Skip to main content
Jürgen Winkler

"Die Welt kennt BIM noch nicht"

Architekten und Fachplaner im Interview, Teil 2

Wie koordiniert man mehrere Gewerke bei einem BIM-Projekt? In Teil 2 des Interviews zum Objekt Bahnhof Pinneberg sprechen der Projektleiter und Beteiligte aus Vermietung, Elektroplanung, Bauphysik, Tragwerksplanung und Aufzugsplanung über ihre Erfahrungen.

Vermietung

Ute Brüers

Vermietung/Projektentwicklung im Regionalbereich Nord

 

Build-Ing.: Warum benötigt die Vermietung ein 3D-Modell des Bahnhofs?

Ute Brüers: Wir haben oft das Problem, dass sich die Mietinteressenten an Standorten wie Pinneberg, die sehr in die Jahre gekommen sind, vorstellen müssen, wie der umgebaute Bahnhof in fünf Jahren aussehen wird. Das ist für sie eine Herausforderung. Insofern ist die Darstellung durch die 3D-Modelle eine große Erleichterung für die Gewinnung von Mietinteressenten. Ich bin damit bisher nur auf positive Resonanz gestoßen. Was wir den Mietinteressenten schon zum jetzigen Zeitpunkt am 3D-Modell zeigen können, ist sehr detailliert und fördert ihre Vorstellungskraft.

Stephan Falke: Bisher war es so, dass die Planer den Mietinteressenten in einer leeren Bahnhofshalle eine Stelle zeigten und sagten: „Das ist ein Bäcker.“ Das war aber nicht wirklich zielführend. Inzwischen modellieren wir Innenraummodelle für die potenziellen Mieter. Zum Beispiel generische Bäcker, damit sich der Interessent vorstellen kann: Das ist ein Bäcker.

Komplett mit Einrichtung?

Stephan Falke: Komplett mit Menschen, Tischen, Tellern, Tassen, Kuchen und Keksen auf dem Tisch.

Ute Brüers: Mit dem 3D-Modell können wir auch viel früher Probleme lösen. Was wir in der jetzigen Phase besprechen, konnten wir bei anderen Projekten erst kurz vor oder während der Bauausführung diskutieren. Für die Vermietung ist BIM sehr hilfreich.

Legen Sie im 3D-Modell schon fest, an welcher Stelle welches Sortiment angeboten wird?

Ute Brüers: Unabhängig von BIM geben wir ein Nutzungskonzept vor. Wir haben am Standort unsere Erfahrungen, welche Sortimente nachgefragt sind oder was im Moment Trend ist. Deshalb erhalten die Projektentwickler in einer Aufgabenstellung ein Konzept für den Standort.

Sie können demnach aus Ihren Erfahrungen heraus genau sagen, an welcher Stelle des Bahnhofs sich ein Bäcker rentieren würde, und potenziellen Interessenten einen komplett in 3D modellierten Laden an genau dieser Position im Bahnhof präsentieren.

Ute Brüers: Genau. Wir sind zum Zeitpunkt der Präsentation immer noch in einer sehr unverbindlichen Phase. Wir können aber auch für unsere Planung von den Mietinteressenten viel mehr aufnehmen und lernen, was später in die Planung einfließt.

Stephan Falke: Wir arbeiten mit Modellen, die wir beispielsweise über Enscape mit den Interessenten virtuell begehen können. Die Modelle helfen den Mietinteressenten ungemein, sich vorzustellen, was geplant wird. Einen 2D-Plan zu lesen ist schwieriger. Der Kommunikationsaufwand ist bei 2D wesentlich größer, um den Interessenten zu erklären, was sie sehen.

Ute Brüers: Es gibt zum Beispiel im Bahnhof Pinneberg einen Glaserker, bei dem am 3D-Modell sehr deutlich wurde, welche Wirkung er hat. Im 3D-Modell können Sie aus dem Erker auf den Bahnsteig schauen. Diese Aussicht kann sich ein Mietinteressent, der nicht unbedingt auch ein Planer sein muss, auf einem 2D-Plan nicht vorstellen.


Virtuell begehbares 3D-Modell einer gastronomischen Einrichtung am Bahnhof Pinneberg (Bilder: DB Station&Service AG)


Elektroplanung

Mathias Kellner
IBK Elektroplanung

 

Build-Ing.: Seit wann arbeiten Sie mit BIM?

Mathias Kellner: 2015 haben wir mit BIM begonnen und uns DDS-CAD gekauft. Die Software erschien uns für unsere Anwendungsfälle am sinnvollsten. Dann haben wir viel Geld ausgegeben, um DDS-CAD im Büro arbeitsfähig zu machen.

Wie viel Geld ist viel Geld?

Mathias Kellner: Die Software war beim Kauf teuer, und sie ist fortlaufend teuer. Wir zahlen die Lizenzkosten für die Anschaffung pro Arbeitsplatz und die jährlichen Unterhaltungskosten. Das ist schon ein ordentlicher Betrag. Insgesamt ist DDS-CAD teurer als eine herkömmliche CAD-Software.

Müssen Sie Ihre Mitarbeiter laufend schulen, oder genügte eine einmalige Einführung in DDS-CAD?

Mathias Kellner: Das passiert fortlaufend. Wir stehen in sehr engem Kontakt mit dem Support unseres Softwareanbieters. Wir haben zu Beginn Schulungen besucht und werden auch jetzt noch geschult, wenn es Updates gibt. Ansonsten versuchen wir, uns selbst im Büro zu schulen.

Was hat Ihnen BIM gebracht?

Mathias Kellner: Bis jetzt eine ganze Menge Kosten. Aber wenn BIM eines Tages funktioniert, bringt es uns viele Vorteile. Ich habe ein 3D-Modell und kann mir dadurch besser vorstellen, wie ich plane. Ich kann mit meinem Programm eine überschlägige Leitungsberechnung und Lichtberechnung vornehmen, was natürlich
nicht vorteilhaft ist, wenn ich eine Entwurfsplanung oder Ausführungsplanung machen will. Ich kann aus dem 3D-Modell Leuchten exportieren, oder ich importiere aus den gängigen Lichtberechnungsprogrammen Leuchten ins 3D-Modell. Ich kann direkt im 3D-Modell Verteilerpläne zeichnen, und es gehen weniger Informationen verloren. Sehr zeitintensiv ist aber der Export aus dem 3D-Modell in die herkömmlichen PDF-Formate. Das ist ineffektiv.

Warum?

Mathias Kellner: Wenn man für große Anbieter wie Städte, Bundesländer oder Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG arbeitet, dann haben die ihre vorgegebenen Planköpfe. Die bekommt man nicht so einfach in ein BIM-Projekt implementiert. Man muss das Projekt auf herkömmliche CAD-Systeme ausweiten, dort alles exportieren und die Planköpfe erstellen. Das kostet alles Rechenzeit und ist sehr aufwendig.

Gibt es eine Alternative?

Mathias Kellner: Es wäre einfacher, wenn ich mein IFC ausgeben und die anderen Projektbeteiligten mein IFC einlesen könnten. So machen wir es in diesem Projekt mit der Deutschen Bahn AG.

Warum müssen Sie den Umweg über das PDF-Format gehen?

Mathias Kellner: Das kann ich Ihnen sagen: Die Welt kennt BIM noch nicht. Bis auf die paar Leute, die BIM schon anwenden, kann kaum jemand damit umgehen. Sie haben die Programme nicht. Die meisten können eben nur ein PDF lesen.

Ein Großkonzern wie die Deutsche Bahn AG wird doch in der Lage sein, eine IFC-Datei zu lesen.

Mathias Kellner: Das glauben Sie! Die Leute, die am Projekt Bahnhof Pinneberg arbeiten, können IFCs lesen. Auch die Entwicklungsabteilung der DB Station&Service AG in Berlin kann meine IFCs lesen. Aber die Bahn selbst kann das nicht. Bahnhofsmanager oder fachtechnische Prüfer haben gar nicht die technischen Möglichkeiten. Die können nur PDFs lesen.

Wie effektiv sind für Sie die BIM-Standards für den Hochbau der DB Station&Service AG?

Mathias Kellner: Für uns Elektroplaner bringen sie gar nichts. Damit hatten wir von Anfang an Probleme, weil die Baustandards für Revit entwickelt wurden. Das war ein großes Problem für uns Fachplaner. Wir konnten damals die Baustandards nicht mal implementieren. Es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis das möglich war. Aber sie bringen uns trotzdem nichts. Die Baustandards wurden nicht für die Elektroplanung entwickelt.

Welchen Nutzen sehen Sie in Koordinationsmodellen?

Mathias Kellner: Das sehe ich positiv, weil man beispielsweise Kollisionen früher erkennen kann.

Wie koordinieren Sie die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Auftraggeber im BIM-Modell?

Mathias Kellner: Alle drei Wochen gibt es Planungsbesprechungen mit allen Projektbeteiligten über WebEx. Dort zeigen wir unsere Modelle, führen ein Gesprächsprotokoll und nehmen neue Aufgaben mit, die wir bis zum nächsten Termin abarbeiten.

Bleiben Sie langfristig bei der BIM-Methodik?

Mathias Kellner: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Als Herr Dobrindt 2016 ausrief, dass ab 2018 alle öffentlichen Projekte mit BIM zu planen sind und auch die Bahn mit DB Station&Service AG und DB Netz AG bei BIM einstieg, da hat man sich gefreut und gedacht, das klappt, jetzt geht‘s los. Dann erfährt man, dass man bei BIM nicht über Fachplaner spricht, sondern nur über Objektplaner; dass sich DB Netz aus BIM komplett zurückzieht und dass bei DB Station&Service AG alles schleppend anläuft, und man fragt sich schon, was das alles bringen soll.

Wir werden sicher bei BIM bleiben. Inzwischen haben wir auch Projekte, bei denen der Auftraggeber zwar BIM nicht fordert, aber weil es für uns effektiver ist, planen wir mit BIM. Trotzdem fehlt uns von den großen Auftraggebern der Rückhalt, zu sagen, wir unterstützen euch, wir machen mit euch gemeinsam BIM-Projekte. Als Fachplaner wird man da ein bisschen vergessen. Das ist meine Erfahrung nach zweieinhalb Jahren BIM.

 

Elektroplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg (Kellergeschoss) (Bild: IBK Elektroplanung)


BU: Elektroplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg (Erdgeschoss) (Bild: IBK Elektroplanung)

 


Elektroplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg (Erdgeschoss) (Bild: IBK Elektroplanung)

 


Elektroplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg (1. Obergeschoss) (Bild: IBK Elektroplanung)

 


Elektroplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg (Dachgeschoss) (Bild: IBK Elektroplanung)

 


BU: Elektroplanung: Bahnhof Pinneberg (Pavillon) (Bild: IBK Elektroplanung)


Bauphysik

Christian Grohmann
Ebert Ingenieure GmbH
eb-ing.com

 

Build-Ing.: Seit wann arbeiten Sie mit BIM?

Christian Grohmann: Mit dem Thema BIM beschäftigen wir uns schon länger. Standortübergreifend sind wir im Bereich der TGA bei mehreren großen Bauprojekten tätig, die mit der BIM-Methodik bearbeitet werden. Im Fachbereich Bauphysik können wir von den Erfahrungen der Kollegen partizipieren. Allerdings sind wir davon abhängig, dass wir auch die entsprechenden Daten von Seiten der Architektur zur Verfügung gestellt bekommen.

Für das Projekt Pinneberg erhielten wir ein IFC-Modell und versuchten, es in unsere Berechnungssoftware Solar-Computer einzulesen. Wir verwenden die Software für die Erstellung von EnEV-Modellen. Das sind Modelle zur Berechnung der Anforderungen nach der Energieeinsparverordnung, d. h., für Energiebilanzen. Dafür wäre das IFC-Modell eine sehr gute Basis.

Im Moment erstellen wir parallel ein 3DModell in einem Modul unserer Software. Es gibt eine Schnittstelle, über die man IFC-Modelle importieren kann. Das hat bis jetzt nur mit Einschränkungen funktioniert. Nicht alle
Informationen können von dieser Software gut gelesen werden. Deshalb konnten wir bis jetzt noch kein funktionsfähiges 3D-Modell aus einem IFC-Modell generieren.

Worin unterscheidet sich die Arbeitsweise von Bauphysikern und Fachplanern im BIM-Prozess?

Christian Grohmann: Wir liefern Informationen an die Objektplanung, wir erstellen selbst keine Pläne. Das unterscheidet uns von unseren Kollegen aus der Gebäude- oder Elektrotechnik, deren Pläne zusammengeführt werden müssen. Wir geben Architekten und Fachplanern Informationen, die sich auf die Qualität von Konstruktionen oder Anlagen auswirken, z. B. bei der Wärmedämmung oder der Schallabstrahlung technischer Anlagen. Das sind aber schriftliche Informationen und in der Regel keine Zeichnungen.

Stephan Falke: Es gibt einige Gewerke wie Bauphysik oder Brandschutz, die keine eigenen Fachmodelle haben, aber andere Fachmodelle einlesen, um sie in Berechnungsmodelle einzugeben. Das sind Beratungsleistungen für andere Ingenieure oder Objektplaner.

Wichtig ist dabei, dass die Kommunikation funktioniert. Nicht, um ein eigenes Fachmodell zu erstellen, sondern damit der Bauphysiker die anderen Fachmodelle einlesen kann. Es ist ein großer Aufwand, aus einem 3D-Modell ein lesbares 2D-Format zu machen. Das haben wir nicht vor, wir wollen durchgängig in 3D arbeiten. Bei der Bauphysik funktioniert das so, dass wir ein konventionelles Leistungsbild der Bahn für die Bauphysik in BIM umgeschrieben haben. Das dürfte bundesweit einmalig sein, das ist ein Experiment für alle Seiten. Wir versuchen, möglichst viel zu digitalisieren und daraus die Vorteile zu ziehen. Thermische Bauphysik wie z. B. Wärmebrücken sieht man an einem 3D-Modell besser.

Christian Grohmann: Das kann ich bestätigen. Um Wärmebrücken zu identifizieren, ist ein 3D-Modell optimal.


Bauphysik: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, 3D-Modell für die Energiebilanzierung (Bild: Ebert Ingenieure GmbH)

 


Aufzugsplanung

André Waltenberger
Projektleiter
Häcker Planungsbüro GmbH & Co. KG


Build-Ing.: Seit wann arbeiten Sie mit BIM?

André Waltenberger: Seit einem Jahr.

Was hat Ihnen BIM bisher gebracht?

André Waltenberger: In der Fördertechnik ist BIM noch völlig neu. Andere Bereiche wie der Hochbau sind da schon weiter. Bei der Fördertechnik können wir nicht auf Bauteilkataloge oder ähnliches zurückgreifen. Wir konstruieren für die Bahn alles selbst. Es gibt zum Beispiel noch keine Schachtgerüste, die konstruieren
und bemaßen wir.

Wie gestaltete sich der Datenaustausch per IFC? Mit welcher Software arbeiten Sie?

André Waltenberger: Von der DB Station&Service AG war vorgegeben, dass man mit der
Projektkommunikationsplattform von Think Project arbeitet. Das läuft noch nicht ganz rund, wir verwenden oft andere Austauschplattformen wie DB ShareNet oder DropBox.

Stephan Falke: Ohne Projektplattform kann man kein BIM-Projekt abwickeln. Normalerweise ist Think Project bei der DB Station&Service AG die zentrale Plattform. Zum Zeitpunkt des Projektstarts war aber Think Project bei uns noch nicht Standard, deshalb gibt es für Pinneberg eine Ausnahmeregelung.

Welchen Nutzen sehen Sie in Koordinationsmodellen?

André Waltenberger: Das ist für uns sehr sinnvoll, weil man Überschneidungen erkennt, die man ohne das Koordinationsmodell nicht sehen würde oder erst in der Ausführung bemerkt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Fachplanern, die Ihnen vertraglich nur 2D-Leistung liefern müssen?

André Waltenberger: Das ist für uns ein Mehraufwand. Man muss immer wieder schauen, wie man 2D und 3D kombiniert. Ich würde befürworten, dass man alle Leistungen nur in 2D oder nur in 3D verlangt. Die Mischung aus 2D und 3D ist fatal, der Mehraufwand ist riesig.

Werden Sie weiterhin mit BIM arbeiten?

André Waltenberger: Ja, daran führt kein Weg vorbei. BIM ist die Zukunft. Man hat jetzt noch große Schwierigkeiten bei einigen Dingen, aber das ist wie bei allem, was neu ist. Als das Auto erfunden wurde, hatte der Motor nicht sofort eine Leistung von 150 PS. So ist das auch bei BIM. Das dauert halt.

Aufzugsplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Schachtgerüst

 


Aufzugsplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Schachtgerüst

 

Aufzugsplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Schachtgerüst

 


Aufzugsplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Schachtgerüst

 


Aufzugsplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Schachtgerüst (Bild: Häcker Planungsbüro GmbH & Co. KG)


Tragwerksplanung

Anja Müller

MVD-Plan, Niederlassung Dresden
mvd-plan.de

 

Build-Ing.: Seit wann arbeiten Sie mit BIM?

Anja Müller: Seit 2014/2015.

Welche Software verwenden Sie?

Anja Müller: Wir haben für BIM unsere Software auf Nemetschek umgestellt. Speziell für das Projekt Pinneberg haben wir zusätzlich Revit lizenziert.

Auf Vorgabe der Bahn?

Anja Müller: Wir sind vertraglich an stationova gebunden (siehe Interview Teil 1, Heft 4|2018
– d. Red). Im Vertrag wurde Revit 2016 als Software festgelegt. Link setzen

Es war vermutlich nicht preiswert, zusätzlich zu Nemetschek noch Revit anzuschaffen.

Anja Müller: Dadurch, dass wir in Dresden eine Niederlassung sind und unser Hauptbüro in Sindelfingen hauptsächlich Revit verwendet, haben wir die Möglichkeit, unseren Projektpartnern beide Programme anzubieten.

Welche Vorteile hat Ihnen die Planung mit BIM gebracht?

Anja Müller: Wir sehen sowohl Vorteile als auch Nachteile in der 3D-Planung. Speziell bei diesem Projekt liegen die Vorteile auf der Hand, weil wir hier zum ersten Mal 3D-Modelle von den Architekten erhalten haben. Das ist noch nicht der Standard, weil die Architekten mit der Erstellung von 3D-Modellen noch nicht ganz so weit sind. Die 3D-Modelle, die uns übergeben werden, sind weitestgehend in Ordnung. Probleme gibt es an anderen Stellen.

Tragwerksplaner und Architekten verwenden in ihren Modellen dieselben Bauteile: Wände, Stahlbetonwände, Mauerwerkswände oder Stützen. Die werden in beiden Fachmodellen mitgeführt. Bei der Kollisionskontrolle ist klar, dass das kollidiert. Deshalb ist es im Moment noch nicht schlüssig, wie der Austausch zwischen den beiden Fachmodellen funktionieren soll. Ich denke, dass wir nicht die einzigen Planer sind, die diese Probleme zu lösen haben.

Wie haben Sie den Datenaustausch organisiert?

Anja Müller: Wir arbeiten mit Revit und bekommen das Modell des Architekten. Daraus erstellen wir unser Tragwerksmodell und spielen es wieder an den Architekten zurück. Bei diesem Datenaustausch hapert es noch.

Wegen den identischen Bauteilen in beiden Modellen?

Anja Müller: Ja. Wenn der Architekt das Bauteil Stahlbetonwand benutzt und wir als Tragwerksplaner auch und man die Modelle anschließend übereinander legt, hat man zwei Stahlbetonwände. Bei der Kollisionskontrolle wird ein Clash angezeigt, denn die Software erkennt zwei Wände.

Mit Revit gibt es die Möglichkeit, zwei Modelle miteinander zu verknüpfen und die Änderungen z. B. gegenüber dem Architekturmodell zu verfolgen. Die Software kommt dabei an ihre Grenzen. Revit verfolgt bei Stahlbetonbauteilen nur Wände, Decken und gerade Stützen. Fundamentbauteile, Balken, Stäbe, Unterzüge, Oberzüge, also alles, was für uns Tragwerksplaner wichtig ist, wird von Revit bei einer Verknüpfung zweier Modelle nicht überwacht. Damit ist diese Funktion des Programms für uns als Tragwerksplaner nur sehr eingeschränkt nutzbar.

Frustrieren Sie die Probleme sehr, oder überwiegen die Vorteile?

Anja Müller: Wir sehen auch Vorteile in der 3D-Planung. Das Einfügen der Durchbrüche ist bei uns z. B. immer ein großes Thema. Durch die Clash Detection sehen wir, wo etwas mit tragenden Bauteilen kollidiert, das ist für uns von Vorteil. Wir können die 3D-Modelle, die wir mit Revit erstellen, in unsere Statikprogramme übernehmen. Dafür ist ein wenig Nachbearbeitung notwendig, aber gerade bei komplexen Bauteilen kann das eine Arbeitserleichterung sein.

In der Zuarbeit zur Ausschreibung in der Leistungsphase 6 können die Massen der Bauteile durch das Programm zusammengefasst werden. Wenn wir neue Bauteile bilden und diese auch richtig betiteln und mit den entsprechenden Materialien belegen, können sie über einen Report ausgeben werden.

In der Bearbeitung der Leistungsphase 5 der Ausführung, speziell für die Schal- und Bewehrungsplanung, ergeben sich auch gewisse Vorteile. Wenn das Modell mit allen Daten in 3D eingegeben ist, können Grundrisse und Schnitte für die Schalplanung abgeleitet und die Bewehrung direkt in die 3D-Körper eingefügt werden. Bei den modellierten Bauteilen und den gebildeten Eisenformen ist mit Hilfe der 3D-Ansichten eine vereinfachte Eigenkontrolle möglich. Dadurch kann sichergestellt werden, dass
die Bewehrung auch in den Bauteilen ihren Platz findet.

Also Freude pur über BIM und 3D?

Anja Müller: Nicht nur, der Aufwand wird größer. Wir müssen viel mehr Zeit in die 3D-Modelle und ihre Abstimmung investieren. Gerade bei den ersten BIM-Projekten ist es noch etwas schwierig. Wir sind noch nicht vollständig mit den Programmen vertraut. Man ist noch nervös und in manchen Situationen vielleicht auch unwissend.

Über die HOAI wurde schon gesprochen (siehe Interview Teil 1, Heft 4|2018 – d. Red). Das ist ein Punkt, der aus unserer Sicht noch auf die BIM-Planung abzustimmen ist. Der Aufwand für die Erstellung der Modelle verschiebt sich in die frühen Leistungsphasen. Wir sehen dort eine Verschiebung der Arbeit. Der Aufwand, ein 3D-Modell in Leistungsphase 3 zu erstellen, ist größer als eine Planung in 2D.

Wir sind jetzt soweit, dass wir in Leistungsphase 3 im Entwurf teilweise schon so genau arbeiten, dass wir die 3D-Modelle auch in Leistungsphase 5 benutzen können und wollen. Damit kann der erhöhte Zeitaufwand aus Leitungshase 3 im Idealfall kompensiert werden. Das ist jedoch nicht einfach, wir sind hier immer noch am Anfang des Lernprozesses. Jeder modelliert anders, eine gewisse Genauigkeit im Modell ist aber zwingend notwendig. Das Programm macht nichts von allein. Link setzen

Wenn die Architekten und anderen Fachplaner mitziehen und die Softwarehersteller die Schnittstellen ihrer Programme so aufeinander abstimmen, dass ein unkomplizierter Planungsaustausch zwischen den Gewerken möglich ist, dann ist BIM keine schlechte Sache.

Ich war mal bei einem Seminar über BIM, und der Referent sagte, der Weber hat früher auch nicht auf den mechanischen Webstuhl gewartet. Er hat ihn vorgesetzt bekommen und musste damit arbeiten. So ist es bei uns auch. Wir wollen große Projekte bearbeiten, wir sind daran interessiert, weiterhin mit der Tragwerksplanung für öffentliche Projekte beauftragt zu werden, da können wir nicht die Augen davor verschließen, dass BIM kommen wird.

Der Bahnhof Pinneberg ist aber kein großes Projekt.

Anja Müller: Ein Projekt wie Pinneberg ist für uns als Tragwerksplaner überschaubar. Hier ist es möglich, im Kleinen durchzuspielen, welche Probleme im Großen möglich sind. Wenn die Probleme hier zu lösen sind, sollte man diese auch bei großen Projekten in den Griff bekommen.

Sie sind heute die optimistischste Planerin am Tisch.

Anja Müller: (lacht) Ich kann es nicht schlecht reden. Es gibt genug Vorteile, aber auch Nachteile. Der Aufwand verschiebt sich deutlich in die frühen Leistungsphasen. Wir müssen jetzt auf andere Dinge achten, die wir vorher vielleicht nicht im Blickfeld hatten. Es gibt keine Linie mehr auf einem Plan, sondern ein 3D-Bauteil, das modelliert ist und mit einer Z-Koordinate in einem Gebäude verortet wurde. Das hat man früher in der 2D-Planung nicht gehabt. Aber mir macht das Spaß, ich modelliere gern, und die Macken der Software zu erkennen und sich dabei weiterzuentwickeln, das bleibt nicht aus. Das ist nun mal die Arbeitswelt, in der wir heute leben. Wir können mitmachen, oder wir verpassen den Anschluss.

Tragwerksplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Temporäre Abstützung (Bild: MVD-Plan)

Tragwerksplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Neue Bauteile (Bild: MVD-Plan)


Tragwerksplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Neue Bauteile (Bild: MVD-Plan)

 


Tragwerksplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Gesamtansicht (Bild: MVD-Plan)

Tragwerksplanung: Empfangsgebäude Bahnhof Pinneberg, Gesamtansicht (Bild: MVD-Plan)


Gesprächspartner

Stephan Falke

  • DB Station&Service AG, Berlin
  • Objektentwicklung und Planung, Projektmanagement Entwicklungsprojekte
  • Projektleiter Pinneberg Empfangsgebäude, Gesamtkoordination Projekte Bahnhof Pinneberg
  • deutschebahn.com

Ute Brüers

  • Vermietung/Pojektentwicklung im Regionalbereich Nord

Mathias Kellner

  • IBK Elektroplanung, Schwerin

Anja Müller

  • MVD Plan (Mayer-Vorfelder und Dinkelacker), Dresden
  • Tragwerksplanung
  • mvd-plan.de

Christian Grohmann

  • Ebert Ingenieure GmbH, München
  • Bauphysik
  • eb-ing.com

André Waltenberger

  • Häcker Planungsbüro GmbH & Co. KG, Weingarten (Baden)
  • Aufzugsplanung

>> Lesen Sie auch Teil 1 des Interviews: "O Gott, BIM! Was sind das für drei Buchstaben?"

Projektmanagement, Objektplanung und HLS-Planung am BIM-Objekt Bahnhof Pinneberg

© DB Station&Service AG
Virtuell begehbares 3D-Modell einer gastronomischen Einrichtung am Bahnhof Pinneberg
Kommentare
  • Keine Kommentare
Diesen Artikel teilen
Verwandte Fachartikel
Anzeige
botMessage_toctoc_comments_9210
Gratis Probeheft bestellen!