teilweise auch bereits im Wettbewerb, erweist sich eine 3D-Planung als sehr sinnvoll. Erst Details in der Ausführungsplanung entstehen dann meist als 2D-Zeichnung Es ist nicht sinnvoll, jedes Detail in 3D zu modellieren.“

Den reellen Mehrwert erkennen und für sich nutzen

ARP arbeitet bereits seit 2000 mit Vectorworks. Als 2015 in der Software die Bearbeitungslogik von 3D-Bauteilen deutlich vereinfacht wurde, entschloss sich ARP, komplett auf die 3D-Planung umzusteigen. Tobias Hamm: „Es war stets klar, dass unsere Planungssoftware ein wichtiges Arbeitswerkzeug ist. Sie muss intuitiv und logisch zu bedienen sein. Außerdem sollte ein Zeit- und Qualitätsgewinn entstehen.“ Hinzu kam, dass beim ersten bauteilbasierten Projekt Bauherr und Generalunternehmer identisch waren. Das erleichterte die Abstimmungen deutlich und minimierte Reibungsverluste durch viele Schnittstellen und Ansprechpartner.

Bei ARP liegt der Anteil der 3D- und bauteilorientierten Planung im Hochbau heute bei 80 bis 90 Prozent aller Projekte. Auch in Wettbewerben wird in 3D gearbeitet, hier vor allem zur Entwicklung von Volumenstudien und Überprüfung der städtebaulichen Einbindung. ARP bietet darüber hinaus ebenso Landschafts- und Innenarchitekturleistungen, Generalplanung sowie Projektsteuerung an. Vor allem in der Freiraumplanung ist der Anteil der 2D-Planung noch sehr hoch. „Die Übergabe der im BIM/CAD-Programm ermittelten Mengen und Massen in das Ausschreibungsprogramm verläuft bisher noch weitgehend manuell“, so Tobias Hamm. „Wir arbeiten aber daran, die digitale Übergabe auszubauen und dann effektiv zu nutzen.“

Aus- und Fortbildung für alle Mitarbeiter

Um das eigene Architekturbüro auch in Zukunft an die Herausforderungen der digitalen Planung heranzuführen, investiert ARP viel Zeit in die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter. Neben internen Schulungen, die von Burkard Illig übernommen werden, kommen programmbezogene Vectorworks-Schulungen durch den lokalen Softwarepartner hinzu. Darüber hinaus wird jeder neue Mitarbeiter am Programm und im konkreten Projekt geschult.

Vier Mitarbeiter sind verantwortlich für das Thema CAD & BIM. Sie sind dabei ebenso in die Projekte eingebunden wie das restliche Team. Das ist wichtig, um die Realitätstreue und Anwendernähe für ihre Unterstützung bei der Arbeit mit dem BIM-Planungsprogramm zu erhalten. Burkard Illig: „Darüber hinaus haben wir ein Vorgabedokument erarbeitet, aus dem exakt hervorgeht, mit welchen Bauteilen, Klassen und Ebeneneinstellungen wir im Projekt arbeiten. Es ist die Basis jedes neuen Projekts; es wächst und wird ständig überarbeitet sowie ergänzt. In der Vorlage ist zusätzlich ein Beispielprojekt hinterlegt, an dem sich stets nachvollziehen lässt, wie die Richtlinien umgesetzt aussehen.“

Erleichterte Arbeit mit Türlisten

BIM wird von Seiten der Bauherren bisher nur selten gefordert. Das stellt ARP immer wieder fest. Ebenso wenig ist vertraglich fixiert, welche BIM-Leistungen zu erbringen und wie diese zu vergüten sind. Noch zögerlich setzen sich Bauherren oder Immobilieneigentümer und -betreiber mit dem Nutzen der bauteilbasierten Planung auseinander.

Anders die Stuttgarter Architekten: Für sie ist die digitale Planungsmethode BIM sinnvoll und kommt für umfassende Planungsleistungen in Frage. So werden bei ARP alle Pläne bis zum Maßstab 1:50 aus dem 3D-Modell erzeugt. Hinzu kommt das Arbeiten in Tabellen, das sie effektiv nutzen. Waren ohne BIM zum Beispiel Änderungen in der Türliste nötig, mussten sie in der Werkplanung und der Detailplanung händisch nachgeführt werden. Das entfällt bei der bauteilbasierten 3D-Planung mit der Planungssoftware. Änderungen werden einmal im Plan oder in der Liste eingetragen und automatisch auf allen anderen Ebenen aktualisiert – ein wichtiger Nutzen, der viel Zeit und Stress im Büroalltag erspart.

Hindernisse für Open BIM

In Ergänzung zum Inhouse-BIM setzen die Architekten grundsätzlich auf Open BIM als programmoffenen Planungsansatz. Die momentane Situation erfordert jedoch meist nur die interne BIM-Lösung, denn die Fachplaner, mit denen sie zusammenarbeiten, sind selten in der Lage, informiert bauteilorientiert zu planen und im IFC-Format auszutauschen.

Hier muss sich viel verändern, damit die Prozesskette komplett digital wird, stellen die Architekten klar. Denn der Aufwand, die Fachplanungen händisch in die eigene bauteilbasierte Planung zu überführen, ist immens. Und nicht selten wird der 3D-Planungsansatz aus diesem Grund auf 2D gesetzt.

Vorteil für den Bauherren

Eines der ARP-Projekte mit BIM ist der Erweiterungsbau für den Fluidspezialisten Bürkert am Standort Menden. Für das Werkstattgebäude mit produktionsnahen Büros und Lagerflächen wurde ein detailliertes 3D-Modell erstellt. Von Anfang an bauten die Architekten das Gebäude mit Vectorworks in 3D mit intelligenten Objekten, aus dem sie Schnitte und Perspektiven generierten.

Visualisierung der Geländeunterschiede bei einem Wohnprojekt im Stuttgarter Raum (Bild: ARP ArchitektenPartnerschaft)

Auch hier hat der Bauherr BIM nicht gefordert, doch bereits in der Entwurfsphase erwies sich das 3D-Modell als sehr hilfreich, um dem Bauherren Entscheidungen zu Materialität und Farben zu erleichtern. In der Werkplanung wurden ergänzend die 3D-Fachplanungen für HKLS in die Pläne integriert, was einen Kollisionscheck durch die visuelle Überprüfung der Leitungsführung ermöglichte.

BIM muss man sich erarbeiten

Bei einem Wohnbauprojekt im Stuttgarter Raum diente die 3D-Planung vor allem zur Visualisierung der extremen Geländeunterschiede. Für die 35 Wohneinheiten, die in zwei Gebäudeteilen entstehen, muss ein Höhenunterschied von bis zu neun Metern berücksichtigt werden.

Hierfür wurde der komplette Baugrund am Rechner modelliert, um sowohl die Zugänge zur Tiefgarage als auch die notwendigen Stütz- und Spundwände für die Gründung im Untergeschoss exakt zu verorten und zu vermaßen. Mögliche Unstimmigkeiten und spätere Ausführungsfehler sollen damit vermieden werden. Die Zeit, die im Vorfeld in diese präzise 3D-Planung gesteckt wurde, rentierte sich spätestens in der Bauphase und mit weniger Problemen beim Rohbau.

Für die ARP ArchitektenPartnerschaft stellt sich deshalb nicht mehr die Frage nach Sinnhaftigkeit oder Nutzen von BIM. Für ihre Mitarbeiter ist entscheidend: Wo im Planungs- und Bauprozess lassen sich BIM-Funktionen für ihre Projekte nutzen? Das bedeutet – zumindest noch in der aktuellen Situation – nicht zwingend, dass BIM bis zum letzten Detail genutzt werden muss. Vielmehr ist es wichtig, mit BIM zu beginnen. Man muss sich überlegen, wo der Nutzen für das eigene Büro liegen kann – und mit der täglichen Arbeit Routine erlangen. Projektleiter Tobias Hamm: „Es ist doch so: Je öfter man mit der Methode arbeitet, desto sicherer wird man mit BIM.“

© ARP ArchitektenPartnerschaft/Rendering Michael Bertsch
Visualisierung eines ARP-Projekts aus dem Automotive Bereich.
Autor

Tim Westphal studierte Architektur an der FH Wismar (Diplom). Arbeit für Architekturmagazine und Volontariat in der Architekturfachbuchabteilung des Callwey-Verlags München, von 2003 bis 2016 Fachredakteur bei der Fachzeitschrift Detail in München. Seit Sommer 2016 als selbstständiger Journalist und Berater tätig.

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