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„Wo CDE draufsteht, muss nicht CDE drinnen sein" – Teil 2

Interview zur ersten BSI Kitemark-Zertifizierung für CDE

h4>Frank Weiß wirkt bei buildingSMART International und hat mehrere Standardisierungsinitiativen ins Leben gerufen. Nun erzielte er die weltweit erste BSI Kitemark-Zertifizierung für ein CDE.

Worauf müssen sich die Anwender und worauf die Softwarehersteller von BIM und CDE in Zukunft einstellen? Und was bedeuten diese Entwicklungen für das Erreichen der Klimaziele? Lesen Sie dazu hier den zweiten Teil des Exklusivinterviews.

Herr Weiß, ich greife zur Fortführung nochmal die Frage nach dem Nutzen von Standards und Zertifizierungen auf, vertiefen Sie diesen Aspekt bitte!

Ich sagte ja bereits, es ist ein bekanntes Problem, dass jeder behaupten kann, er halte Best Practices und Standards ein. Da gibt es wohl kaum ein stärkeres Mittel, als eine Bestätigung durch einen autorisierten Zertifizierer, der das seriös und kompetent prüft. In einer konkreten Rollout-Situation unterstützt das Zertifikat beispielsweise, wenn unter Experten in Schlüsselpositionen unterschiedliche Auffassungen bestehen. Dies kann sowohl Mitarbeiter als auch Rollout-Verantwortliche verunsichern. Mit dem Zertifikat steigen Vertrauen und Verbindlichkeit.

Wir hören von Kunden, auch Öffentlichen Auftraggebern, wie wichtig eine Zertifizierung für die Auswahl eines CDE-Produkts ist. Sie gibt Entscheidern die Sicherheit, dass sie ihre Projekte standardkonform durchführen können. Beides führt zu höherer Akzeptanz und steigert den Mehrwert bei Kunden und Anwendern.

Auf einem zertifizierten CDE können Projekte kontrollierter und mit höherer Qualität durchgeführt werden. Auftraggeber können sich durch Nutzung eines zertifizierten CDE auf standardkonforme Arbeitsweisen und Arbeitsergebnisse verlassen. Die gesamte Informationslieferkette kann in definierten Prozessschritten Informationen erstellen, liefern, qualitätssichern, freigeben und für die Nutzung zur Verfügung stellen. Auf der Lieferseite bekommen Subunternehmen klare Informationsanforderungen und wissen genau, welche Informationen sie liefern müssen. Die Lieferung erfolgt unabänderlich nachvollziehbar auf dem CDE.

 

BIM Tage Deutschland 2021 - BIM-Factory Workshop: Common Data Environment – erfolgreiches Zusammenspiel mit dem Ökosystem, Oracle Construction and Engineering

 

Sie sprechen von einem Echten CDE. Was steckt dahinter? Können Sie den Teilnehmern praktische Empfehlungen geben? Worauf kommt es bei der Auswahl und Nutzung eines CDEs an?

Beim Thema CDE sind drei Dinge wichtig: Einfachheit, Sicherheit und Datenzugriff. Was steckt dahinter? Ein CDE soll die Automatisierung von Prozessen fördern, hier steckt der Wertschöpfungshebel. Starke Funktionalitäten, wie Prozessunterstützung, Modellintegration, Business Intelligence (BI), Künstliche Intelligenz (KI) schaffen Transparenz und ermöglichen bessere Entscheidungen.

Die beste Funktionalität ist allerdings nur dann hilfreich, wenn sie einfach und nutzerfreundlich ist. Entscheidend ist Datensicherheit und damit die Berücksichtigung regionaler Anforderungen wie BDSG, GDPR. Vielfach noch unterschätzt bzw. missverstanden ist die Sicherstellung des Datenzugriffs, besonders im Streitfall. Es muss gewährleistet sein, dass verschickte Nachrichten und Dokumente (inkl. Modelle) nicht nachträglich manipuliert oder entzogen werden können, sondern einmal erhalten, bleiben sie beim Empfänger. Das schafft Vertrauen und Sicherheit und vermeidet Schattendatenhaltung in Parallelsystemen. Das hat sich bei Tausenden von Projekten bewährt und ist Best Practice.

 

“Security and data ownership is the basement for using a CDE“
Florian Friedrich, Technical Director Europe, VAMED

 

Dabei sind mehrere wichtige Kriterien in Projekten festzulegen: Wie spezifiziere ich Informationsanforderungen, wie schreibe ich sie aus? Wie halte ich Informationslieferprozesse für alle nachvollziehbar in einem BIM-Abwicklungsplan (BAP) fest? Wie finden Informationslieferungen statt, wer prüft sie, wer gibt sie frei? In einem End-to-End Prozess im Bereich Modellkoordination passiert zum Beispiel folgendes: Fachmodelle verschiedener Gewerke werden geliefert, zusammengeführt und als Ganzes auf Unstimmigkeiten, bspw. Kollisionen, geprüft. Zu definieren ist dabei, wie eine standardisierte Projektkommunikation aussehen soll, z.B. Informations-, Änderungsanfragen, Modellfreigaben usw. Und der aktuelle Zustand des Projekts kann via Dashboards und Reports übersichtlich dargestellt werden. Diese und weitere bewährte Vorgehensweisen des Informationsmanagements findet man in der ISO 19650 und in der DIN SPEC 91391.

Wir lesen, dass Marktteilnehmer oft noch mit dem Einsatz von BIM warten, weil abschließende Standards noch fehlten. Kann das BSI - Zertifikat hier Bewegung reinbringen?

Eindeutig, ja. Und zum ersten Teil Ihrer Frage. Ich würde es eher positiv formulieren. Wir erleben gerade eine stärkere Dynamik Richtung BIM. Das ist gut. Aber man kann die Bauindustrie auch nicht über einen Kamm scheren: Für einen so riesigen Wirtschaftszweig mit seinen vielen Teilaspekten heißt das, ein verdammt dickes Brett zu bohren. Da spielt auch der hohe Grad der Spezialisierung bzw. die damit einhergehende Fragmentierung eine Rolle, vom Kleinstunternehmen bis zur Großindustrie.

Alle sind wichtig in dieser Kette und müssen für die Digitalisierung ertüchtigt werden. Rahmenbedingungen spielen hier eine wesentliche Rolle. Investitionen sind zu tätigen und das geschieht nur, wenn die Risiken überschaubar sind. Standards sind hier hilfreiche "Leitplanken". Sie geben die Sicherheit, die Auftraggeber für Ihre Investitionen brauchen.

Das erklärt dann auch, weshalb sich Oracle hier so stark einsetzt?

Die Unterstützung von Datenstandards ist Teil der DNA von Oracle. Im GIS-Umfeld hat Oracle seit über 20 Jahren die Standards mitentwickelt und damit wesentlich zur Öffnung und Weiterentwicklung des Marktes beigetragen. Dafür gibt es viele Beispiele, wie etwa die Erweiterung des SQL-Standards für Geo-Daten. Aber selbstverständlich trägt Oracle auch im BIM-Umfeld zur Etablierung von Formaten bei, wie IFC 4.* oder BCF 3.0 sowie durch Initiierung und Mitwirkung des openCDE Doc APIs. Oder auch mit Blick auf DIN. Das Institut entwickelt gerade die DIN BIM-Roadmap. Daran haben wir uns intensiv beteiligt. Die Roadmap wird voraussichtlich Ende 2021 veröffentlicht, wo unterschiedliche Normungsaktivitäten in einer Übersicht zusammengeführt werden. Gleiches gilt für VDI 2552 BIM-Richtlinienreihe, auch hier haben wir intensiv mitgewirkt.

 

„Die Unterstützung von Datenstandards ist Teil der DNA von Oracle“
Frank Weiß, Director Product & Innovation, Oracle Construction and Engineering

 

Welchen Stellenwert hat hier die DIN SPEC 91391? Warum wurde diese auch in der Zertifizierung berücksichtigt?

Mit der DIN SPEC 91391 ist es erstmalig gelungen, den britischen PAS-Normen auch international auf Augenhöhe zu begegnen. Sie wurde in Deutschland in einem repräsentativen Industriekonsortium erarbeitet. Von Anfang an wurde auf die Lese- und Anwendbarkeit der DIN SPEC Wert gelegt. Sie steht kostenfrei auf Deutsch und Englisch bei www.Beuth.de zur Verfügung.

Wir haben hier das Thema CDE besetzt, vorher bestand da offensichtlich eine Lücke. Das hat international einiges bewirken können, beispielsweise, dass wir nun das Thema auf europäischer Ebene bei der CEN und international bei buildingSMART weiter voranbringen können. Deswegen wurde die DIN SPEC 91391 ein wichtiger Bestandteil dieses aktuellen Zertifizierungsprozesses.

 

„I love standards as long as people read and understand them“.
 Eldad Asulin, Multiplex

 

Sie kann im Alltag helfen, Projekte erfolgreicher durchzuführen. Schauen wir auf die Öffentlichen Auftraggeber. Nach dem Stufenplan mit Fokus auf Infrastrukturprojekte hat auch das Bauministerium seine Abteilungen dazu angehalten, BIM-orientiert zu arbeiten. Immer häufiger wird der Bedarf nach einer CDE-Plattform ausgesprochen. Potenzielle Nutzer fragen: Worauf kommt es bei CDE-Leistungen genau an? Der CDE-Besteller will besser verstehen, welche Funktionen für sein Projekt wichtig sind. Hier hilft die DIN SPEC mit einer Funktionstabelle von über 200 Kriterien zu den notwendigen Eigenschaften eines CDE und unterstützt somit das aktive Risiko-Management bei der Plattform-Auswahl.

Mithilfe dieser Kriterien können potenzielle CDE-Besteller qualitativ differenzieren zwischen

I.   reinen elektronischen Datenablagen in der Cloud,
II.   Plattformen der 1. Generation für Kollaboration sowie
III.  industriespezifischen echten CDEs. Diese NEXT-Generation CDEs heben Automatisierung auf eine neue Stufe und sind zertifiziert.

In der DIN SPEC geht es aber auch darum, wie Daten einfach und sinnhaft in Folgephasen wiederverwendet werden können sowie um die Zukunftsfähigkeit von Anbietern.

Für den Erfolg von BIM braucht es aber auch die anderen Software-Hersteller, was meinen Sie?

Ich denke, wir müssen stärkeres Gewicht darauflegen, dass die verschiedenen Anwendungen noch besser miteinander kommunizieren können. Das bedeutet noch mehr Nutzung von openBIM-Formaten in den aktuellen Releases, wie BCF 3.0, und perspektivisch IFC 4.3. Das heißt aber auch direkte Kommunikation über offene Schnittstellen, wie das openCDE Doc API 1.0, welches wir schon bald als Prototyp sehen werden.

Ist in diesem Sinne auch eine weitere Neuigkeit zu verstehen, auf die Sie zuletzt aufmerksam machten, das openCDE API?

Ja genau. Das openCDE API ist indirekt auf die DIN SPEC 91391 Teil 2 zurückzuführen. API steht für Application Programming Interface. Das sind die Schnittstellen, über die Programme "miteinander reden" können. „Miteinander reden“ ist prinzipiell etwas Gutes, aber man muss natürlich die gleiche Sprache sprechen, um sich zu verstehen.

Diese gemeinsame Sprache haben wir in der DIN SPEC Teil 2 zu entwickeln versucht. Natürlich hat jeder Software-Hersteller seine eigene Sprache und möchte die jeweils anderen dazu bewegen, möglichst seinen „Dialekt“ zu übernehmen. Das funktioniert in der Realität nur meist nicht. Also muss man sich auf gemeinsame Standards einigen. In diesem Fall also auf eine Definition, wie verschiedene CDEs Informationen miteinander austauschen.

 

"Die angekündigte Erweiterung mit openCDE Doc API (z.B. zwischen Solibri und Aconex) ist ein Meilenstein für uns“.
Sven Oettinghaus, BIM Program Manager - Tractebel

 

Eine solche Einigung bewirkt zusätzlich, dass sich auch Autoren oder Validierungswerkzeuge einfacher an ein CDE andocken können - zunächst zum Datenaustausch, doch perspektivisch auch, um Workflows zur Modellkoordination übergreifend durchführen zu können. Somit wird ein CDE zukünftig zu einer Art Ökosystem, in dem neben der eigenen Funktionalität weitere Anwendungen einfach angeschlossen werden können. Diese Öffnung eines CDE gegenüber anderen steht im Gegensatz zu Informations-Silos, die alle Daten für sich behalten und keine offenen Schnittstellen anbieten.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit gehören zusammen. Dazu haben Sie unlängst bei den BIM-TAGEN Deutschland gesprochen: „Deutschland Net Zero 2045!“ Wo sehen Sie den Zusammenhang zu BIM oder CDE?

Die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens werden auf Teilziele für die einzelnen Industriebereiche heruntergebrochen. Dass dieses ohne Digitalisierung jedes einzelnen Schrittes vom Planen über das Bauen und Betreiben bis zum Rückbau und zur Wiederverwendung nicht machbar ist, dürfte jedem klar sein. NetZero 2045 in Deutschland bedeutet Herausforderungen, vor denen die Bauindustrie und all ihre Beteiligten stehen. Ich persönlich halte es für erforderlich, dass spätestens ab 2046 alle Neubauprojekte sowie alle Bestände klimaneutral sind. Um das aber zu erreichen, gilt es zu definieren, was das konkret bedeutet.

Es braucht geeignete Kennzahlen und Fortschrittsmessung. Nur, wenn wir Entscheidungen zurückverfolgen können, sind Auswirkungen nachvollziehbar und Optimierungen durch „Lessons Learned“ möglich. Bei der Komplexität des Baugeschehens und der Größenordnung des Bausektors in Deutschland und weltweit ist die Bewältigung der Aufgaben zweifellos nur mit einem systematischen Informationsmanagement zu stemmen. Das habe ich in meinem Vortrag genauer ausgeführt.

Die Produktivität eines Industriezweigs besser zu machen, ist in erster Linie im Interesse seiner Kunden sowie des Industriezweigs selbst. Hier beobachten wir jetzt eine neue Dimension: Den Anspruch der Gesellschaft an die Auswirkungen der Produkte, die ein Wirtschaftszweig herstellt. Natürlich muss man sich jetzt schon anschauen, welche Auswirkungen das Planen, Bauen, Betreiben, inklusive Rückbau haben, wo wir Dinge besser

 

Germany NetZero 2045 - Nachhaltigkeitsziele mit echtem CDE und Standards erfolgreicher umsetzen, Frank Weiß ORACLE CEGBU

machen können, und welche Mittel wir dafür einsetzen sollten. Ohne geeignete Digitalisierung besteht dazu keine Chance. Das heißt im Bauwesen: Der BIM-Methode, dem CDE, dem Digitalen Zwilling kommen Schlüsselrollen zu. Und Wiederverwendung funktioniert nur dann systematisch, wenn wir nach Jahrzehnten Lebensdauer noch wissen, was in einem Gebäude genau verbaut wurde. Diese Informationen sollten nicht als Ordner in der Schublade des einstigen Auftraggebers verschwinden. Dazu braucht es neue Überlegungen wie diese wertvollen Daten auf Dauer sicher verfügbar gemacht werden können.


Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews.

 

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