24.11.2020 |
Interview: Jürgen Winkler
Sie bezeichnen sich selbst als BIM-Ingenieurbüro 4.0 und sind eines jener Ingenieurbüros im Bereich der Technischen Gebäudeausrüstung, die Projekte vollständig BIM-basiert abwickeln können. Seit wann beschäftigen Sie sich mit BIM?
Seit zehn Jahren. Wir haben sehr früh versucht, zu verstehen, worum es bei Building Information Modeling geht: um die objekt- und prozessorientierte Denkweise. Gewünscht haben wir uns diese Denkweise bereits in den 1990er-Jahren mit AutoCAD. Vor zehn Jahren hat man noch sehr viel in CAD gearbeitet. Jedes Büro für sich, ohne Transparenz, aber mittlerweile liegt das Modell im Internet. Man kann bei der Fehlersuche auf Knopfdruck herausfinden, wer richtig liegt und wer sich irrt, wofür früher viel Aufwand betrieben werden musste. Diese Transparenz ist wichtig, um die korrekten Entscheidungen für das Projekt zu treffen oder Empfehlungen abgeben zu können. Das ist der wesentliche Unterschied zu früher, als vieles aus dem Bauch heraus entschieden wurde. Darauf aufbauend sind eine neue Projektkultur und eine offene Fehlerkultur zwingend erforderlich.
Der Einsatz von BIM gehört noch nicht in jedem TGA-Büro zum Alltag.
Mag sein, aber für uns ist der Einsatz von BIM selbstverständlich und notwendig, um den Nutzen zu generieren. Durch die datenbankorientierte Arbeitsweise ist auch die Sicherung der Qualität gewährleistet. Das Heizungsrohrnetz, das in AutoCAD manuell ausgelegt wird, ist beispielsweise oft fehlerhaft, was sich später in der Effizienz der Anlagen zeigt. Die Heizkörper werden nicht warm, oder die Pumpe ist zu klein dimensioniert und muss vergrößert werden. Das ändert sich mit BIM durch die objektorientierte Arbeitsweise sowie die Abhängigkeiten zu den Objekten. Innerhalb von wenigen Sekunden lässt sich mit einer Datenbankabfrage, die eine Farbskala über das ganze Model generiert, feststellen, ob es Rohre oder Formstücke gibt, die zu hohe oder zu niedrige Geschwindigkeiten aufweisen.
Nehmen Sie nur an Projekten teil, die als BIM-Projekte ausgeschrieben werden?
Die Projekte müssen uns interessieren und herausfordern. Wir planen meist komplexe Projekte wie beispielsweise Krankenhäuser. Wir unterstützen aber auch Planungsbüros und ausführende Firmen beim Modellieren.
Kann man daraus ableiten, dass BIM eher bei komplexeren Projekten Sinn ergibt?
Es kommt oft vor, dass bei Wohnhausprojekten bis zur Entwurfsplanung BIM für die Untergeschosse eingesetzt wird, in denen mehr Technik enthalten ist, und die Wohnungen als BIM-Musterwohnungen geplant und massenmäßig summiert werden. Insgesamt ergibt BIM vor allem dann Sinn, wenn Nachweise für Berechnungen (Heizlast, Kühllast, Druckverlust, Rohrnetz), Massen und Leistungsverzeichnisse generiert werden müssen. Damit sind eine sehr hohe technische Machbarkeit, Massengenauigkeit und Kostensicherheit sehr früh im Projekt garantiert.
Der Einsatz von BIM hängt auch ein bisschen davon ab, wie der Bauherr seine Prozesse für sich im Unternehmen lebt. Es gibt Bauträger oder Wohnbaugesellschaften, die schon in Richtung BIM denken und ihren Nutzen daraus ziehen. Vielfach fehlt aber zurzeit der Nutzen, weil Erkenntnisse aus der Planung, Ausführung und Betrieb der Immobilie selten zurückfließen, um zu verstehen, wie man es beim nächsten Projekt besser machen kann. Wenn ich Bauherr oder Investor wäre, dann würde ich die Daten von meinem Objekt in meiner Hand haben wollen, um aus diesen Datenstrukturen alles Notwendige zu generieren, auch mit Blick darauf, was ich verbessern kann. Das Gebäudemodell ist ja die Grundlage für viele Zertifizierungen, Bewertungen und Due Diligence Analysen.
Die Bedeutung des Gebäudemodells für die Lebenszyklus-Betrachtung ist noch nicht in der Branche angekommen?
Wenn ich das Gebäudemodell für das Facility Management nützen möchte, ist dafür ein anderes Weltbild erforderlich, eine sehr IT-affine Denkweise. Man kann das an einem Beispiel erklären. Angenommen, eine Lampe ist defekt. Dann muss der Lampentausch aus dem Modell heraus über die Global ID ausgelöst werden, die mit der IT und mit FM-Prozessen verknüpft ist. Sonst sind diese Vorgänge nicht nachvollziehbar, haben keine Konsistenz und Chronologie. Die meisten Bauherren sind aber kaufmännisch ausgebildet, da geht es um Zahlen in Excel-Listen, nicht um technische Zusammenhänge und Perfektion. Auch hier gilt es für uns Ingenieure und Techniker, komplexe Dinge zu vereinfachen, damit ein gemeinsames Verständnis auch für Branchenfremde verständlich ist.
Betreiben Sie deshalb eine hausinterne Softwareentwicklung?
Wir haben erkannt, dass das Gebäudemodell eine große Datenbank ist, deren Objekte zueinander in Abhängigkeiten stehen. Derzeit beschäftigen wir uns mit Bilderkennungsalgorithmen, sodass beispielsweise per Handy das Objekt erfasst, mittels Tiefenmessung abgemessen und mit dem Gebäudemodell abgeglichen werden kann. Damit können Bestandspläne generiert oder die Abrechnung automatisiert werden. Das ist der Grund, warum uns das objektorientierte BIM-Gebäudemodell so interessiert. Es wird viele Vorgänge wesentlich vereinfachen.
Sie sehen sich auch als Datenmanager?
Ja, und ich bin davon überzeugt, dass hier neue Berufsbilder entstehen werden. Letztlich muss das kaufmännische Weltbild mit dem technischen Weltbild (z. B. Manager, Ingenieure, Konstrukteure, Administrator, Entwickler) verbunden werden. Wir beobachten schon jetzt, dass nach der ingenieurtechnischen Konzepterstellung am weißen Blatt Papier ab dem Zeitpunkt, an dem die Arbeiten mit dem digitalen Modell beginnen, der Konstrukteur oder Modeler einen viel höheren Stellenwert erhält. Diese Position trägt wesentlich zur Qualität des Modells bei und erzeugt die notwendigen Parameter-Daten (Level of Information, LOD) für die beschlossenen Prozesse (Data Drops).
Nicht in jedem Projekt werden die beteiligten Firmen rechtzeitig in die Planung einbezogen. Vor allem bei komplexen Projekten verkompliziert die späte Einbindung den Planungsprozess zusätzlich. Wie gehen Sie damit um?
Das Projektleben als Planer ist schwer. Etwas auf einem weißen Blatt zu konzipieren ist schwieriger als etwas Bestehendes in Frage zu stellen. Daher ist der Planer zumeist damit beschäftigt, seine Planung zu verteidigen, was viel Energie kostet. Das BIM-Gedankengut bietet die Möglichkeit, gemeinsam neue Wege zu beschreiten, die für das Projekt zielführend sind. Wir sehen auch hier in den BIM-Projekten Veränderungen, wenn beispielsweise bereits im Entwurf der Ausführende gemeinsam mit dem Planer das Gebäudemodell entwickelt. Dadurch entfällt mit der Ausführungsplanung eine Leistungsphase, weil der Entwurf sofort in die Montageplanung übergeht. Genau in diesem Prozess besteht für alle Planer die Chance, ihr Geschäft neu zu definieren und die Bearbeitung auch für die Montageplanung zu übernehmen. Nur so kann der kontinuierliche Wissenszuwachs im Modell ohne Bruch garantiert werden.
Am Beginn des BIM-Planungsprozesses muss der Bauherr seine Entscheidungen viel früher treffen. Das hat mit den Ausführenden nichts zu tun. Es spielt keine Rolle, mit wem der Bauherr sein Projekt umsetzt. Er hat einen Architekten, einen Gebäudetechnikplaner und einen Statiker, die dafür da sind, um seine Idee umzusetzen und auf Papier zu bringen. Das muss passen, damit alle Ausführenden die Idee nachvollziehen und ohne viele Rückfragen umsetzen können. Die große Herausforderung besteht darin, dass sich der Bauherr bereits im Entwurf festlegen muss. Bisher sind die Projektbeteiligten gewohnt, bis zum Schluss alles zu ändern. Oft entstehen dadurch massive Lücken. Deshalb tauchen Probleme auf, und es entstehen Mehrkosten.
Ein Vorteil mit BIM ist auch die schnelle Umsetzung von Änderungen, beispielsweise beim Ändern in Plänen von Absolute auf Relative Höhenkoten. In traditionellen CAD-Systemen kann diese Änderung Tage dauern. Mit BIM ist das in wenigen Sekunden erledigt. Der Entwurf und die Ausführung gemäß HOAI wachsen zusammen. Dadurch wird der Gesamtzeitraum kürzer, doch die Massenermittlung erfolgt später, als das der Bauherr gewohnt ist. Die Planer haben die Möglichkeit, wieder mehr Leistungen zu übernehmen. Die Ausführenden werden sich aufgrund der Komplexität immer mehr auf die Montage zurückziehen
Viele Probleme entstehen durch mangelnde Kommunikation. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Gerade in BIM-Projekten existiert eine offene Fehlerkultur, weil alle Beteiligten von Anfang an sehr offen kommunizieren. In traditionellen Projekten wird dagegen oft versucht, Fehler zu vertuschen. Das funktioniert mit BIM nicht mehr und erfordert neues Denken und Handeln im Bauprozess.
Führt BIM dazu, dass die Bedeutung des Claim Managements abnimmt?
Momentan enden viele Projekte mit Schuldzuweisungen. Man sucht immer das schwächste Glied in der Kette. Ziel muss es sein, dass sich die Kultur in den Projekten ändert und jedes Unternehmen einen fairen Nutzen aus dem Bauprojekt ziehen kann. Es sind auch Hilfestellungen für andere Projektbeteiligte erforderlich. Am Ende sollen alle Parteien ein gutes und faires Geschäft machen.
Sie sind ein österreichisches Unternehmen. Warum wickeln sie zurzeit vor allem Projekte in Deutschland ab?
Deutschland ist ein viel interessanterer Markt für uns, weil wir dort mehr lernen und verdienen. Die sehr umfangreiche VDI6026 definiert genau, was in welcher Projektphase zu liefern ist. In Deutschland wird nach der HOAI abgerechnet. Abgesehen davon, dass der deutsche Markt viel größer ist, ist die Bezahlung in Österreich ziemlich schlecht, und die Planung hat eine entsprechend schlechtere Qualität. In Österreich beginnt gerade ein Umdenken. Die Bauherren haben verstanden, dass sie mehr zahlen müssen und dafür auch mehr Qualität erhalten. Bei Nachlässen von mehr als 20 Prozent wird klar, dass sie auf Kosten der Qualität gehen müssen.
Die zukünftigen BIM-Projekte erfordern mehr hochqualifiziertes Personal. Auch hier wird sich herausstellen, dass die Vergabe von Mittel- und Großprojekten an kleine Büros mit ein oder zwei Mitarbeitern noch mehr Schaden verursachen wird, als das bisher der Fall war. Die Planer haben verstanden, dass sie bessere Qualität liefern müssen und auch mehr in die Konstruktion investieren müssen.
Spielt der Stufenplan 4.0 in Deutschland eine positive Rolle für BIM-Projekte?
Die Unterstützung der Politik in Deutschland, BIM Zug um Zug einzusetzen, hat sicherlich befruchtend gewirkt. Die Deutschen sind offener, BIM auszuprobieren. In Österreich gibt es eher eine Ablehnung gegen Neues. Wir haben Präsentationen für BIM-Projekte in Österreich erlebt, bei denen versucht wurde, dem Bauherrn BIM auszureden. Das ging von der Behauptung, er hätte viele Nachteile, bis zu Verschwörungstheorien. Sowas kommt meist von Unternehmen, die in den vergangenen Jahren nicht in die BIM-Technologie investiert haben und jetzt kostenintensiv handeln müssen, um die Vorgaben zu erfüllen.
Wird der österreichische Merkmalserver einen Schub für die BIM-Methodik bringen?
Der Merkmalserver ist eine gute Idee, aber er ist nicht praxistauglich, weil es keine Einigkeit bei der Begrifflichkeit gibt. Auch bei der Entwicklung gibt es Meinungsverschiedenheiten. Wir arbeiten mit eigenen standardisierten Bibliotheken, die unsere Prozesse, Berechnungen und Ausschreibungen abbilden. Anders geht es zurzeit nicht. Man kann gewisse Dinge zukaufen, aber Herstellerdaten fügen wir nicht ein. Dafür ist das technische Gebäudemodell nicht da, um genau zu sehen, wie die Schrauben im Detail aussehen. Das ergibt in unserer Planung keinen Sinn, weil wir auf technische Funktion, Parameter und Schnittstellen fokussieren.
Der notwendige Grad der Modelliertiefe war immer wieder Gegenstand von Diskussionen zwischen Herstellern und Planern.
Das Problem war eher, dass die Leute zuerst gemacht und dann gedacht haben. Bei BIM ist es wichtig, am Anfang viel Zeit zu investieren und sich genau zu überlegen, wie die Strategie aussieht, welche Informationsanforderungen und Data Drops benötigt werden, wie die Abwicklung erfolgt, welche Prozesse notwendig sind. Welchen Input brauche ich, welchen Output muss ich wann und wie generieren? Was steht im Vertrag mit allen Anhängen? Welche Auswirkungen hat der Vertrag auf mein Modell?
Wenn ich diese Fragen nicht geklärt und in Prototypen einvernehmlich mit den Projektpartnern durchgespielt habe, entsteht für alle ein großer Mehraufwand wegen der mehrfachen Bearbeitung. Dann ist das Projektziel nur mit sehr viel Mehraufwand zu erreichen.
Daran krankt auch der Merkmalserver. Wenn ein Ziel des Merkmalservers darin besteht, dass alle Beteiligten von denselben Dingen sprechen, also dieselben Begriffe und Einheiten verwenden, und das sogar sprachübergreifend Deutsch-Englisch, dann ist das eine gute Sache. Aber wenn man sich die Objekte im Bereich der TGA anschaut, die darin abgebildet sind, dann besteht hier viel Aufholbedarf. Das liegt an der TGA-Branche. Sie ist leider sehr introvertiert und hält sich beim Merkmalserver zu stark zurück.
Das widerspricht dem großen Vorteil von BIM, eine Planungsmethodik für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zu sein.
Sie können wirklich eine große Anzahl an Daten generieren. Entscheidend ist immer, was der Bauherr will. Verkauft er die Immobilie, oder betreibt er sie selbst? Derzeit werden bei manchen Projekten Daten ohne Ende und Strategie generiert, und keiner hat mehr einen Überblick. Das produziert Datenfriedhöfe, die niemand nutzen kann, weil nicht strategisch und prozessorientiert gedacht wird. Nehmen wir als Beispiel eine Klimaanlage. Mit AKS-Nummer, Datenpunkt-Nummer, elektrischer Leistung, Kühlleistung, Heizleistung, Informationen hinsichtlich Wartung, Kühlmittel usw. bekomme ich locker 100 Parameter zusammen. Aber die blasen das Modell unnötig auf und müssen phasenorientiert in der Informationsanforderung über die Projektphase (LOD) abgebildet werden. Hier ist Expertenwissen erforderlich, um die Daten von Beginn an richtig zu kanalisieren.
Was schlagen Sie als Lösung vor?
Der, der das Geld auf den Tisch legt, muss sich überlegen, welche Parameter er wann und wie benötigt. Aber das passiert nicht, weil meist niemand über das entsprechende branchenübergreifende Wissen verfügt, oder weil der Bauherr noch nicht sagen kann, wer der FM-Betreiber ist bzw. welches System oder welche FM-Software eingesetzt wird. In Wirklichkeit müsste das FM schon in der Planungs- und Entwurfsphase beauftragt werden, damit sich die entsprechenden Prozesse abbilden lassen. Auch das Fachwissen über mehrere Gewerke (HKLS, Elektro, MSR, Bau) ist erforderlich, um technische Prozesse und eine Schnittstellenmatrix hinsichtlich Datenaustausch während der Planung und Ausführung zu gewährleisten.
Die Abhängigkeiten im BIM-Modell spiegeln die Abhängigkeiten zwischen den Projektbeteiligten wieder. Um den Projekt- und Datenfluss aufrechtzuerhalten, muss der Datenexperte genau wissen, wer braucht wann was und von wem. Hier verbinden sich mehrere Weltbilder zu einem großen Ganzen. Wir wollen die Bauherren dabei unterstützen, dass sie die Projektstruktur über eine systematische Methode dem Issue Tracking vorgeben, das von allen Projektbeteiligten genutzt wird. Wenn man über diese Daten verfügt, kann man sie laufend analysieren und Verbesserungen anstoßen.
Sie sind über die Plattform BIM Experts auch in der Beratung tätig. Unterstützen Sie eher Bauherren oder die Ausführenden?
Wir unterstützen beide. Wir wollen ja, dass BIM vorankommt. Je mehr Fachexperten im Markt unterwegs sind, die Kenntnisse von der BIM-Methodik haben, desto leichter ist es für alle Beteiligten in den BIM-Projekten. Das Weitergeben des eigenen Wissens ist in unserer Branche leider nicht üblich, denn ein Ingenieur¬büro lebt u. a. von seinem Wissensvorsprung gegenüber den Mitbewerbern. Ich sehe das aber nicht so.
Viele Planer zögern, ihr Know-how mit anderen Büros zu teilen.
Da herrscht zum Teil noch eine altmodische Denkweise. Ich weiß allerdings, dass wir mit unseren Prozessen und unserem Know-how sehr weit voraus sind. Da verschwende ich keine Energie, um nachzudenken, ob jemand unser Know-how kopiert. Selbst wenn er es macht: Wir sind immer einen Schritt weiter.