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22.02.2021 | Jürgen Winkler

„BIM ist WIN!“

Politikerin im Interview

Ina Scharrenbach drückt aufs Tempo. Die Bauministerin von NRW will in den landeseigenen Baubehörden die Bearbeitung digitaler Bauanträge einführen – noch in diesem Jahr.

Frau Ministerin, BIM fristet auf landespolitischer Ebene meist ein Schattendasein. Eine Ausnahme bildet Nordrhein-Westfalen. Hier bekennt sich die Landesregierung explizit zu BIM. Was gab den Anstoß für die Aufnahme des Themas BIM in den CDU-FDP-Koalitionsvertrag von NRW?

Nach der NRW-Wahl 2017 haben wir von der rot-grünen Vorgängerregierung große Baustellen im Bereich der Baupolitik geerbt. In den Jahren vor 2017 wurde in Nordrhein-Westfalen viel zu wenig gebaut. Deshalb haben sich die Koalitionäre insbesondere mit den Fragen beschäftigt, wie die Baupolitik gestärkt werden kann, um wieder das Vertrauen der Investoren in die Märkte in Nordrhein-Westfalen zu erlangen, und wie sich Beschleunigungseffekte in der Bauindustrie erreichen lassen. Zu einem der Beschleunigungseffekte gehört Building Information Modeling.

Die Beschleunigung soll sicher auch den Wohnungsbau forcieren.

Ja, der Bau insgesamt soll beschleunigt werden.

Nehmen Sie dafür den Stufenplan Digitales Planen und Bauen als Richtschnur, den das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2015 veröffentlichte?

Wir haben uns natürlich den Stufenplan Planen und Bauen angesehen, zumal das Bundesland Hamburg im Auftrag der Bauministerkonferenz als Leitstelle die Spezifikationen XBau 2.0 für den bauaufsichtlichen Bereich und XPlanung 5.0 für den Planungsbereich bereitstellt. Diese Austauschstandards besitzen für die gesamte Bundesrepublik eine hohe Relevanz. Der Stufenplan selbst ist für uns nicht handlungsführend. Wir haben geprüft, was können wir in Nordrhein-Westfalen beitragen, wo fehlen noch Basics bei den Planerinnen und Planern, aber auch in den Behörden und Hochschulen. Zusammen mit diesen Praktikerinnen und Praktikern haben wir entsprechende Handlungsfelder identifiziert, die wir jetzt zur Umsetzung bringen.

Sie wirken auch auf die Hochschulen ein, damit dort mehr BIM gelehrt wird?

Wir haben zum einen in meinem Ministerium das BIM-Kompetenz-Center gegründet, das abteilungsübergreifend die verschiedenen Kompetenzen und Stärken zusammenbringt. Einen der ersten Workshops im BIM-Kompetenz-Center haben wir mit Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen in Nordrhein-Westfalen organisiert, die bereits BIM-basierte Module in den jeweiligen Studiengängen anbieten. Das Entscheidende bei BIM ist ja, dass auch an Hochschulen mit einer Sprache gesprochen wird. Das ist in der Praxis mitunter noch schwierig. Wer mit BIM arbeitet, kennt die vielen Leitfäden, in denen steht, was man wo, wie und wann bezeichnet. Diese gemeinsame Sprache ist für das Grundverständnis wichtig, um wirklich etwas zu bewegen.

Aufgrund der Hochschulautonomie ist Ihr Einfluss aber begrenzt. Die Professoren und Dozenten können selbst entscheiden, ob sie BIM lehren – oder auch nicht.

Zumindest beim Workshop waren alle Beteiligten aus den Hochschulen sehr motiviert. Sie haben ausführlich darüber diskutiert, in welchem Studiengang und mit welchen Inhalten sie BIM lehren. Es gibt auch den Konsens, dass in den Hochschulen eine einheitliche Sprache erforderlich ist, die von den Absolventen in die Wirtschaft getragen wird. Bestimmte Bezeichnungen, Anwendungen oder Umsetzungen in der BIM-Methodik müssen an allen Hochschulen gleich lauten, um keine Unverständlichkeiten zu provozieren. Für diese einheitliche Sprache sind Handlungsleitfäden gedacht, die zurzeit erstellt werden. Sie sollen den Transfer von wissenschaftlichem Know-how in die Praxis vorantreiben. Außerdem wollen wir das Thema BIM auch in den Kommunen fördern, denn am Ende werden es die Bauaufsichtsbehörden sein, die mit BIM-basierten Bauanträgen zurechtkommen müssen.

Die Bauaufsichtsbehörden sind demnach auch in NRW noch nicht flächendeckend BIM-fähig?

Das gibt es in der gesamten Bundesrepublik noch nicht flächendeckend. Wir sind jetzt dabei, mit dem Baugenehmigungsverfahren eines der komplexesten Verwaltungsverfahren zu digitalisieren. Dazu haben wir 2018 in Nordrhein-Westfalen ein Modellprojekt mit sechs Kommunen aufgesetzt und die Kommunen ganz bewusst gemischt. Kommunen, die bereits mit der Digitalisierung begonnen hatten, sind ebenso dabei wie Kommunen, die noch nicht digital aktiv waren. Dadurch profitieren die Kommunen voneinander. Als ersten Schritt haben wir im Frühjahr 2020 das Bauportal.NRW gestartet. Ab Anfang 2021 sollen Bauanträge in einfachen Baugenehmigungsverfahren freigeschaltet werden.

Dürfen die Bauaufsichtsbehörden ihre eigene Software wählen?

Welche Technik die Bauaufsichten verwenden, ist egal, weil dann der Austauschstandard XBau funktioniert. Der übergreifende Austausch der Daten ist ja der Sinn des Ganzen.

Warum starten Sie mit Bauanträgen in einfachen Baugenehmigungsverfahren?

Weil wir bei diesen Bauanträgen im Vergleich zu Vollgenehmigungsverfahren nur reduzierte Prüfschritte haben. Finales Ziel soll der BIM-basierte Bauantrag sein. Den kann man nicht ad hoc einführen, das geht nur über mehrere Stufen. Die erste Stufe ist erledigt. Wir sind jetzt dabei, die zweite Stufe zu nehmen, und danach folgt als dritte Stufe der BIM-basierte Bauantrag.

Wie organisiert Ihr Ministerium die BIM-Einführung?

Als wir mit der Digitalisierung des Baugenehmigungsverfahren begannen, wollte ich wissen, wo welche Kommune steht, denn Digitalisierung heißt ja auch Zentralisierung. Deshalb haben wir eine Kommunalabfrage durchgeführt. Als Ergebnis kam heraus, dass damals nur sehr wenige Kommune dabei waren, das Baugenehmigungsverfahren zu digitalisieren. Aus meiner Sicht war das positiv. Das gab uns die Chance, einheitliche Standards und Verfahren zu entwickeln, die in allen Bauaufsichtsbehörden zur Anwendung kommen. Wir haben in Nordrhein-Westfalen 212 untere Bauaufsichten. Die sechs Bauaufsichten, die wir für das Modellprojekt gewinnen konnten, und die fehlenden 206 Bauaufsichten bringen wir zusammen, indem wir sagen, ihr werdet regelmäßig bezüglich des aktuellen Arbeitsstandes mitgenommen.

Setzen Sie dabei auf Freiwilligkeit, oder wird es nach erfolgreicher Stufe 3 einen Erlass aus Ihrem Haus geben, der die Bauaufsichten ab Tag X zur BIM-Methodik verpflichtet?

Der erste Schritt, den wir mit dem Bauportal.NRW realisiert haben, ist noch freiwillig. Jetzt sind wir, wie gesagt, bei der zweiten Stufe mit der Freischaltung der Bauanträge für das einfache Baugenehmigungsverfahren, und am Ende folgt der BIM-basierte Bauantrag. Das ist aber nur zielführend, wenn alle 212 unteren Bauaufsichten an das Verfahren angeschlossen sind. Ob ich das per Erlass anordne, kann ich noch nicht sagen. Bis jetzt ist die Freiwilligkeit und das Mitmachen-Wollen sehr hoch ausgeprägt.

Gibt es einen Zeitplan für die zweite und dritte Stufe?

Spätestens 2021 sollen alle unteren Bauaufsichten an die Technik angeschlossen sein, um Bauanträge für das einfache Baugenehmigungsverfahren digital zu bearbeiten. Das erfordert auch Änderungen in den jeweiligen Kommunalverwaltungen, denn mit einer neuen Hardware und Software ist es nicht getan. Da müssen ganze Organisationsabläufe umgestellt werden. Manchmal ist die Technik schneller gekauft, als dass der Mensch sich der Technik annimmt. Das ist ganz natürlich, jeder Mensch reagiert anders auf eine neue Technik.

Meines Wissens ist NRW das einzige Bundesland, in dem die Förderung von BIM im Koalitionsvertrag steht.

Ja, da sind wir die Einzigen.

Sie verfolgen damit eine ehrgeizige BIM-Strategie.

(lacht) Die Strategie von BIM in Nordrhein-Westfalen kann man in drei Worten zusammenfassen: BIM ist WIN!

Wirkt sich diese Strategie auch auf andere Landesregierungen aus, die sich durch Ihr Engagement motiviert fühlen, ebenfalls BIM zu fördern?

Wir stehen mit allen Bundesländern im regen Austausch. Das bedingt schon das Onlinezugangsgesetz. Dessen Verpflichtung, die Verwaltungsverfahren zu digitalisieren, gilt in der ganzen Bundesrepublik. Das Ziel muss nun darin bestehen, die digitalen Verfahren zwischen allen 16 Bundesländern kompatibel zu gestalten. Es wird zwar immer beklagt, dass die Bauordnungen voneinander abweichen, aber im materiellen Recht ist das nicht der Fall, da gibt es eine Übereinstimmung von 90 Prozent. Zum Teil sind aber die Verfahren sehr unterschiedlich, je nachdem, wie sie in den jeweiligen Ländern historisch gewachsen sind und wer dort welche Zuständigkeiten besitzt.

Wie ist das Verhältnis von öffentlichen und privaten BIM-Projekten in NRW?

Wir haben zum einen den Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes, der sehr gut mit BIM unterwegs ist. Auch bei Straßen.NRW soll BIM verstärkt eingesetzt werden, um die Bauprojekte zu beschleunigen. Beim privaten Bau haben wir als bisher prominentestes Projekt das erste 3D-gedruckte Haus in Beckum auf den Weg gebracht. Das Haus wurde mit BIM geplant, anders wäre das gar nicht realisierbar gewesen.

Wir haben aber auch die Situation, dass viele Architektinnen und Architekten sowie Ingenieurinnen und Ingenieure in kleineren Büros noch nicht so weit sind. Bei den großen Büros und mittelständigen Unternehmen ist das anders, hier zieht BIM langsam ein. Da wird es in der nächsten Zeit noch mehr Schübe geben, wenn man sieht, welchen Mehrwert die Digitalisierung bietet.

© MHKBG 2017/F. Berger
Autor

Diplom-Betriebswirtin (FH) Ina Scharrenbach studierte an der Fachhochschule Dortmund Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Rechnungswesen, Steuern und Controlling. Bis zur Landtagswahl 2012 war sie in Dortmund bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young tätig. Seit der Landtagswahl 2012 ist sie stellvertretende Landesvorsitzende der CDU in Nordrhein-Westfalen. Nach der Landtagswahl 2017 wurde sie zur Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen im Kabinett Laschet berufen. (Bild: MHKBG 2017/F. Berger) mhkbg.nrw

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